Kommunales

Windräder unter weiß-blauem Himmel, in Bayern ein seltener Anblick: Der Freistaat ist deutschlandweit Schlusslicht bei Windenergie. Foto: BSZ

26.08.2011

Der Strom liegt in der Luft

Wie Landwirte, Bürger und Kommunen von der Windkraft profitieren können

Bayern ist Schlusslicht in Sachen Windenergie. In keinem anderen Bundesland wurden in den vergangenen Jahren weniger Windräder installiert – das ist die eine Seite. Die andere: Beinahe wöchentlich kommen Interessierte in allen Teilen des Freistaats zusammen, um Windkraftprojekte unter weiß-blauem Himmel auf die Beine zu stellen. Ein wichtiger Motor dabei ist die bbv-Land-Siedlung GmbH.
125 neue Windräder will das Unternehmen in den kommenden fünf Jahren im Freistaat anschieben. Gelingen soll dies mit dem Konzept der Bürger-Bauern-Anlagen. Dabei schließen sich Landwirte und Bürger vor Ort zusammen, um das Vorhaben auf lokaler Ebene umzusetzen. Die Vorteile solcher Anlagen liegen auf der Hand und reichen von der Versorgungssicherheit über die lokale Wertschöpfung bis hin zu finanziellen Einnahmen und Imagegewinn durch saubere Stromproduktion. Wenn die Gesellschaft ihren Sitz in der Betreibergemeinde hat, bleibt die Gewerbesteuer zu 100 Prozent in der Standortgemeinde. „Pro Megawatt können in 20 Jahren rund 100 000 Euro zusammenkommen“, schätzt Benno Steiner, Geschäftsführer der bbv-Land-Siedlung.

Bis ein Windrad Gewinn bringt, ist Geduld gefragt


Bis ein Windrad allerdings Strom erzeugt und damit Geld in die Kasse bläst, ist Geduld gefragt. Zahlreiche Fragestellungen müssen bedacht, Behördengänge gemeistert und Genehmigungshürden überwunden werden. Jede Planung beginnt beim Standort. Und hier kommen die Landwirte ins Spiel. Denn vielfach sind es die Bauern, die geeignete Flächen besitzen. Damit können sie – wie auch bei Biogas oder Photovoltaik – entscheidend zur Energiewende in Bayern beitragen.
Anders als beim Biogas oder bei Photovoltaik-Freiflächenanlagen spielt der ursächlich begrenzende Faktor Grund und Boden bei der Windkraft keine Rolle. Ein Windrad braucht maximal 15 mal 15 Meter Grundfläche, der Boden unterhalb der Anlage kann bewirtschaftet werden. Zudem liegt der tägliche Zeitaufwand für Betreiber bei Windrädern deutlich unter dem bei Biogasanlagen. Der Strom liegt praktisch in der Luft – und mit ihm wettbewerbsfähige Preise. Derzeit ist die Windkraft nach der Wasserkraft die wirtschaftlich günstigste Form der erneuerbaren Energien. Wer seinen Standort für ein Windrad zur Verfügung stellt, erhält im Gegenzug eine Pacht – bestehend aus einem Sockelbetrag und einem ertragsabhängigen Bonus. Bei einer Vertragslaufzeit von rund 20 Jahren kann die Flächenverpachtung ein lukratives Nebengeschäft für Landwirte sein.
Um herauszufinden, ob eine Fläche grundsätzlich für ein Windrad geeignet ist, führt die bbv-LandSiedlung so genannte Standortanalysen durch. Dazu werden lediglich die Nummern für Flurstück und Gemarkung benötigt. „Die Nachfrage ist immens“, so Steiner. Derzeit liegen der LandSiedlung rund 400 Analyseaufträge vor. „Wir haben bereits unser Team aufgestockt, um den Ansturm zu bewältigen.“
Wie sieht der ideale Standort für ein Windrad aus? Grundsätzlich können Windkraftanlagen privilegiert im Außenbereich errichtet werden. Erreichen sie allerdings eine Gesamthöhe von mehr als 50 Metern, sind sie nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz (BImSchG) zuzulassen. Im Rahmen dieses Genehmigungsverfahrens wird ein späterer Schattenwurf der Rotorblätter ebenso gutachterlich überprüft wie der von einem Windrad ausgehende Schall. Beide Kriterien gelten als so genannte KO-Kriterien. Daraus ergibt sich der notwendige Abstand zur Wohnbebauung, der zwischen 350 und 1 200 Meter liegen kann. Dazu sollten die notwendigen Straßen und Wege für den Schwertransport der bis 165 Tonnen schweren Anlage vorhanden sein. Bei mehreren Anlagen sollen die Abstände zueinander etwa sechsmal so groß wie der Rotordurchmesser sein. Der Stromertrag muss mindestens 60 Prozent des Referenzertrages des jeweiligen Anlagentyps betragen, um eine Einspeisungsvergütung zu erhalten. Zur Grundvoraussetzung: In der Nähe muss sich ein aufnahmefähiges Stromnetz befinden. Neben der bau- und genehmigungsrechtlichen Prüfung darf allerdings eines nicht vergessen werden: Am gewählten Standort muss auch der Wind wehen. Auf eine zuverlässige Brise kommt es an, mindestens 5,5 Meter pro Sekunde. Die Anlagen müssen am geplanten Standort vom Wind frei anströmbar sein. Dabei ist zu bedenken, dass ungestörte Windfelder nur in Höhen von oberhalb 100 m über dem großflächig gesehenen Gelände erreicht werden. „Um eine Windkraftanlage wirtschaftlich zu betreiben, gilt hierzulande mittlerweile eine Nabenhöhe von fast 140 Metern als ratsam“, sagt Johannes Schnappauf, Projektleiter Windkraft bei der bbv-Land-Siedlung.

