Bauen

Der umgebaute Hochbunker in München-Schwabing. (Foto: Hiepler, Brunier, Berlin)

04.07.2014

Vom Kriegsbunker zu Avantgardewohnungen

Eine ungewöhnliche Umnutzung in München

Dass man kommenden Generationen Spuren eines Zweckgebäudes aus dem Zweiten Weltkrieg erhalten und es gleichzeitig in eine positive Zukunftsnutzung transformieren kann, zeigt der Umbau des ehemaligen Hochbunkers (Baujahr 1943) Ecke Ungerer- Crailsheim Straße in Schwabing. Seit 2010 und kurz vor Verkauf des Bauwerks durch die Liegenschaftsverwaltung steht der siebenstöckige Luftschutzbunker mit einer Nutzfläche von rund 950 Quadratmetern unter Denkmalschutz, charakterisiert durch zweckmäßige Verschlossenheit. Der Schutzraum bot rund 650 Menschen Unterschlupf. In den 1980er Jahren wurde er zum ABC-Bunker umfunktioniert. Die reichhaltigen Natursteinverzierungen und der Travertin sollten den Bürgern damals Überlegenheit in der Bedrängnis des Kriegs signalisieren.
Der Immobilienmarkt reagierte 2010 verhalten auf das angebotene Bauwerk – damals noch ohne Baugenehmigung. Auf den ersten Blick ist die Lage nicht exponiert: weit im Münchner Norden unmittelbar an einer vierspurigen Hauptstraße und neben dem Nordfriedhof. Aber Stefan Höglmaier, Alleingesellschafter der Euroboden GmbH, schaute zwei Mal hin. Die Nähe zum Englischen Garten, der einen Steinwurf entfernt liegt, besticht ebenso, wie die U-Bahn ins Stadtzentrum direkt auf der anderen Straßenseite und fußläufig erreichbare Einkaufsmöglichkeiten.
Euroboden wagt jetzt eine Umnutzung des Bunkers zum Avantgarde-Wohnhaus mit Energiepass und gläsernem Penthouse. Höglmaier reizte die Bauaufgabe. „Es geht hier nicht nur um Lage, Lage, Lage, sondern um Architekturkultur“, sagt der 38-Jährige. „Denkmalschutz bedeutet, das historisch und politisch belastete als das, was es war zu erhalten, ohne es aufzuhübschen oder zu verwischen“, erklärt der verantwortliche Architekt Tim Sittmann-Haury von raumstation Architekten in Starnberg.

Hochwertiger Wohnraum im Beton, mit Blick ins Grüne

Beim gemeinsamen Abendessen entwarfen die Beiden den ersten Entwurf des ambitionierten Projekts auf einer Serviette. „Trotz aller Nachjustierung hat dieser Entwurf getragen und unsere Haltung zum Vorhaben hat von Beginn an gestimmt“, sagt Sittmann-Haury. Dem stimmte auch die Baubehörde und der Stadtheimatpfleger der Stadt München zu, der das Projekt als „architektonischen Glücksfall“ bezeichnet.
Die rund zweijährige Bauzeit erforderte Phantasie, Mut und technisches Spezialgerät. Bei den Betonrückbauarbeiten wurden gut 2000 Tonnen Masse bewegt. Bei Erhaltung der Lesbarkeit des verschlossenen Gebäudecharakters wurden jeweils sechs 2,2 auf 3,6 Meter große Öffnungen pro Fassade in den massiven Baukörper geschnitten und aus diesem herausgebrochen. Licht soll in die Räume fluten. Bei zwei Meter dicken Stahlbetonmauern ist das eine Herausforderung, deren Bewältigung gut sieben Monate dauerte. Im Vergleich mit anderen Bunkerumbauten sei das zügig gewesen, kommentiert der Bauträger.
Das Ergebnis lässt weit blicken und weist bis ins kleinste Detail angemessene Entscheidungen auf, die auch die Fachwelt beeindrucken. Sei es der in verschiedenen Dielenbreiten verlegte Eichenboden, in Anlehnung an die damals bei Errichtung des Bunkers verwendeten Holzschalung, die in weiße Passepartouts gerahmte Sichtbetondecken, das belassene Treppenhaus mit original Geländer und die erhaltenen Gebrauchsspuren am Naturstein der Fassade und des Travertins.
Auch das Innendesign zeigt in sämtlichen Details in elegant-moderner Fasson Massstäblichkeit zum „Eingehüllt sein“ in den Beton, beispielsweise in der Fliessung der Badezimmer. Energetisch wurde das Bauwerk mit Isolierglas, einer sechs Zentimeter dicken Kalzium-Silikat-Innendämmung, einem innenliegenden Sonnenschutz und kontrollierter Belüftung mit Wärmerückgewinnung fit gemacht. Der Bunker ist an die Fernwärme angeschlossen.
Entstanden ist hochwertiger Wohnraum im Beton, mit Blick ins Grüne, und Belichtung von allen vier Himmelsrichtungen. Die bodentiefen Lichtkojen bilden einen Raum im Raum und erhalten die Lesbarkeit der dicken Betonwände, die zu bewohnbaren Zwischenräumen „im Beton“ werden. Vom aufgestockten Penthouse mit Dachterrasse blickt man weit über die Stadt. Dort ist der Bauherr selbst eingezogen, die Vermietung der drei Wohnungen je 120 Quadratmeter in der 3. bis 5. Etage läuft aktuell. Im Erdgeschoss und 1. Obergeschoss öffnet eine Architektur- und Kunst-Galerie demnächst ihre Pforten. (Elke Kuehnle)

(Blick über München von der Dachterrasse des Penthouses; Raumansicht und Fliesung des Bads - Fotos: Hiepler, Brunier, Berlin)

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