Bauen

Kammerpräsident Heinrich Schroeter. (Foto: Birgit Gleixner)

08.02.2013

Verantwortung für Sicherheit und Qualität

Der 21. Bayerische Ingenieuretag stand unter dem Motto "Ingenieure gestalten Zukunft"

Das Thema des diesjährigen Ingenieuretags lautete: „Ingenieure gestalten Zukunft“. Eins ist sicher, erklärte Heinrich Schroeter, Präsident der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau: „Wenn es um das Planen und Bauen für die Zukunft geht, dann ist die Energiewende aktuell die größte Chance und Herausforderung für unser Land.“ Die Politik setze die Rahmenbedingungen und stelle die Weichen. „Aber es sind die Ingenieure, die die Energiewende praktisch und vor Ort umsetzen.“ Denn kein anderer Berufsstand ist laut Schroeter an all den einzelnen Schritten und Projekten so stark beteiligt wie die Bauingenieure.
Die Bayerische Ingenieurekammer-Bau versteht sich als Dienstleistungskammer. Als eine Kammer von Mitgliedern für Mitglieder, betonte Schroeter. „Aber wir verstehen uns natürlich nicht nur als Dienstleistungskammer für unsere Mitglieder, sondern auch als Dienstleister für die öffentlichen und die privaten Auftraggeber sowie für die Ämter und Verwaltungen.“
Gleichzeitig wies er darauf hin, dass die Bayerische Ingenieurekammer-Bau – im Gegensatz zu fast allen anderen Kammern – eine Kammer ohne echte Pflichtmitgliedschaft ist – also eine reine Kammer der Freiwilligen. Und die freiwillige Entscheidung für eine Mitgliedschaft in der Kammer erreiche man nur, „wenn wir unseren Mitgliedern einen Mehrwert und konkrete Vorteile bieten“. Deswegen zeigte sich Schroeter besonders stolz darauf, dass man als eine von ganz wenigen Kammern in Deutschland, steigende Mitgliederzahlen hat.
Als weiteres wichtiges Ziel der Kammer-Arbeit nannte Schroeter die Steigerung der öffentlichen Wahrnehmung des Berufsstands. „Wenn es um das Bild der Ingenieure in der Öffentlichkeit geht, ist neben der Präsenz vor Ort durch unsere Regional- und Hochschulbeauftragten die Platzierung von Ingenieuren als Experten in der öffentlichen Wahrnehmung von entscheidender Bedeutung – für unsere Auftraggeber genauso wie für unsere Kunden und Partner.“ Damit zeige die Kammer zum einen, in wie vielen unterschiedlichen Bereichen Ingenieure im Bauwesen tätig sind, und zum anderen, in welch großem Ausmaß sie Verantwortung für Sicherheit und Qualität tragen.
Ingenieure würden insbesondere Verantwortung tragen für eine funktionierende Infrastruktur, für die Sicherheit von Bauwerken, für ein zeitgemäßes und zukunftsfähiges Planen und Bauen sowie für einen Wettbewerb bei Qualität und Innovation statt einen reinen Preiswettbewerb. Dies gehe nur durch den intensiven Austausch untereinander – aber auch mit der Politik, der Gesellschaft und der Öffentlichkeit sowie durch eine interdisziplinäre Zusammenarbeit über die einzelnen Fachdisziplinen hinweg. „Dafür stehen wir und dafür setzen wir uns nachdrücklich und selbstbewusst ein.“
Im Zusammenhang mit dem Trauerspiel und den gegenseitigen Schuldzuweisungen um den neuen Berliner Flughafen zeige sich, so der Kammer-Präsident, wie wichtig dieser gegenseitige Austausch sowie eine fachübergreifende Zusammenarbeit und Kommunikation sind. Gerade wenn es um Planungs- und Investitionsentscheidungen von derartiger Bedeutung gehe, brauche die Politik dazu sachkundige Experten. „Und das sind vor allem eben wir – die Ingenieure.“

