Kommunales

In Planungswerkstätten sammelten Würzburger Senioren Ideen für eine seniorengerechte Gestaltung ihres Stadtteils. (Foto: Christ)

02.01.2015

Alternative zum Pflegeheim

Mit seniorenpolitischen Konzepten wollen Kommunen ihren älteren Mitbürgern den Verbleib in der eignen Wohnung erleichtern.

Kaum ein älterer Mensch zieht gern in ein Pflegeheim. Die meisten würden lieber daheim wohnen bleiben – wenn die öffentliche Infrastruktur das ermöglichen würde. Bayerns Kommunen reagieren, immer Landkreise aber auch kreisfreie Städte erstellen so genannte seniorenpolitische Gesamtkonzepte.

Nach wie vor werden die meisten Pflegebedürftigen im Freistaat zu Hause betreut“, betont Maximilian Griebl vom bayerischen Familien- und Sozialministerium. Doch immerhin 30 Prozent aller Senioren, die auf fremde Hilfe angewiesen sind, geben ihre Wohnung auf und ziehen in eine stationäre Einrichtung. Doch diese sind eher rar und obendrein teuer. Meist muss die Betreuung öffentlich bezuschusst werden, wenn die Rente des Bewohners nicht für alle Kosten ausreicht. Gründe, warum es zu Hause nicht mehr allein klappt, gibt es Griebl zufolge viele. Oft ist die Wohnung nicht barrierefrei. Häufig finden auf Pflege angewiesene Senioren in ihrem Umfeld auch nicht die haupt- oder ehrenamtliche Infrastruktur, die ihnen ein weitgehend selbstständiges Leben daheim ermöglichen würde.
Durch die seniorenpolitischen Gesamtkonzepte sollen mehr Menschen als bisher trotz Assistenzbedarf zu Hause wohnen bleiben können. Das spart der öffentlichen Hand auch viel Geld. Fast alle Kommunen im Freistaat entwickelten deshalb inzwischen ein entsprechendes Konzept. Griebl: „Von 96 Landkreisen und kreisfreien Städten haben inzwischen 69 ein Seniorenpolitisches Gesamtkonzept. Weitere 22 sind gerade dabei, eines zu erarbeiten.“ Nur fünf Prozent aller Kommunen wurden noch nicht aktiv.
Nun ist es das eine, ein solches Konzept zu erstellen. Die Umsetzung ist das schwierige. „Es ist herausfordernd, den vielfältigen Bedürfnislagen älterer Bürger gerecht zu werden“, gibt Griebl zu. Was Klaus Schulenburg, Sozialreferent beim Bayerischen Landkreistag, bestätigt. Viele Kommunen machten sich nach seiner Erfahrung mit Begeisterung daran, ein Konzept für einen seniorengerechten Landkreis zu erstellen,: „Nicht selten erliegt jedoch der Elan, wenn die beteiligten Akteure den Aufwand erkennen, der mit der Umsetzung verbunden ist.“ Oft scheitert die Problemlösung an zu wenig Geld und zu wenig Personal. „Gegründete Arbeitskreise am Laufen zu halten und begonnene Maßnahmen weiterzuführen, ist sehr zeit- und personalaufwendig“, erläutert Schulenburg. Hinzu kommt das nicht selten spannungsgeladene Verhältnis zwischen Landkreis und Gemeinden: „Die Landkreise wollen den Gemeinden nichts vorgeben. Die Umsetzung des Konzepts beruht also auf Freiwilligkeit.“ Auch dies führe nicht selten dazu, dass begonnene Maßnahmen einschlafen.
In Würzburg entschieden sich Stadt und Landkreis, gemeinsam ein seniorenpolitisches Gesamtkonzept zu erstellen. Bei Planungswerkstätten zeigten Senioren in den vergangenen Jahren auf, wo sie der Schuh drückt. „Es braucht vor allem genug barrierefreie Wohnungen“, erklärte Nachbarschaftshelferin Ingrid Hohmann-Bryant während einer dieser Werkstätten: „Für mich ist es immer schrecklich, zu sehen, dass manche alte Menschen in ihrer nicht barrierefreien Wohnung regelrecht gefangen sind.“