Der Bauernverband
rät zu mehr Skepsis


Der Bau eines Windrades mit einer Leistung von 2,3 Megawatt schlägt mit rund 3,2 Millionen Euro zu Buche, darin inbegriffen sind Wartungsverträge sowie Geld für den Rückbau der Anlage nach Beendigung der Laufzeit. „Diese Kosten schütteln die wenigsten aus dem Ärmel, weshalb wir aktiv für Gemeinschaftsanlagen mit Beteiligung der Bürger und Bauern vor Ort werben“, so Schnappauf. Rund 30 bis 40 Prozent Eigenkapital sollte die Investorengemeinschaft zusammenbekommen. Jeder Bürger kann sich mit unterschiedlichen Anteilen einbringen. Wie hoch dieser Anteil sei, werde von den Bürgern selbst festgelegt. Als Richtschnur setzt die bbv-Land-Siedlung eine Mindestbeteiligung von 5000 Euro an.
Die Einspeisungsvergütung liegt derzeit bei 9,02 Cent pro Kilowattstunde (kWh). Über einen Zeitraum von 20 Jahren könnten am Projekt Beteiligte durchschnittlich 8 Prozent Zinsen einfahren, dazu Gewinnausschüttungen, wenn das Projekt gut läuft. „Die Wirtschaftlichkeit hängt stark vom Windertrag ab – mit jedem Meter Nabenhöhe steigt der Ertrag um bis zu einem Prozent“, so Schnappauf.
Moderne Windenergieanlagen gewinnen Strom aus der Kraft des Windes. Sie nutzen den Auftrieb, den der Wind beim Vorbeiströmen an den Rotorblättern erzeugt. Mehr als 21 000 Windräder drehen sich heute schon in allen Teilen Deutschlands und bestreiten knapp 7 Prozent des Strombedarfs. Dabei hat der Norden die Nase vorn – Niedersachsen gehört neben Schleswig-Holstein zur windreichsten Region Deutschlands und ist bei der Windenergie Spitzenreiter unter den Bundesländern. Dank höherer Nabenhöhen und effizienterer Generatoren gewinnen aber auch Standorte im Binnenland zunehmend an Attraktivität.


Derzeit sind im Freistaat
1500 neue Anlagen geplant


Zwar weht der Wind in Bayern nicht so kräftig wie an der Küste, aber er weht. Derzeit sind in allen Teilen Bayerns Investoren unterwegs, die sich Grundstücke für die Errichtung von Windkraftanlagen sichern wollen. Aber: Nicht immer wollen sie das Beste für Grundeigentümer und Landwirte. Der Bauernverband rät deshalb, die vorgelegten Verträge kritisch unter die Lupe zu nehmen. Wachsamkeit sei angesagt, wenn jemand anders als der Bauernverband selbst oder die bbv-Land-Siedlung einen angeblich vom Bauernverband geprüften Vertrag vorlegt. „Es gibt keine standardisierten, vom BBV geprüften Verträge“, betont Steiner, der einmal mehr die gute Zusammenarbeit zwischen allen am Projekt Beteiligten hervorhebt. „Wir wollen keine Anlagen gegen den Willen der Bürger, deshalb berufen wir so genannte Bürgerversammlungen ein, bevor wir mit den Planungen für ein konkretes Projekt beginnen“, sagt er.
Seit jeher nutzen Menschen die Kraft des Windes. Schon im ersten Jahrhundert baute der griechische Erfinder Heron von Alexandria eine Orgel, die von einem Windrad angetrieben wurde – dies gilt als erste überlieferte Windnutzung zum Antrieb einer Maschine. Vom 12. Jahrhundert an verbreiteten sich die „typischen“ Windmühlen mit vertikal angeordneten Rotoren in Europa.
Auch Bayerns Umweltminister Markus Söder (CSU) sieht das große Potenzial und will die Stromerzeugung durch Windkraft von jetzt einem auf 10 Prozent erhöhen. Dazu sollen 1500 neue Anlagen errichtet werden, so Söders Konzept. Derzeit drehen sich ungefähr 430 Rotoren in Bayern, davon etwa 100 in Unterfranken. (Stefanie Härtel)

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