Aktive Gestaltung
der Zukunft


Gerade vor dem Hintergrund des Klimaschutzes und angesichts der Herausforderungen des energetischen Wandels würden herausragende Ingenieurleistungen und technische Innovationsstärke weiter an Bedeutung gewinnen, betonte Schroeter. „Damit leistet unser Berufsstand einen wertvollen Beitrag zur ökonomischen Entwicklung – und setzt bedeutende Impulse für Zukunftsfähigkeit, Innovation und wirtschaftlichen Erfolg.“ So gestalte man aktiv die Zukunft, denn es werde für die Menschen geplant und gebaut.
Gleichzeitig stellte Schroeter fest, dass die Anforderungen an Ingenieure stark im Wandel sind. Man stehe nicht nur vor technischen, sondern auch vor ganz neuen gesellschaftspolitischen Herausforderungen. Vieles müsse überdacht oder ganz neu gedacht werden:
„Wir brauchen neue Ideen, die sich durch einen verantwortungsvollen Umgang mit unseren Ressourcen, den innovativen Einsatz erneuerbarer Energien und nachwachsender Rohstoffe auszeichnen. Wir brauchen neue Lösungen, die Funktionalität, Wirtschaftlichkeit, Innovation und Ästhetik bei der Planung, Errichtung und Nutzung von Bauwerken vereinen. Wir brauchen neue Impulse für ein zukunftsfähiges, umweltschonendes und ganzheitliches Planen und Bauen.“
Von wem sollen diese Impulse, diese neuen Ideen und Lösungen kommen, wenn nicht von den Ingenieuren des Bauwesens selbst.
Bauminister Joachim Herrmann (CSU) wehrte sich in seiner Rede entschieden dagegen, dass jetzt – wegen der Fehlentwicklungen beim Flughafenneubau Berlin – behauptet wird, deutsche Ingenieure könnten keine Großprojekte mehr umsetzen. Das sei eine pauschale Verunglimpfung und stimme nicht.
Die bayerische Staatsbauverwaltung stelle mit ihren Bau- und Infrastrukturprojekten heute die Weichen für morgen. Energieeffizientes und ressourcenschonendes Planen und Bauen, die Nachhaltigkeit beim Bau und Betrieb von Straßen und Gebäuden sowie die demographischen Veränderungen würden zu den wichtigsten Handlungsfeldern zählen. Man entwickle dafür gemeinsam mit Ingenieuren und Architekten Konzepte und Strategien, betonte der Minister.

Ein wichtiger und zuverlässiger Partner


Die Bayerische Ingenieurekammer-Bau ist laut Herrmann für die Staatsbauverwaltung ein wichtiger und zuverlässiger Partner. Ohne die Kammermitglieder, ohne leistungsfähige und kompetente Ingenieure und Architekten könnte die bayerische Staatsbauverwaltung ein jährliches Bauvolumen von rund drei Milliarden Euro gar nicht umsetzen.
Allein im Hochbau werden in diesem Jahr über 1,5 Milliarden Euro in staatliche Bauprojekte investieren. Die Bandbreite reiche, so der Minister, von einer Sanierung der Basilika Ottobeuren bis zum Neubau eines Operations-Zentrums beim Klinikum Großhadern. Pro Jahr schließe die Staatsbauverwaltung rund 7000 Verträge mit freiberuflich Tätigen. Der Vergabeanteil von Planung und Bauleitung sei seit Jahren sehr hoch. Im staatlichen Hochbau betrage er bei großen Baumaßnahmen über 80 Prozent. Auch der Straßenbau werde in den kommenden Jahren nachziehen und Planungsleistungen würden verstärkt extern vergeben. Von daher sei eine gute und konstruktive Zusammenarbeit mit den Kammern und den freischaffenden Ingenieuren und Architekten für die bayerische Staatsbauverwaltung somit auch in Zukunft von elementarer Bedeutung.
Im Gebäudebestand stecken laut Herrmann sehr große Potenziale, Energie zu sparen. Zur Energiepolitik des Freistaats gehöre deshalb, die staatlichen Gebäude auf einen energetisch hohen Standard zu bringen. Besonders energieeffiziente Gebäude würden besonders hohe Anforderungen an die Planung und Bauausführung stellen. Nur selten können Standardlösungen und Einheitsverfahren angewendet werden. Für die komplexen Bauaufgaben müssten vielmehr innovative und kreative Lösungen gefunden werden, die aber auch wirtschaftlich und finanzierbar bleiben, so der Minister. Zu dieser Lösungsfindung würden Ingenieure unverzichtbare Beiträge leisten.
In diesem Zusammenhang plädierte Herrmnann dafür, bei der Novellierung der Energieeinsparverordnung Augenmaß zu wahren. Bayern werde – wie auch schon in der Vergangenheit – sehr genau darauf achten, dass der Bund nur Anforderungen stellt, die dem im Energieeinsparungsgesetz festgelegten Wirtschaftlichkeitsgebot genügen.
Beim Planen und Bauen für die Zukunft müsse man aber auch immer den demographischen Wandel im Blick haben, erklärte der Minister. Die Menschen würden immer älter. Viele wünschten sich, so lange wie möglich in ihrer vertrauten Umgebung zu bleiben. Doch die wenigsten Wohnungen seien darauf ausgerichtet. Nur etwa fünf Prozent der Mietwohnungen in Bayern seien bisher barrierearm. Das will die Staatsregierung ändern. Der Neubau von Mietwohnungen in Mehrfamilienhäusern werde mit Mitteln der Wohnraumförderung nur unterstützt, wenn sie barrierefrei gestaltet werden. Gefördert würden zudem neue Wohnformen wie zum Beispiel das Mehrgenerationenwohnen unter einem Dach oder Altenwohngemeinschaften.
Der altersgerechte Umbau von Wohnungen werde finanziell mit dem Bayerischen Modernisierungsprogramm unterstützt, erklärte der Minister. Von schwellenfreien Haus- und Wohnungszugängen sowie von ausreichenden Bewegungsflächen und breiteren Türdurchgängen würden nicht nur ältere Menschen, sondern auch Familien mit Kindern profitieren.

