Bauen

Der Meeting-Ballon von Renzo Piano. (Fotos: Wiegand)

04.02.2011

Von der Fabrik zum Kongresszentrum

Turin: Römerbauten, Barock und Renzo Piano

Als Gourmet-Ziel bekannt, kommen in Turin auch Architektur-Fans schnell auf den Geschmack. Unschwer können sie die Spuren der alten Römer entdecken, die die Stadt vor mehr als 2000 Jahren als Augusta Taurinorum gründeten. Die ausgegrabenen Reste eines antiken Theaters künden ebenso von jenen Zeiten wie die schachbrettartige Anlage der Straßen und das Römertor von 25 v.Chr., die jetzige Porta Palatina. Stille Relikte? Ja und nein, denn im Römischen Viertel geht’s abends richtig rund. Ansonsten präsentiert sich Turin als Barock-Beauty mit schönen Plätzen und edlen Fassaden, so die Piazza San Carlo. Das alles verdankt die Stadt den Savoyern, die Turin 1563 erstmalig zur Hauptstadt erhoben. Aus ihrer Zeit stammen die 18 Kilometer langen Arkaden.
„Die Savoyer wollten keine nassen Füße bekommen“, erklärt Stadtführerin Emanuela Moroni. Auch ließen sie sich zahlreiche Paläste und Schlösser in und um Turin errichten, die seit 1997 sämtlich zum Weltkulturerbe der UNESCO gehören. Dazu zählt der Palazzo Madama. Hineingehen lohnt sich, blickt man doch im Parterre durch dickes Glas auf die römischen Fundamente, auf denen der Palast ruht.

Barocker Königspalast


Ein Schatz aus der Barockzeit ist der ausladende Treppenaufgang von Filippo Juvarra. Der war nicht nur ein bedeutender Turiner Baumeister, sondern auch Bühnenbildner. Wer diese Treppe hinunter schritt, hatte einen theatralischen Auftritt. Dezenter setzt sich der barocke Königspalast (Palazzo Reale) in Szene. An ihn angrenzend erhebt sich der Dom San Giovanni Battista. Diese bauliche Symbiose von Krone und Altar ist dem Gotteshaus fast zum Verhängnis geworden. Ein Brand, der 1997 im Königspalast ausbrach, fraß sich zum Dom durch. Das berühmte Turiner Grabtuch konnte gerettet werden, der Hochaltar nicht. Bis zur Wiederherstellung hat man ihn auf Leinwand nachgemalt.
Das Herz der „Turinesi“ hängt jedoch an San Lorenzo auf der Piazzetta Reale, erbaut von 1668 bis 1680 durch Guarino Guarini. Der Clou ist die Kuppel, deren Öffnungen im Inneren für Lichteffekte sorgen. Wer genauer hinschaut, bemerkt mit etwas Fantasie dort oben ein böses Gesicht. „Manche meinen, der Teufel blicke von oben herab“, flüstert Emanuela.
Von oben auf ganz Turin zu schauen – das bietet die Mole Antonelliana. Eigentlich sollte Alessandro Antonelli, nach dem sie benannt ist, eine Synagoge errichten, doch er baute höher und höher. Als der jüdischen Gemeinde das Geld ausging, übernahm 1877 die Stadt diesen „Turmbau zu Babel“. Zweimal krachte bei Unwettern die Spitze herunter und musste verstärkt werden. Inzwischen ist das 167,5 Meter hohe Bauwerk das Wahrzeichen Turins. Ein gläserner Fahrstuhl fährt mitten durchs Gebäude – seit 2000 ein großartiges Kinomuseum – bis zur Aussichtsplattform.

Grüner runder Glasbau


Doch wo sind die FIAT-Fabriken? Die hat die Familie Agnelli 1899 im Stadtteil Lingotto, abseits vom barocken Zentrum, errichten lassen. Seit 1999 wird dort nicht mehr gefertigt, kein Testfahrer kurvt mehr über die spektakuläre Teststrecke auf dem Dach. Für den Umbau engagierten die Agnellis den Stararchitekten Renzo Piano. Der verwandelte den Komplex in ein Kongresszentrum plus 5-Sterne-Hotel. Auf das Dach stellte er einen grünen runden Glasbau für spezielle Meetings und außerdem einen weißen Kubus: die „Pinacoteca Giovanni e Marella Agnelli“. 25 Meisterwerke der Malerei, die das Ehepaar gesammelt hatte, sind dort zu sehen. Gegenüber, im früheren Verwaltungsgebäude, bietet jetzt der Edel-Supermarkt „Eataly“ alles, was das Herz begehrt.
Genau wie die Fiat-Familie setzte auch der emeritierte Kardinal Severino Poletto auf zeitgenössische Architektur und ließ von Mario Botta die neue Bischofskirche Santo Volto (Hl. Antlitz) bauen. Der schuf ein siebentürmiges Gotteshaus, denn die Sieben, so äußerte Botta, sei eine magische Zahl. Die Fassade aus rotem Veroneser Marmor wirkt wie ein Fanal in diesem grauen Arbeiterviertel im Nordwesten Turins. Schlicht und fast intim wirkt das Innere. Ahornpaneele an Wänden und Decke schaffen eine warme Atmosphäre. Das durch die Glasdächer der Außentürme fallende Licht beleuchtet das Hl. Antlitz (Jesu), eine computergefertigte Nachbildung des Turiner Grabtuchs im Dom. Einen Ort der Meditation wollte Botta schaffen, und das ist ihm gelungen.
Für 2011, zur 150-Jahr-Feier des neuen italienischen Staates, lässt sich auch Turin – vier Jahre lang dessen Hauptstadt – einiges einfallen. 70 Millionen Euro werden investiert, um die industriellen Brachen am Fluss Dora Riparia in einen 45 Hektar großen Stadtpark zu verwandeln. Dort, in „Torino – Città d’Acqua“( Turin – Stadt des Wassers), sollen sich dann Natur, Industriedenkmäler und futuristische Architektur zu einem Naherholungsgebiet vereinen.  (Ursula Wiegand)

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