Kommunales

06.05.2011

Ein Image jenseits der Tragödien

Auf Initiative Bayerns präsentieren bundesweit Jugendämter ihre Strategien

Jugendämter fallen in der Öffentlichkeit leider erst dann besonders auf, wenn sie einen Fehler gemacht haben: Wenn mal wieder ein vernachlässigtes, halb verhungertes oder gar misshandeltes Kind im letzten Moment aus der elterlichen Wohnung gerettet wurde oder wenn ein Jugendlicher eine besonders schwere Straftat begangen hat. „Das Wissen der Bevölkerung ist zentriert auf die Krisenfälle“, bedauert auch Renate Hofmeister vom Bayerischen Landesjugendamt. „Wen interessiert es schon, wie viele Kinder beispielsweise in öffentlichen Einrichtungen gut untergebracht sind.“ Viele Hilfeleistungen würden nicht angenommen, weil sie unbekannt seien. Auch die Tatsache, dass zahlreiche potenzielle Gefahren durch intensive Intervention der Jugendämter und ihrer bundesweit rund 35.000 Mitarbeiter verhindert werden, dringe kaum ins öffentliche Bewusstsein vor.


Wissenschaftliche Begleitung

Dieses Problem beschäftigte auch Robert Sauter, früherer Leiter des Bayerischen Landesjugendamtes. Auf seine Anregung hin wurde ab 2008 die Vorbereitung für die größte Marketingoffensive einer kommunalen Institution in der bundesdeutschen Gesichte gestartet. Unter dem Motto „Das Jugendamt. Unterstützung, die ankommt“ laden die bundesweit 600 Jugendämter (davon 96 in Bayern) vom 9. Mai bis 8. Juni Bürger ein, sich über ihre Arbeit zu informieren. Die Finanzierung übernimmt das Bundesfamilienministerium. Geplant sind unter anderem Tage der offenen Tür, Vortrags- und Diskussionsreihen, Familienfeste und Fachberatungen. Auftakt im Freistaat ist am 9. Mai um 11.30 Uhr in der Weidener Max-Reger-Halle.
Die Veranstaltung dient auch der Darstellung von Best-Practice-Beispielen aus den einzelnen Kommunen. Im Landkreis Forchheim beispielsweise führt das Amt gemeinsam mit den kreisangehörigen Gemeinden eine Befragung der Eltern mit Kindern unter drei Jahren durch. Über 2500 Briefe werden deshalb in diesen Tagen versandt. Dem Fragebogen beigefügt sind die Info-Broschüren sowie die Faltblätter zur Kindertagespflege, zum Allgemeinen Sozialdienst und zur Koordinierungsstelle Netzwerk Frühe Kindheit. Auch werdende Eltern können sich an der Umfrage beteiligen und den Fragebogen, den es auch in türkischer Sprache gibt, beim Amt für Jugend und Familie anfordern beziehungsweise auf der Homepage des Landkreises (www.lra-fo.de) unter der Rubrik Bürgerservice/Jugendhilfeplan/Elternbefragung 2011 herunterladen.
Die Aktion wird auch wissenschaftlich begleitet. „Die Arbeit der Jugendämter hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert“, meint etwa Professor Thomas Rauschenbach, Leiter des Deutschen Jugendinstituts in München. Als „an der Lebenswelt der jungen Menschen und Familien orientierte Dienstleister“ seien die Jugendämter heute nicht nur Unterstützer der Familien und Förderer von Kindern und Jugendlichen, sondern vor allem auch Koordinatoren eines „Aufwachsens in öffentlicher Verantwortung“. Bildung, Integration und Teilhabe seien hierbei Schlüsselkategorien, ist der Wissenschaftler überzeugt. Um diese Aufgaben sachgerecht und kompetent erledigen zu können, müssen Jugendämter nicht nur hohe fachliche Standards erfüllen, sondern auch kontinuierlich ihr Wissen gezielt erweitern.

Skeptische Praktiker


Unter der Hand zeigen sich einige Praktiker vor Ort aber eher skeptisch, ob das Ganze in der breiten Öffentlichkeit den erhofften Erfolg bringt. „Natürlich kann man damit die Aufmerksamkeit kurzfristig in die gewünschte Richtung lenken“, meint der Mitarbeiter eines mittelfränkischen Jugendamtes. Das Problem aber sei, dass die primär angesprochene Klientel der Jugendämter solche Veranstaltungen kaum frequentiere und auch die begleitende Berichterstattung in den Medien eher selten wahrnehme. „Und wenn man erst wieder ein verhungertes Kind aus einer Sozialwohnung getragen hat und eine Mitschuld des Jugendamtes ins Spiel kommt, dann ist die beste Eigenwerbung bei der Bevölkerung rasch wieder vergessen.“ (André Paul)

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