Die Möglichkeit der „Zustimmung im Einzelfall“

Bayern halte die Mittel für die Wohnraumförderung auf hohem Niveau. 2013 stünden hierfür 210 Millionen Euro zur Verfügung.
Der demographische Wandel zeigt sich in Bayern laut Herrmann auch darin, dass aus manchen ländlichen Regionen die Menschen wegziehen. „Wenn wir sie dort halten wollen, dann muss dort ein für sie attraktives Lebensumfeld geschaffen werden.“ Die Ortszentren und Innenstädte sollen ihre breite Mischung aus Wohnen, Arbeiten und Nahversorgung behalten beziehungsweise wieder erhalten.
Die Städtebauförderung könne hier viel Positives bewirken. Der Freistaat kofinanziere deshalb die Städtebauförderung des Bundes und der EU auch 2013/2014 mit jeweils rund 47 Millionen Euro. Hinzu kämen 48 Millionen Euro für das eigene Bayerische Städtebauförderungsprogramm.
„Innovationen gehören zu den Garanten einer stabilen und erfolgreichen Bautätigkeit; sie entscheiden mit über Zukunftschancen“, betonte der Bauminister. Bautechnische Innovationen verlaufen erfahrungsgemäß außerhalb der bautechnischen Regelwerke. Mit der „Zustimmung im Einzelfall“ gebe das Bauordnungsrecht einen sehr flexiblen Nachweis, wie sie eingesetzt werden können. So wurden schon viele spektakuläre Bauvorhaben mit einer „Zustimmung im Einzelfall“ der Obersten Baubehörde verwirklicht. Als Beispiele nannte Herrmann die Folienkissenfassade der Allianz Arena und die Stahl-Glas-Fassaden der BMW Welt in München.
Das Planen und Bauen für die Zukunft zeige sich auch beim Straßenbau, sagte der Minister. Ökologische Aspekte und Nachhaltigkeit würden beim Bau, Unterhalt und Betrieb der Straßen und Brücken immer stärker an Bedeutung gewinnen. Er freute sich daher sehr, dass die Bayerische Ingenieurekammer-Bau zusammen mit der Obersten Baubehörde den Ideenwettbewerb „Entwurf einer Straßenbrücke nach ganzheitlichen Kriterien“ durchgeführt hat. Hierbei wurden für eine Brücke im Zuge der B 15 neu neben der Gestaltung vor allem auch die ökologische, ökonomische, soziokulturelle und konstruktive Qualität der Wettbewerbsarbeiten bewertet.
Zur Nachhaltigkeit gehört für Herrmann auch die Lebensdauer eines Bauwerks. Darum lege die Staatsbauverwaltung im Straßenbau einen verstärkten Fokus auf den Erhalt der bestehenden Straßen. Die regelmäßig durchgeführten Zustandserfassungen und -bewertungen würden zeigen, dass sich der Substanzwert der Bundesfernstraßen in Bayern in den letzten zehn Jahren kontinuierlich verschlechtert hat; bei den Staatsstraßen habe man die Substanz dank gezieltem und deutlich erhöhtem Mitteleinsatz in den vergangenen Jahren weitgehend erhalten können.
