Kommunales

Psychiatrische Hilfe muss oft ganz schnell eintreffen. (Foto: DAPD)

12.11.2010

Damit der Alltag wieder funktioniert

Der Münchner Krisendienst Psychiatrie verzeichnet gegenüber dem Vorjahr einen Anstieg der Fälle um ein Drittel

Stärkere Belastung in der Arbeit, zerbrechende Familien: Die Auslöser für psychische Erkrankungen nehmen zu. Gemeinsam mit Wohlfahrtsverbänden wollen einige Kommunen ihren Bürgern schnelle Hilfe daheim anbieten – damit eine meist teure Einweisung in eine stationäre Einrichtung gar nicht erst notwendig wird.
Angst vor ihrem Sohn hat Henriette W. jetzt nicht mehr. „Neulich habe ich ihn sogar angeschrien“, erzählt sie und sie klingt selbst ein wenig überrascht. „Ich habe mich das getraut – und er hat nicht zurückgeschrien.“
Noch vor Kurzem war das undenkbar für die 67-jährige Münchnerin. Da lebte sie gemeinsam mit ihrem Sohn in einer Wohnung. Und täglich hatte sie Angst: Angst vor seinen Aggressionen, Angst vor seinen Drohungen, sich oder anderen etwas anzutun: „Mein Sohn war in einer extremen psychischen Belastungssituation“, sagt Henriette W. „Er wusste nicht mehr weiter.“
Sie selbst allerdings irgendwann auch nicht mehr. „Früher“, erzählt sie, „war er begeisterungsfähig, sportlich. Doch das veränderte sich mit den massiven Einbrüchen, die es in seinem Leben gab.“ Eines Tages eskalierte die Situation. „Mein Sohn fing an zu schreien, seine Finger verkrampften sich“, berichtet sie. Er trat auf eine Tür ein. „Ich wusste mir nicht mehr zu helfen“, berichtet die ältere Frau. Irgendwann griff sie schließlich zum Telefon und rief den Krisendienst Psychiatrie an. Den herbeigeeilten Psychologen gelang es, den 31-Jährigen zu beruhigen. Für eine Nacht kam der psychisch überlastete Mann zur Beobachtung in eine psychiatrische Klinik.
Krisensituationen wie diese erlebt nicht nur Henriette W. Fast 10 000 Telefonate registrierte der Krisendienst Psychiatrie München im vergangenen Jahr. Das ist gut ein Drittel mehr als im Jahr zuvor. Vielen Anrufern können die Mitarbeiter des Dienstes am Telefon helfen. Wo die Situation jedoch kritisch wird, rücken sie zu Einsätzen vor Ort aus. Rund 800 Mal war das 2009 der Fall – auch das ist ein Plus von einem Drittel.
„Es gibt eine Zunahme psychischer Probleme in der Gesellschaft insgesamt. Das spüren wir auch hier“, erläutert Simone Eiche vom Leitungsteam des Krisendienstes den Anstieg. Zunehmend riefen Menschen an, die „zuvor noch nie etwas mit einem Psychiater zu tun hatten“, sagt Eiche. Meist meldeten sich die Betroffenen selbst, oft jedoch seien es Angehörige oder Freunde, die sich Sorgen um ihr Kind, den Freund, die Arbeitskollegin machen.
„Auch Arbeitgeber suchen verstärkt Hilfe, wenn ein Beschäftigter Probleme hat“, berichtet Heinrich Berger, Leiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes im Münchner Stadtteil Giesing. Bergers Dienst ist einer von vier, die in München am Krisendienst beteiligt sind und mobile Einsätze übernehmen. Berger selbst war vor Ort in der Wohnung von Henriette W., um den Sohn der Rentnerin zu beruhigen. „Menschen mit dieser Art Erkrankung sind nicht gewalttätiger als andere“, sagt der Psychologe. Man dürfe sie aber in ihrer Krise nicht alleine lassen: „Die Betroffenen nicht – und die Familien nicht.“
Gerade bei Angehörigen psychisch kranker Menschen sei die Not oft groß. „Deshalb ist es wichtig, dass es eine Nummer gibt, die man im Notfall anrufen kann.“ So wie Henriette W.: Als ihr Sohn seinen Job verlor, seine Ehe zu Bruch ging, er sein Kind nur noch selten sehen durfte – da wollte sie ihm helfen, ließ ihn bei sich wohnen. „Ich dachte, wenn ich ihn aufnehme, stabilisiert er sich.“ Aber die Aggressionen wuchsen und sie hörten auch nach der Nacht im Krankenhaus nicht auf. „Als er zurückkam, ging der Terror von vorne los“, erinnert sich Henriette W. Doch nun hatte sie den Sozialpsychiatrischen Dienst als Anlaufstelle. „Nach dem Kriseneinsatz geht unsere eigentliche Arbeit oft erst richtig los“, sagt Heinrich Berger. Der Psychologe überzeugte Henriette W., dass ihr Sohn raus müsse aus ihrer Wohnung, am Ende mithilfe eines Anwalts. „Alleine hätte ich es nie geschafft, meinen Sohn rauszuwerfen ohne unsere Beziehung zu zerstören“, sagt sie. Jetzt hat er eine eigene Wohnung, arbeitet wieder. Henriette W. besucht ihn einmal die Woche. Sie selbst geht weiter zur Beratung beim Sozialpsychiatrischen Dienst. In einer solchen Krise bekomme man viele gute Ratschläge, meint sie. Aber ohne professionelle Hilfe komme man nicht weiter: „Dank des Krisendienstes konnte ich das Verhalten meines Sohnes verstehen und bewältigen.“ (Andreas Jalsovec)

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