Kommunales

Manche geplante Windräder sind rund 200 Meter hoch. (Foto: BSZ)

14.12.2012

Energiewende bringt Streit in die Kommunen

Zwar sind die meisten Bürger für alternative Stromversorgung – aber ein Windrad wollen sie keinesfalls in ihrer Nachbarschaft haben

Der Plan der bayerischen Staatsregierung klingt ehrgeizig: Mindestens 1500 zusätzliche Windräder sollen im Freistaat aufgestellt werden. Nur vor der eigenen Haustür möchten die „Spargel“ die wenigsten Gemeinden haben, in vielen Kommunen formieren sich Widerstandsgruppen, unter anderem im Bayerischen Wald.

Als am 11. März 2011 in Fuku-shima die Kernschmelze begann, sah Adolf Probst seine Zeit gekommen. Mehr als 20 Jahre lang hatte er zu diesem Zeitpunkt schon für die Windenergie gekämpft. Doch politisch war dafür die Zeit in der Gemeinde Kirchdorf im Wald (Landkreis Regen) im Bayerischen Wald wohl noch nicht reif. Doch dann, endlich: Die bayerische Staatsregierung entschied, 1500 neue Windräder bis zum Jahr 2021 aufzustellen. Klingt theoretisch gut. In der Praxis führt das aber dazu, dass selbst überzeugte Windkraftbefürworter zu leidenschaftlichen Gegnern werden.
Adolf Probst, 47 Jahre alt, ein großer Mann mit Schnurrbart, steigt aus seinem kleinen Fiat 500. Der Mann möchte Energie sparen, auch beim Auto. Von einem Hügel nahe des Gemeindeteils Laiflitz aus zeigt er auf ein Waldgebiet gleich hinter Kirchdorf, den Wagensonnriegel. „Dorthin wollen sie jetzt Windräder bauen“, sagt er. „Mitten in den Wald, in eine noch intakte und unberührte Natur, ein Rückzugsgebiet für geschützte Arten.“ Er schüttelt den Kopf. So hatte sich Adolf Probst das nicht vorgestellt. Windenergie ja, aber dann doch bitte dorthin, wo bereits Infrastruktur besteht, wo keine Stromleitungen und Straßen gebaut und Bäume gefällt werden müssen. Am besten also an die Raith Kapelle, knappe 800 Meter von Abtschlag, einem Ortsteil von Kirchdorf, in dem er selbst wohnt, entfernt.
An diesem Vorhaben ist der Streit in Kirchdorf im Wald im vergangenen Jahr entbrannt. Adolf Probst, der Mann mit dem Button erneuerbar statt nuklear an der Jacke, hatte zusammen mit drei anderen Einwohnern eine Bürgerinitiative gegründet. Ein Bürgerwindrad wollten sie nahe der Kapelle bauen. Eines, über das die Bürger selbst entscheiden können, das ihnen Energie liefert, gleich vor der Haustür. Der Antrag liegt dem Landratsamt bereits vor. „Anfangs waren sie doch alle begeistert in unserem Ort“, sagt Probst. Er steigt in sein Auto und fährt zu der Stelle, wo er sein Windrad sehen möchte. Noch steht dort nur ein dünner, weißer Mast, der die Windstärke misst. „Als die Vorschläge konkret wurden, haben sie alle einen Rückzieher gemacht.“
Von Abtschlag aus wäre ein Windrad in 150 bis 200 Metern Höhe zu sehen – und die Bürger fürchten, auch zu hören. So formierten sich Rudolf Wagner (65) und ein paar andere Abtschlager und Grünbacher zu einer Gegenbewegung. „Wir haben nichts gegen Windenergie, das ist ein wichtiger Bestandteil unserer Zukunft“, sagt Wagner. Doch: „ein 200 Meter großes Monster“ aufzustellen, das geht Wagner zu weit. „So kann man mit mündigen Bürgern nicht umgehen.“ Der mögliche Lärm, der Schattenwurf und der noch nicht erforschte Infraschall jagen den Leuten Angst ein. Seine Gruppe plädiert für den Wagensonnriegel – solange die dort ansässigen Tierarten in ihrem Bestand nicht gefährdet werden, wie er erklärt.


"Die B 85 ist viel lauter"


Probst nennt die Gegner seines Vorschlags „Störer“ und ergänzt: „Egal wo ein Windrad gebaut gibt, überall gibt es die doch. Das ist unsere Wohlstandsgesellschaft, die lebt doch seit Jahren über ihre Verhältnisse.“ Wer Strom wolle, müsse auch mit einem Windrad leben und nicht versuchen, das Ding auf andere Gemeinden abzuwälzen. Es sei außerdem kaum zu hören: „Die Hauptlärmquelle ist der Straßenlärm der Bundesstraße B 85 und der Fluglärm.“
Der Streit in Kirchdorf ist ein Beispiel dafür, wie es in anderen bayerischen Gemeinden demnächst zugehen könnte, sobald konkrete Pläne vorliegen. Jürgen Schmauß, Regionsbeauftragter der Regierung von Niederbayern für die Region Donau-Wald, schmiedet seit Monaten Pläne, wo in der Region Windräder gebaut werden könnten: „Solange das bisher nur Kreuzchen auf der Karte sind, ist das für die Bürger noch sehr abstrakt.“ Schmauß rechnet mit mehr Gegenwind, sobald Pläne konkret werden wie in Kirchdorf. Von einem „Zerwürfnis in der Gemeinde“, einer „Gefährdung des sozialen Friedens“ sei dort die Rede, weiß Schmauß. Im zersiedelten Bayerischen Wald, wo die Gemeinden verstreut liegen, blieben nur wenige Standorte, mit denen letztlich jeder zufrieden wäre.


