Kommunales

Meist bleiben von körperlicher Folter auch seelische Narben zurück - wie bei dem Iraker Khalid S.. (Foto: dpa)

13.04.2018

Flucht macht seelisch krank

Herausforderungen im Gesundheitsweisen

Flucht und Vertreibung erhöhen das Risiko, an einer psychischen Störung zu erkranken. Die Inanspruchnahme von psychiatrisch-psychotherapeutischen Hilfen durch asylsuchende Menschen hat sich von 2014 bis 2016 nahezu verdoppelt; ab 2016 hat sie wieder etwas abgenommen. Im Jahr 2017 wurden in der kbo-Klinik München-Ost 720 Asylbewerber behandelt (etwas weniger als fünf Prozent der stationären Aufnahmen). Insgesamt wurden Asylsuchende aus knapp 40 Ländern behandelt, die beiden häufigsten waren Afghanistan (181) und Nigeria (132).

Dass solche Behandlungen in einem Fach der „sprechenden Medizin“ besondere Schwierigkeiten bedingen, ist offenkundig: Nicht nur die Sprachbarriere, auch kulturelle Besonderheiten stellen die Behandler vor Herausforderungen. Der Gesetzgeber hat die Behandlung durch den Paragraph 4 AsylbLG auf „akute Erkrankungen und Schmerzzustände“ begrenzt. Das bedeutet den Ausschluss der Behandlung planbarer, nicht-akuter Erkrankungen, so lange keine Krankenversicherung vorliegt. Entsprechend ist der Schweregrad der zur Aufnahme kommenden asylsuchenden Menschen im Schnitt höher als bei anderen Patienten.


Vier Grundprobleme sind erkennbar



Es lassen sich vier Grundprobleme erkennen: Asylsuchende Menschen, die bereits in der Vergangenheit an schwereren psychischen Störungen gelitten haben. Die Häufigkeit von schweren psychischen Störungen wie schizophrenen Psychosen ist nämlich bei asylsuchenden Menschen keinesfalls niedriger als in der Allgemeinbevölkerung. Auch können solche psychischen Störungen während eines Asylverfahrens erstmalig auftreten, auch getriggert durch schwierige Rahmenbedingungen, durch Krieg und Vertreibung ausgelöste psychische Störungen, insbesondere posttraumatische Belastungsstörungen.

Die Lebensbedingungen im Asylverfahren erweisen sich als so belastend, dass diese mit psychischen Störungen wie depressiven Verstimmungen und eventuell Suchtentwicklungen einhergehen. Das Fehlen einer Perspektive (etwa durch Arbeit) macht krank. Anstehende Abschiebungen führen zu Krisenreaktionen, bis hin zu Suiziddrohungen.

Diese Grundkonstellationen können auch gleichzeitig auftreten. So hatten wir kürzlich erlebt, dass ein schizophrener Mensch aus Afghanistan zur Abschiebung anstand und deswegen suizidal wurde. Psychiater und Psychotherapeuten werden für alle genannten Bereiche konsultiert. In Erregungszuständen, bei Suiziddrohungen oder nach Suizidversuchen erfolgt häufig die notfallmäßige Einweisung in eine psychiatrische Klinik. Das ist oft aber nicht unproblematisch: Ein Krankenhaus hat den Auftrag, medizinisch zu behandeln.


"Es gibt keine Pille gegen Abschiebung"


Das passt bei den oben genannten Grundproblemen aber nur bei der ersten: Asylsuchende Menschen mit akuten psychischen Störungen haben das Recht auf ärztliche Behandlung – das ist die Kernkompetenz psychiatrisch-psychotherapeutischer Kliniken. Bei der vierten Konstellation ist dagegen offenkundig, dass Psychiatrie und Psychotherapie chancenlos sind: Es gibt keine Pille und keine Psychotherapieform, die eine anstehende Abschiebung „therapieren“ könnten.

Auch der Problembereich krankmachender schlechter Lebensbedingungen lässt sich mit den Mitteln der Klinik nicht oder nur sehr begrenzt angehen. Atteste werden hier zum Instrument, das zunehmend stumpf und unbrauchbar wird – es ist nicht Aufgabe der Medizin, grundsätzliche Probleme durch individuelle Atteste zu lösen. Leider bestehen auch im Bereich der Traumatherapie oft Erwartungen, die nicht zu erfüllen sind: Kultursensible Traumatherapie ist schwer verfügbar, häufig ist eine solche Behandlung aber auch gar nicht das Anliegen der Betroffenen – etwa, weil ihnen ein entsprechendes Störungsbewusstsein fehlt oder weil sie ganz andere vordringliche Anliegen haben.

Asylsuchende Menschen dürfen nicht grundsätzlich als Gefährder gesehen werden. Sie haben vielmehr ein Anrecht auf angemessene Hilfen. Dabei müssen aber die Erwartungen an Psychiatrie und Psychotherapie kritisch hinterfragt werden. Zu erwarten, dass aktuelle Probleme der Asyl- und Ausländerpolitik (etwa anstehende Abschiebungen, schlechte Lebensbedingungen) in Psychiatrie und Psychotherapie gelöst werden, beinhaltet die Gefahr des politischen Missbrauchs der Medizin. (Peter Brieger)


Der Autor ist Psychiater und Ärztlicher Direktor des kbo-Isar-Amper-Klinikums des Bezirks Oberbayern.



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