 

Kaum Fahrmöglichkeiten


Hohe Priorität hatte in Würzburg außerdem das Thema Fahrdienste. Weil sie keine Fahrmöglichkeiten haben, so die Senioren, kommen sie oft nicht zum Einkaufen, zu Kulturveranstaltungen oder in die Kirche. Das Würzburger Konzept liegt seit September 2010 vor. „Seitdem ist einiges geschehen, um die Wünsche der Senioren umzusetzen“, berichtet Volker Stawski, Leiter der städtischen Beratungsstelle für Senioren und Menschen mit Behinderungen. So wurde ein Pflegestützpunkt für die Region eingerichtet. Der Bund unterstützte das Projekt mit 75 000 Euro.
Ein Meilenstein war außerdem die Neugründung eines stationären Hospizes für die Region. Es trägt dazu bei, dass Menschen bis kurz vor ihrem Tod zu Hause leben können. Erst in den allerletzten Lebenswochen wechseln sie in das Hospiz. Vieles ist in Würzburg inzwischen erreicht, um alten Menschen das Leben in der Stadt oder in einer Gemeinde des Landkreises leichter zu machen.
Doch vieles bleibt laut Stawski noch zu tun. Ein großes Problem besteht darin, dass Hilfen oft nebeneinander laufen, ohne dass die einzelnen Akteure voneinander wissen oder miteinander kooperieren. Stawski: „Im Sinne des Pluralismus gibt es in der Region Würzburg viele Anbieter, die Leistungen erbringen – manchmal gut, manchmal weniger gut.“ Mehr Koordination wäre nötig: „Zum Beispiel bei den ambulanten Diensten, den niedrigschwelligen und den nachbarschaftlichen Hilfen.“
Im Landkreis Fürstenfeldbruck gibt es mit Annemarie Fischer seit drei Jahren eine Koordinatorin für die Umsetzung des Seniorenpolitischen Gesamtkonzepts. Fischer berät die Gemeinden im Landkreis, koordiniert einzelne im Konzept vorgesehene Maßnahmen, entwickelt selbst Ideen und evaluiert das Konzept. Einige Städten und Gemeinden im Kreis benannten ihrerseits Ansprechpartner für die Landkreis-Seniorenkoordinatorin.
Auch im Nürnberger Land wird einiges getan, um Senioren den Umzug ins Heim zu ersparen. So initiierte der Regionalverband des Arbeiter-Samariter-Bundes ein Schülerprojekt mit Win-Win-Effekt: Dabei fahren Schüler mit E-Bikes das Essen für Senioren aus. Sie nehmen für sich eine Portion mit und leisten den Senioren beim Mittagessen Gesellschaft.
Eines der größten Probleme für Senioren ist auch im Landkreis Nürnberg die Wohnsituation, ergab eine aufwändige Seniorenbefragung. Fast jeder zweite Rentner kritisierte, dass seine Wohnung nicht altersgerecht ausgestattet sei. Für sehr alte Menschen sei es deshalb sehr wahrscheinlich nicht mehr möglich, darin zu wohnen. In den Wohnungen fehlen unter anderem rutschfeste Bodenbeläge, abgesenkte Türschwellen, Haltegriffe im Bad und Sicherheitseinrichtungen.
Mehr als jeder zweite Befragte ist darauf eingestellt, im Falle von Pflegebedürftigkeit in ein Heim umziehen zu müssen. Behindertenbeauftragte Angelika Feisthammel nahm sich inzwischen der Problematik an. Und stieß auf ein merkwürdiges Phänomen: Das Thema barrierefreies Wohnen lockt erstaunlich wenig Menschen zu Infoveranstaltungen. Laut Pressesprecher List liegt dies an einer psychologischen Hemmschwelle: „Sich fürs barrierefreie Wohnen zu interessieren, wäre das Eingeständnis, dass man nicht mehr so fit ist wie früher.“ Wie heißt es so schön in einem Sprichwort: Alt werden möchte jeder, alt sein dagegen niemand. (Pat Christ)

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