Bauen

15.10.2010

Wieder Glanz in der guten Stube

Das Marcushaus in Freising wurde generalsaniert

Das Werk ist vollbracht – und es ist wohl gelungen. Als Lohn für alle Mühen präsentiert sich das stattliche Marcushaus nach der Generalsanierung durch die Stadt wieder als ein Glanzpunkt in der „guten Stube“ Freisings, am Marienplatz. Das Ensemble Marcushaus Freising besteht aus drei historischen Gebäuden aus dem 16. bis 18. Jahrhundert, die unter Denkmalschutz stehen. Der Gebäudekomplex liegt unterhalb des Dombergs. Die Dachstuhlaufsicht ist deshalb, so das mit der Planung beauftragte Münchner Architekturbüro Braun und Partner, in der städtebaulichen Umgebung von besonderer Bedeutung.
Bereits vor 443 Jahren, im Jahre 1567, wurde das Vordergebäude errichtet. 1616 folgte entlang der Brennergasse die Errichtung eines kleinen Rückgebäudes und dann im 18. Jahrhundert der rückwärtige Stadel. Zum sanierten Areal gehört auch das Grundstück Fischergasse 1. Das aus dem Jahr 1869 stammende Gebäude Fischergasse war massiv geschädigt und wurde durch einen in Proportion, Fassade und Dachlandschaft sich in den städtebaulichen Kontext einfügenden Neubau ersetzt, betont das Architekturbüro. Hierbei wurden die gestalterischen Spielräume in der Fassadengestaltung genutzt.
Der Neubau besitzt zwei Untergeschosse, die technisch anspruchsvoll sowohl die fragile Umgebung als auch die inhomogenen Bodenverhältnisse und hohe Grundwasserstände zu berücksichtigen hatten.
Die Gebäude unterscheiden sich durch ihre haustypische Proportion, den Maßstab der Befensterung und die Putzstruktur. So wurde ein historisch bedingt differenziertes, jedoch homogenes städtebauliches Ensemble geschaffen.


Unter Wahrung
des Denkmalschutzes


Die historischen Bestandsgebäude wurden unter Wahrung des Denkmalschutzes grundrisslich bereinigt, statisch ertüchtigt und in der historischen Substanz grundlegend saniert. Der Rückbau auf Originalzustände der unterschiedlichen Erbauungszeiten war laut Architekt Michael W. Braun nicht Zielsetzung.
Im Erd- und 1. Obergeschoss wurden die in der langen Bauhistorie bereits stark veränderten Grundriss-Strukturen zugunsten einer zusammenhängenden, großflächigen Nutzung im Erdgeschoss und ersten Stock aufgegeben. Darüber blieben die historischen Wand-, Decken- und Dachkonstruktionen erhalten.
Besondere Materialwahl und Beschränkung auf wenige gediegene Materialien unterstreichen die Qualität des Anwesens. Notwendige Dachbefensterungen wurden wegen der Aufsicht mit einem Screen aus Lochblech abgedeckt. Wesentlich war das gestalterische Zusammenbinden des Neubaus mit den historischen Bauten durch eine einheitliche zeitgemäße Fenstergestaltung, Fensterformate, Putzstruktur und Material.
Die Farbgestaltung der Außenfassaden orientiert sich laut Braun an gesicherten Befunden des Haupthauses. Mit Rücksicht auf die heute über alle Gebäude gehende Hauptnutzung des Erdgeschosses und des 1. Obergeschosses als Kaufhaus wurde auf eine farbliche Differenzierung der einzelnen Gebäude verzichtet.
Die denkmalgerechte Sanierung brachte auch zwei ganz besondere Schätze zu Tage: Im 2. Obergeschoss des Vordergebäudes hat sich eine wundervolle Holzkassettendecke aus der Erbauungszeit erhalten. Die renaissancezeitliche Konstruktion wurde sensibel restauriert. Bei den Rückbauarbeiten im kleinen Nebengebäude fanden sich 743 Münzen aus Silber und Kupfer, die vor 1759 geprägt wurden. Der gesamte Münzschatz wird in einer Sonderausstellung ab November 2010 im Stadtmuseum Freising zu sehen sein.
Bei einem „Tag der offenen Tür“ am 24. Juli 2010 hatten alle Interessierten vorab die Gelegenheit, die qualitätvoll sanierten, noch leeren Räumlichkeiten zu betrachten. Etwa 1800 Besucher nutzen die Gelegenheit, sich auf eine intensive Entdeckungsreise durch die Bauepochen zu begeben. Schautafeln zur Baugeschichte, die jetzt im zweiten Stock des Rathauses betrachtet werden können, Werkpläne des Architekten (Büro Braun & Partner) und spannende Fundstücke aus der archäologischen Grabung der Fischergasse 1 ergänzten Führungen und Vorträge.
Das Marcushaus erinnert nicht nur an das Handels- und Kaufmannsleben zum Beispiel der Familien Prenner und Oberbucher, sondern auch an die Familie von Marcus Lewin und das furchtbare Unrecht, das jüdischen Mitbürgern während der NS-Diktatur auch in Freising widerfahren ist. Die Erben von Marcus Lewin übergaben das Anwesen der Stadt Freising mit der Auflage, es in Erinnerung daran Marcushaus zu nennen, das Gebäude im Erd- und 1. Obergeschoss weiterhin als Handelshaus zu verwenden und die übrigen Räumlichkeiten selbst für die Stadtverwaltung zu nutzen.
Mit der Eröffnung des Marcushauses am 2. September 2010 liegen nicht nur fünf Jahre Planungs- und Bauzeit hinter dem wertvollen Anwesen. Der Stadtrat hatte sich die Entscheidungsfindung für eine Sanierung statt eines Abbruchs nicht leicht gemacht, im Juli 2005 mit 24:9 Stimmen aber das eindeutige Signal für die heute umgesetzte Planung gegeben.
9,1 Millionen Euro hat die Stadt in die Renovierung und Erweiterung dieses Bau-Ensembles investiert, damit aber einen Wert geschaffen, der sich allein finanziell nicht bemessen lässt: Freising hat mit dieser Baumaßnahme ein klares Bekenntnis abgelegt zum Erhalt des wertvollen Stadtbilds, zur Bedeutung und zur Würde dieses hervorragenden Bürgerhauses und zum Standort Innenstadt.
„Seit Jahrhunderten prägt das Marcushaus nachweislich als Geschäftshaus den Marienplatz und ist damit Zeitzeuge der Stadt- wie der Wirtschaftsgeschichte“, sagte Freisings Oberbürgermeister Dieter Thalhammer beim „Tag der offenen Tür“. Das Marcushaus erinnere aber nicht nur an das Handels- und Kaufmannsleben, sondern auch an die Familie von Marcus Lewin und an die bittersten Kapitel deutscher Geschichte. „Auch das ist ein gewichtiger Grund, dieses Originalgebäude als Denkmal in Ehren zu halten.“ (BSZ)

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