Bauen

Der "Palettenpavillon" in Oberstdorf. (Foto: Staatsmuseum für Moderne Kunst und Design Nürnberg)

17.05.2013

Von Zwängen und Vorschriften befreites Bauen

Ausstellung über „Experimentelles Bauen“ im Staatsmuseum für moderne Kunst und Design Nürnberg

Wo die Architektur aufhört und die Skulptur anfängt, ist nicht auszumachen. Und so betrachtet erscheint der Titel „Unschärfe“ berechtigt für ein Bauwerk, das vom Herbst diesen Jahres an als Pavillon auf dem Klarissenplatz vor dem Bayerischen Staatsmuseum für moderne Kunst und Design in Nürnberg stehen – und bis ins Frühjahr nächsten Jahres hinein Staunen machen wird. Errichtet wird es aus 36 Tonnen Baustahlmatten, die – nach oben hin sich verdichtend gestapelt – aufeinander geschichtet werden, ein ganz und gar nicht geometrisch wirkender, begehbarer Kubus, sechs Meter hoch, sechs Meter breit und 20 Meter lang.
Im Modell ist er jetzt schon zu besichtigen in der Ausstellung „Experimentelles Bauen“, in der das Institut für „Architektur und Städtebau“ der Hochschule Biberach „Projekte der letzten zehn Jahre“ in Modellen, Fotografien und Videos präsentiert. Der aus Nürnberg stammende Architekt Matthias Loebermann hat sich dort mit seinen Studenten dem „Experimentellen Bauen“ verschrieben, worunter ein von den Zwängen, Vorschriften und Verordnungen des Baurechts „freies Bauen“ zu verstehen ist, das sich gleichwohl nicht in Utopien und architektonischen Visionen erschöpft, sondern sich auch in materialisierter Architektur manifestiert.

Erlebnisraum
aus Euro-Paletten


Anschauliche Beispiele dafür liefert die Ausstellungen genug: Wie etwa den damals Aufsehen erregenden „Palettenpavillon“ zur Nordischen Ski-Weltmeisterschaft 2005 in Oberstdorf, der aus 1300 ganz gewöhnlichen, standardisierten, so genannten Euro-Paletten als Erlebnisraum für die Sportler aufgetürmt wurde. Oder der Informationspavillon für die Alpine Skiweltmeisterschaft 2011in Garmisch-Partenkirchen, in dem sich Tradition und Moderne insofern verbanden, als der klassische Holzstapel statisch gelagerter Holzstämme zur Fassadenverkleidung, zur dreidimensionalen „Holzriegelwand“, wurde, hinter der sich nicht, wie auf den ersten Blick zu erwarten gewesen wäre, ein riesiges Holzlager, sondern ein Bauwerk mit benutzbaren Räumen verbarg.
Von ähnlich stupender Eindringlichkeit wird auch der für Nürnberg geplante Pavillon „Unschärfe“ sein. Wo man ein gigantisches Baugerüst vermutet, wird sich hinter den – trotz ihrer Schwere fragil wirkenden – Baustahlmatten ein Pavillon auftun, in dem Konzerte ebenso veranstaltet wie Vorträge, Empfänge, Lesungen und andere künstlerische Darbietungen abgehalten werden können.
Vor der grandiosen Glasfassade des Nürnberger Staatsmuseums für moderne Kunst aufgestellt, wird das funktionale Bauwerk zugleich wie ein Kunstwerk wirken, eine überdimensionale Skulptur auf Zeit. Oder, wie Matthias Loebermann es ausdrückt, der „Raum wird zur dritten Haut des Menschen“.
Der titelgebende Begriff „Unschärfe“ für diese morphologische Architektur des Pavillons zielt aber auch auf dessen Lichtwirkung, die den stählernen, dabei transparent erscheinenden Koloss je nach Tageszeit und Sonnenstand ebenso diffus und schattenhaft erscheinen lassen wird wie sie ihn in ein geheimnisvolles Zwielicht taucht, hervorgerufen durch die vielerlei Brechungen des Lichts in den Gitterstäben der Baustahlmatten.
Und wiederum findet Loebermann ein wunderbares Bild für diese Einstimmung, die von solchen architektonischen Experimenten ausgeht: Ist es doch, als ginge man in solche Architekturen hinein wie in einen Wald, in dem zwar auch nur Baum an Baum, einer wie der andere, steht; aber mit jedem Schritt und Tritt ändert sich dieser scheinbar monotone Wald, und ins Blickfeld geraten zwar auch wiederum nur Bäume, aber in ständig sich wandelnden Bildern. Und so sieht man, anders als im Sprichwort, vor lauter Bäumen endlich den Wald.
Im „Raum der Kontemplation“, den Loeberman und seine Schüler 2009 nach dem Amoklauf eines Jugendlichen in Winnenden aus Wellpappe bauten, wird das höchst eindrucksvoll, ja sinnlich nachvollziehbar: Die höhlenartigen Verschachtelungen wirken wie schützende Hüllen – die Architektur ist nicht nur Behausung, sondern vermittelt Geborgenheit. (Friedrich J. Bröder)

("Raum der Kontemplation" in Winnenden; der geplante Pavillon "Unschärfe" in Nürnberg sowie "Raum.27" in Neu-Ulm - Fotos: Staatsmuseum für Moderne Kunst und Design Nürnberg)

Staatsmuseum für moderne Kunst und Design, Nürnberg, Klarissenplatz „Experimentelles Bauen – Projekte der letzten zehn Jahre“. Eine Ausstellung des Instituts für Architektur und Städtebau der Hochschule Biberach. Bis 16. Juni 2013. Di. bis So. 10 bis 18 Uhr, Do. bis 20 Uhr. Eintritt frei.

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