Die Heimat bewahren


Schmauß hatte sich zunächst mit Fachkräften wie den Naturschutz- und Forstbehörden zusammengesetzt und anhand der Kriterien – zum Beispiel der nötige Abstand von 800 Metern zur nächsten Gemeinde – Gebiete ausgearbeitet. Parallel dazu wird seither geprüft, welche Zonen im Landschaftsschutzgebiet für den Bau von Windrädern freigegeben werden. Seit April liegt ein Entwurf vor, die Gebiete wurden in verschiedene Kategorien unterteilt: Ausschlussgebiete, Vorranggebiete und Vorbehaltsgebiete. Bei Letzteren seien laut Schmauß Abwägungs- und Ermessensentscheidungen zu berücksichtigen. Das heißt, dass das Gebiet auch anderweitig genutzt werden kann, wenn diese Nutzung quasi höherwertig ist. Die Gebiete um die Ortschaften Kirchdorf und Grünbach sind bislang Vorbehaltsgebiete, der Wagensonnriegel Vorranggebiet.
Sicher ist bisher aber gar nichts. Denn bis Ende Oktober lief das Anhörungsverfahren zu dem bisherigen Entwurf. Erfahrungsgemäß sehe das Ergebnis hinterher immer anders aus, erklärt Schmauß. Er muss die Stellungnahmen auswerten. Vorläufiger Eindruck: „Es gibt viele Bürger, die kein Windrad vor der Haustür möchten. Andere sagen, es seien zu wenige Gebiete im Regionalplan dargestellt.“
Die Gemeinde Kirchdorf hat sich in ihrer Stellungnahme für den Wagensonnriegel ausgesprochen, sie will die Anlagen lieber gebündelt sehen, um eine Verspargelung der Landschaft zu verhindern. Auch die anderen angrenzenden Gemeinden Rinchnach, Frauenau und Zwiesel sind für den Wagensonnriegel. Kritik seitens der Bevölkerung gebe es bisher dazu nicht, heißt es auf Nachfrage aus den Rathäusern.
Franz Xaver Steininger (parteilos), der Bürgermeister von Zwiesel, beklagt aber, die Bürger würden zu einseitig und zu wenig über die Nachteile aufgeklärt. Der Bürgermeister von Kirchdorf im Wald, Alois Wildfeuer (Freie Wähler), kann die Angst seiner Bürger, vor allem vor der Lärmbelästigung gut nachvollziehen. „Bei uns ist es ja ruhig. Wenn Sie hier im Sommer nachts das Fenster offen haben, können sie ja sogar hören, wie der Marder über die Straße läuft“, sagt er. So ein Windrad könnte da schon stören, ihm selbst würde es aber „nicht so viel ausmachen“.
Regionsbeauftragter Jürgen Schmauß versteht beide Seiten. „Natürlich ist es sinnvoll ein Windrad dort zu errichten, wo bereits die entsprechende Infrastruktur vorhanden ist“, sagt er. „Andere wollen sich die Heimat aber so, wie sie ist, bewahren, und haben Angst vor einer Veränderung des Landschaftsbildes.“ Im Bayerischen Wald finden viele junge Menschen kaum Arbeit und pendeln deswegen in die Städte. „Aber sie wollen hier wohnen bleiben, weil es so schön ist und sie die Qualitäten des ländlichen Raums schätzen.“
Außerdem wird es sicherlich nicht bei ein oder zwei Windrädern in der Umgebung bleiben. Denn sind die Flächen endgültig ausgewiesen, kann theoretisch jeder ein Windrad bauen. Der Bauherr benötigt dann noch eine Genehmigung vom Landratsamt. So müsste beispielsweise überprüft werden, ob das Windrad nicht gerade in einem Biotop stehen würde. „Es kann durchaus sein, dass mehrere Gebiete gleichzeitig für die Nutzung der Windenergie in Anspruch genommen werden“, erklärt Schmauß. Also auch der Wagensonnriegel und die Zonen um Kirchdorf.
In den nächsten Monaten muss der Regionalverband Donau-Wald entscheiden, wie er mit den zusätzlichen Flächen, die im Anhörungsverfahren aufgetaucht sind, umgeht. Sollten diese aufgenommen werden, könnten noch einmal Stellungnahmen abgegeben werden. Am Ende dann entscheidet der Regionalverband, zusammengesetzt aus Landräten und Bürgermeistern, welche Flächen freigegeben werden. Bis dahin wird es aber sicherlich noch eine ganze Weile dauern.
(Lissy Kaufmann)

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