Bauen

Die Dachlandschaft des Warschauer Bahnhofs. (Foto: Vodicka)

03.05.2013

Spektakuläre Gebäude à la NewYork

Warschau: Die neueste Spielwiese für Architekten

Manche sind vom Aufschwung Warschaus nach 1989 so begeistert, dass sie die 1,7 Millionen Einwohner zählende polnische Hauptstadt gar als neues Manhattan bezeichnen. Tatsache ist: In den letzten Jahren wurde und wird viel gebaut.
Schön ist etwas anderes. Das finden auch viele Polen beim Anblick der neuesten architektonischen Attraktionen in ihrer Hauptstadt. Seit 1989 vollzog sich auch die Wende in der monumentalen Warschauer Architektur und immer mehr gläserne Gebäude entstanden. Den Anfang machte der Blaue Wolkenkratzer (Blue Tower), der Anfang der 1990er Jahre am Bankenplatz an der Stelle der ehemaligen Hauptsynagoge fertiggestellt wurde. Die interessantesten modernen Gebäude entstanden entlang der Johannes Paul II. Allee und der Emili Plater Straße westlich des Kulturpalasts. Einzelne hervorragende Architekturbeispiele befinden sich auch außerhalb des Finanzviertels, wie zum Beispiel der Warsaw Trade Tower oder das Metropolitan.
Meisterwerke der letzten Jahre sind die Goldenen Terrassen an der Weichsel, das Gebäude des Höchsten Gerichts und die neue Universitätsbibliothek mit dem Wissenschaftsmuseum Copernicus Science Center. In dem südlichen Vorort Wilanów wurde die Nationalkirche Polens errichtet. Der „Tempel der Göttlichen Vorsehung“ ist sehr monumental ausgefallen. Der graue Betonbau wirkt einschüchternd. Auch das neue Stadion, entworfen vom Hamburger Büro gmp Architekten von Gerkan Marg und Partner, ist nicht mit Begeisterung aufgenommen worden. Dabei erstrahlt der 400 Millionen Euro teure Austragungsort des Eröffnungsspiels der Fußball-Europameisterschaft 2012 in den Nationalfarben Weiß und Rot.
Seit der Wende legt Warschau immer mehr sein Plattenbauten-image ab und sogar das höchste Gebäude der Stadt, der Kulturpalast, wird langsam von modernen Hochhäusern verdrängt. Der amerkanische Architekt und Stadtplaner Daniel Libeskind, der einer polnisch-jüdischen Familie entstammt, betrachtet seinen Neubau neben dem kommunistischen Kulturpalast ganz explizit als ein Symbol für den Wandel in Polens Hauptstadt. Denn bis heute gleicht das Zentrum Warschaus in vielen Bereichen einem Torso.

Der Abriss des Kulturpalasts stand nie zur Debatte


Der kompletten Zerstörung im Zweiten Weltkrieg folgte in den 1950er Jahren zwar einerseits der originalgetreue Wiederaufbau der Altstadt, andererseits erhielt Warschau seinen Kulturpalast von Stalin „geschenkt“, der mit einer Höhe von 231 Metern und seiner monumentalen Architektur im Stil des sozialistischen Klassizismus bis heute das Stadtbild prägt.
Ein Abriss des bis heute verhassten Gebäudes stand nie ernsthaft zur Debatte. Doch im Verbund mit mehreren anderen Wolkenkratzern wie dem Intercontinental Hotel (163 Meter), dem Warsaw Trade Tower (208 Meter) und dem „Rondo 1-B“ (194 Meter) wird der Neubau von Libeskind jetzt dazu beitragen, dass die Stadt nicht länger durch den Kulturpalast dominiert wird.
Nach diversen Verzögerungen scheint es jetzt, als könne der 192 Meter hohe Wohnturm Zlota 44 im Zentrum von Warschau tatsächlich zu Ende gebaut werden. Der spektakuläre, auf halber Strecke zwischen Altstadt und Hauptbahnhof platzierte Neubau von Libeskind soll auf 54 Geschossen insgesamt 251 Luxus-Apartements bieten. Charakteristisches Merkmal des Entwurfs ist die asymmetrisch geschwungene, aus verschiedenen Geometrien kunstvoll zusammengesetzte Silhouette des Hochhauses, die ihm bei den Warschauern schnell den Beinamen „Segel“ eingebracht hat. Lange Zeit hatte es so ausgesehen, als würde der Neubau als teure Bauruine enden.
Der Grundstein für das weithin beachtete Projekt war im September 2008 gelegt worden. Kurz darauf war dem Investor allerdings über Nacht das Geld ausgegangen. Und als die Bauarbeiten im Sommer 2010 fortgesetzt werden sollten, fehlte plötzlich die Baugenehmigung, weil Anwohner gegen das Projekt geklagt hatten. Schließlich wurde entschieden, dass der bis dahin bereits 17 Geschosse hohe Rohbau tatsächlich weitergebaut werden darf. Und spätestens bis Ende 2013 soll der Neubau dann bezogen und fester Bestandteil der Warschauer Skyline sein.
Direkt gegenüber, im Schatten des postmodernen Segelbaus Libeskinds steht an der ehemaligen Prachtstraße Al. Jerozolimskie eines der letzten Zeugnisse Warschauer Geschichte: Das Hotel Polonia Palace ist die letzte Überlebende der Belle Epoche Polens. Seit seinem Bau hat es den Krieg und politische Krisen unbeschadet überstanden und steht heute sowohl für das Moderne als auch das historische Warschau. Erbaut wurde das Polonia Palace von Konstanty Przedziecki, Mitglied einer angesehenen Aristokratenfamilie. Es wurde am 14. Juli 1913 eröffnet und überraschte seine Gäste mit einigen für die damalige Zeit eher seltenen Annehmlichkeiten, wie zum Beispiel fließendem kalten und warmen Wasser in jedem Zimmer sowie Zentralheizung und Direktwahltelefone.
Mit seiner von der Pariser Architektur inspirierten Fassade brachte das Polonia Palace auch den Glamour der 1920er Jahre nach Warschau. Das Hotel hatte das große Glück, den Zweiten Weltkrieg als einziges Gebäude im weiten Umkreis völlig unbeschadet zu überstehen. So wurde das Polonia Palace zum Hotel für alle Diplomaten, die nach Warschau kamen und beherbergte in seinen Räumen sogar einige Botschaften.
Nachdem 1989 die kommunistische Ära in Polen zu Ende ging, entwickelte sich das Polonia Palace umso schneller. Dabei hatte man den Blick in die Zukunft und die Moderne gerichtet, ohne aber dabei den Pulsschlag seiner langen Tradition zu vergessen. 2005 wurde das Hotel nach zweijähriger Renovierung und Modernisierung wiedereröffnet. Allein an den Wänden des historischen Ludwikowka Ballsaals von 1913 wurden 15 Kilogramm Blattgold verarbeitet. So entstand ein interessanter innenarchitektonischer Mix aus Tradition und Moderne. (Sonja Vodicka)

(Das neue Stadion, geplant vom Hamburger Büro gmp Architekten - Foto: Vodicka)

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