Bayern forscht

Irgendwann kollabiert jeder bei Stress. (Foto: Bilderbox)

28.01.2011

Chronischer Stress – das unbekannte Risiko

Neue Forschungsinitiative in Regensburg untersucht die Entstehung psychischer Erkrankungen

Chronischer Stress – insbesondere chronischer psycho-sozialer Stress – ist ein hoher Risikofaktor für die Entstehung zahlreicher körperlicher und psychischer Erkrankungen. So können etwa Gelenkentzündungen, Angst- und Depressionserkrankungen, eine Colitis (Entzündung des Dickdarms) oder auch eine erhöhte Anfälligkeit für Krebsleiden durch einen ungesunden und stressbelasteten Lebensstil verursacht werden.

Tests an Mäusen und Ratten


Die konkreten Zusammenhänge zwischen chronischem Stress und der Entstehung solcher Krankheiten sind allerdings wenig bekannt. Im Rahmen einer Forschungsinitiative wollen deshalb Wissenschaftler der Universität Regensburg um Professor Inga Neumann vom Lehrstuhl für Neurobiologie die zugrundeliegenden molekularen, immunologischen und neurobiologischen Mechanismen untersuchen.
Die Forschungsinitiative ist dabei bewusst sehr breit ausgerichtet. Sowohl erfahrene Wissenschaftler als auch Nachwuchskräfte aus der Medizin und der Biologie sind daran beteiligt. Dabei wird an Tiermodellen – vor allem Mäusen und Ratten – untersucht, welche Konsequenzen chronische Stress-Belastung auf die alltägliche Stressbewältigung, auf Emotionen, auf das Immunsystem und auf die körpereigene Tagesrhythmik hat.
So nimmt Stefan Reber, Leiter der Nachwuchsgruppe „Chronischer Stress“ am Lehrstuhl von Neumann, die Veränderungen des körpereigenen Stress-Systems in den Blick. „Unser Körper ist gut gewappnet, um kurzzeitigem Stress durch die Aktivierung körpereigener Systeme zu begegnen, aber diese Fähigkeit verschlechtert sich unter Bedingungen von chronischem Stress“, erläutert Reber.
Wie Stress sogar unsere Immunfunktionen verändert, wird Professor Daniela Männel untersuchen, die Leiterin des Instituts für Immunologie am Regensburger Universitätsklinikum. Sie geht dieser Frage durch die Untersuchung der Veränderungen von Funktionen der Immunzellen im Blut von chronisch gestressten Tieren nach. „Genauere Kenntnisse über die immunologischen Veränderungen durch chronischen Stress werden unser Wissen über die Entstehung einzelner Erkrankungen wesentlich erweitern“, so Männel.
Auf der Grundlage von zahlreichen Vorarbeiten von Neumann zur Stressbewältigung von Müttern in der Zeit kurz vor und nach der Geburt sollen an der Universität Regensburg auch geschlechtsspezifische Aspekte untersucht werden. David Slattery, Leiter der Nachwuchsgruppe „Stress und Verhalten“, interessiert dabei, ob chronischer Stress in der Schwangerschaft das Verhalten und die aktuelle Stressbelastbarkeit eines Muttertiers beeinträchtigt. Jüngere Forschungen konnten belegen, dass Stress nicht nur die Entwicklung des Embryos stört, sondern nach der Geburt auch bei der Mutter zu Depressionen führen kann.
Professor Peter Flor, der 2008 aus der Pharma-Industrie zu den Stressforschern am Lehrstuhl Neumann stieß, untersucht verschiedene, für die Entstehung von Stress relevante Neurotransmitter im Gehirn. So soll nach Mechanismen gesucht werden, die Stress hemmen oder Stress vorbeugen können. Mit Professor Charlotte Förster, die Ende 2010 an die Universität Würzburg wechselte, wurde schließlich eine weitere Forscherin vom „Stress-Fieber“ angesteckt. Sie wird im Rahmen der Forschungsinitiative der Frage nachgehen, ob Langzeitwirkungen von Stress von einem bestimmten Tagesrhythmus abhängig sind bzw. diesen sogar verändern können. Veränderte Wach- und Schlafrhythmen sind eng an psychiatrische Erkrankungen, wie zum Beispiel Depression, gekoppelt.
Die fünf neuen Forschungsprojekte werden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft über einen Zeitraum von zunächst drei Jahren mit einer Gesamtsumme von 1,5 Millionen Euro gefördert. (Alexander Schlaak)

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