Besonders kostenintensiv sind nach den Worten des Ministers die Sanierungen von Bauwerken, die oftmals in den 1960er und 1970er Jahren errichtet wurden und nun reparaturbedürftig sind. Um die verfügbaren Haushaltsmittel optimal einzusetzen und einen guten Zustand der Straßen und Brücken über einen langen Zeitraum zu gewährleisten, werde das Erhaltungsmanagement konsequent genutzt und weiterentwickelt.
Um allerdings für die Zukunft planen und bauen zu können, benötige man ausreichende Finanzmittel, erklärte Herrmann. Für die Bundesfernstraßen standen 2012 knapp 1,14 Milliarden Euro zur Verfügung. Diesen hohen Wert verdanke man der zusätzlichen „Verkehrsmilliarde“. Damit konnten neue Projekte begonnen, laufende Projekte verstärkt und beschleunigt sowie in die Bestandserhaltung investiert werden.
Mit dem Infrastrukturbeschleunigungsprogramm II stehen laut Herrmann auch 2013 zusätzliche Mittel zur Verfügung. Für heuer erwartet er ein ähnliches Investitionsvolumen wie 2012. Trotz der „Verkehrsmilliarden“ ist der Bun-desfernstraßenhaushalt nach Ansicht des Ministers knapp dotiert. Vor allem die in der mittelfristigen Finanzplanung vorgesehenen Mittel für die Bedarfsplanprojekte seien deutlich zu gering. „In unsere Staatsstraßen konnten wir 2012 insgesamt 222 Millionen Euro in den Umbau, Ausbau und in die Erhaltung investieren. 2013 und 2014 sind im Haushalt jeweils 215 Millionen Euro eingeplant, so dass wir das erreichte hohe Niveau fortführen können.“

Energiebedarf der Gebäude nicht außer Acht lassen


In seinem Vortrag stellte der frühere Bundesumweltminister Klaus Töpfer besonders die Bedeutung der energetischen Zukunft heraus. Er betonte, dass die Energiewende keineswegs nur im Kontext der Stromversorgung gesehen werden dürfe, da man vor allem den Energiebedarf von Gebäuden keinesfalls außer Acht lassen dürfe: „Es ist unmöglich, Energiewende zu machen, ohne bei den Bestandsgebäuden etwas zu tun. Denn 40 Prozent der Energie wird über Gebäude verbraucht.“
Deshalb forderte Töpfer: „Es reicht nicht, sich auf den Neubau zu konzentrieren. Wir müssen mehr tun bei der Sanierung im Gebäudebestand.“ Er erläuterte, dass derzeit nur ein Prozent der Bestandsgebäude pro Jahr saniert würde. „Also braucht man 100 Jahre, um durch zu sein. Und nach 50 Jahren muss man wieder von vorne anfangen“, so der ehemalige Bundesumwelt und Bundesbauminister. Er hatte auch einen Lösungsvorschlag: Man müsse die Sanierung des Bestands steuerlich fördern. Denn kein Trieb sei so stark wie der Steuerspartrieb. Das müsse man nutzen. Klar sei aber auch: „Es wird ohne Ingenieure die Energiewende nicht erfolgreich geben“.
(Friedrich H. Hettler)

(Bauminister Joachim Herrmann und Ex-Bundesumweltminister Klaus Töpfer - Fotos: Birgit Gleixner)

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