Kommunales

Der gemeindeeigene Unimog wurde mit einem Mähwerk aufgerüstet, um künftig Ränder und Gräben von Straßen und Flurwegen selbst zu pflegen. Obendrein konnte Bürgermeister Martin Finzel (links) zwei Straßen- und Tiefbaufacharbeiter einstellen. (Foto: Gemeinde Ahorn)

28.03.2013

Einstellen statt outsourcen

Die Gemeinde Ahorn im Landkreis Coburg setzt konsequent auf Rekommunalisierung – das rechnet sich

Jahrelang galt Outsourcing als probates Mittel gegen rote Zahlen im Gemeindehaushalt. Kommunen trennten sich von vielen Bereichen, die scheinbar nicht zwingend Teil ihrer Verwaltungsaufgabe waren. Inzwischen kehrt sich der Trend um und Rekommunalisierung wird auch für kleinere Ort immer attraktiver – wie beispielsweise in Ahorn.

Martin Finzel, der junge Bürgermeister von Ahorn im Landkreis Coburg, wirkt nicht wie ein Nostalgiker der Staatsgläubigkeit: sportlich, studierter Betriebswirtschaftler, ohne Parteibuch – eigentlich genau die Art von Kommunalpolitiker, die sich marktliberale Befürworter des reduzierten „Nachtwächterstaats“ in einem Rathaus wünschen. Doch der 34-Jährige, der trotz seiner Managementerfahrung auf fast 15 Jahre Berufstätigkeit im öffentlichen Dienst verweisen kann, ist überzeugt: „Eine Verwaltung tickt anders, die Abläufe unterscheiden sich deutlich von jenen in der freien Wirtschaft.“ Seit 2008 leitet er die Geschicke seines Heimatorts nahe der bayerisch-thüringischen Grenze, im nächsten Frühjahr möchte er sich in dem 4500-Seelen-Dorf zur Wiederwahl stellen. „Wir gehen in Ahorn seit fünf Jahren konsequent den Weg der Rekommunalisierung“, berichtet Finzel. Den Ausgang bildete ein Verfahren, gegen das auch der härteste Unternehmensberater nichts vorbringen könnte: den Blick auf die Zahlen – rechnet es sich?

Schlecht bezahlt und unter Leistungsdruck


Bis vor drei Jahren beschäftigte die Gemeinde Ahorn beispielsweise für ihre öffentlichen Gebäude – Rathaus, Schwimmhalle, Schule, Bibliothek, Vereinsheim – einen privaten Reinigungsdienst. Bezahlt wurde das Unternehmen, wie in der Branche üblich, nach den zu putzenden Quadratmetern Fläche. Doch zufrieden war Finzel nicht mit dem, was er vorfand. Oder um es mit einem populären Werbespot zu sagen: Sauber ist nicht rein. „Die haben die Fußböden geputzt, wie bezahlt. Aber wenn beispielsweise auf den Tischen Kaffeeflecken waren, dann haben sie die nicht mit weggemacht, das stand eben nicht so in der Auftragsbeschreibung und galt damit als Sonderleistung.“ Wer sich in der Reinigungsbranche ein wenig auskennt, versteht auch, warum: Die Leute dort verdienen meist schlecht und stehen unter massivem Zeit- und Leistungsdruck.
Der Bürgermeister zog die Konsequenz: Er kündigte der Reinigungsfirma. Statt dessen putzen jetzt 13 Leute aus dem Ort die kommunalen Einrichtungen, werden direkt vom Rathaus bezahlt – und es kommt das Gemeindesäckel sogar preiswerter. Die Vorarbeiterin hat eine Vollzeitstelle, die übrigen Beschäftigten arbeiten meist auf 400-Euro-Basis. „Damit bleibt das Geld in der Gemeinde“, freut sich Finzel und rechnet vor: Selbst bei einem Mini-Job sind das pro Haushalt rund 5000 Euro mehr im Jahr und das ganze mal zwölf. Nicht nur der Kaufmann und der Bäcker im Ort werden es ihm danken. Wen wundert’s: Die Gebäude sind jetzt blitzeblank, eben weil sich die Beschäftigen dafür verantwortlich fühlen. Schließlich mag sich keine der Frauen auf der Dorfstraße von der Nachbarin nachsagen lassen, sie habe etwa in der Schule nicht richtig geputzt.


"Nicht ideologisch denken"


Doch das war nur der erste Schritt: Die Gemeinde Ahorn wird künftig die Straßenunterhalts-, Tiefbau- und kleineren Sanierungsmaßnahmen nicht mehr an externe Firmen vergeben, sondern mit eigenem Personal im Bauhof durchführen. Der Gemeinderat gab einstimmig grünes Licht. „Wir haben alle Rechnungen der vergangenen vier Jahre geprüft und ermittelt, welches Budget aus bisherigen Ausgaben für den Bereich der Bau-, Sanierungs- und Unterhaltsmaßnahmen sowie aus dem Bereich Personalverwaltung zur Verfügung steht“, erläutert Martin Finzel. Ergebnis: Wenn Ahorn künftig die wichtigsten Gerätschaften least und obendrein zwei Straßen- und Tiefbaufacharbeiter einstellt, verbleibt für die Gemeinde trotzdem noch ein Ertrag von jährlich über 55 000 Euro. Weil obendrein noch der Friedhof umgestaltet wird und sich immer stärker so genannte pflegearme Bestattungsformen durchsetzen, kann sich der Ort auch noch einen eigenen Gärtner mit Schwerpunkt Landschaftsbau leisten, der wiederum die Grünarbeiten des Bauhofs unterstützt. „Finanziell würde nach heutiger Kalkulation immer noch ein deutlicher Überschuss bei der Gemeinde verbleiben“, versichert Finzel.
Die Neuausrichtung des Bauhofs bringt dem Ort noch weitere Vorteile. Wenn Straßen regelmäßig gepflegt und rechtzeitig saniert werden, erspart man sich später teure Reparaturarbeiten. Die Mitarbeiter können wiederum den Winterdienst unterstützen oder kleine Instandsetzungen im Ort vornehmen. „Man muss sich die Möglichkeit für effektive Querverbindungen anschauen“, meint Martin Finzel. Einen Teil der öffentlichen Aufgaben auszulagern, bringe zunächst gar nichts, denn bezahlt werden muss der öffentlich Beschäftigte ja trotzdem. „Sie können die Leute schließlich nicht halbieren, nur weil sie ihnen Arbeit wegnehmen.“ Demnächst stellt er auch eine eigene Bilanzbuchhalterin als Kassenverwalterin ein, um die kaufmännische Buchführung für die Gemeindewerke selbst zu übernehmen – das spart dann wiederum das teure Honorar für den Steuerberater.
Doch auch wenn Ahorn ein innovativer Vorreiter für Rekommunalisierung ist – als Blaupause für alle Gemeinden mag der junge Verwaltungschef sein Modell trotzdem nicht empfehlen. „Man muss bei der Rekommunalisierung immer praktisch denken, wo es Sinn macht, nicht ideologisch.“ Trotzdem sollte sich jeder Bürgermeister, der vehement für das Auslagern plädiert, nach seiner Meinung mal die Frage stellen: „Warum braucht man dann überhaupt noch eine Kommune?“ (André Paul)

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