Kommunales

In manchen Kommunen des Freistaats werden unter anderem fünf Mal mehr Gaumenmandel- und Blinddarm-Operationen durchgeführt als anderswo. (Foto: dpa)

22.10.2014

In bayerischen Landkreisen wird am häufigsten operiert

Laut einer Studie von OECD und Bertelsmann-Stiftung sind die Abweichungen rein medizinisch ebenso wenig zu erklären wie durch Alters- oder Geschlechtsstrukturen - und deshalb bedenklich.

Selbst in sehr leistungsstarken Gesundheitssystemen hängt eine angemessene medizinische Versorgung oftmals vom Wohnort ab. Das weisen OECD und Bertelsmann Stiftung in zwei aktuellen Studien für Deutschland und zwölf weitere Industrienationen nach.
Fazit: Auch innerhalb Bayerns gibt es große Unterschiede. In manchen Städten und Landkreisen werden fünf Mal mehr Gaumenmandel- und Blinddarm-Operationen durchgeführt als anderswo. Rein medizinisch sind die Abweichungen ebenso wenig zu erklären wie durch Alters- oder Geschlechtsstrukturen – ein Warnsignal für die Studienautoren: „Große regionale Unterschiede in der Gesundheitsversorgung sind ein klares Zeichen für Qualitäts-, Effizienz- und Gerechtigkeitsprobleme“, sagte OECD-Direktor Mark Pearson.
Im Landkreis Schweinfurt und in Weiden in der Oberpfalz etwa ist die Wahrscheinlichkeit, dass Kindern die Gaumenmandeln entfernt werden, fünf Mal höher als in der oberfränkischen Stadt Coburg oder im Unterallgäu. Neben Schweinfurt und Weiden in der Oberpfalz zählen Straubing und Cham zu den 20 Kreisen in Deutschland mit den höchsten Mandel-OP-Raten. Auch bei anderen OP-Verfahren fallen bayerische Kreise durch hohe Raten auf. 18 von 20 Kreisen mit den höchsten Raten an Kniegelenk-Erstimplantationen und acht von 20 Kreisen mit den höchsten Kaiserschnittraten liegen in Bayern.
Die Ergebnisse beruhen auf einer Langzeituntersuchung. Seit 2007 beobachtet die Bertelsmann Stiftung in ihrem Faktencheck Gesundheit die Häufigkeit von Operationen in allen 402 deutschen Kreisen und Städten und hat dabei Verblüffendes festgestellt: Das Ausmaß der regionalen Unterschiede innerhalb Deutschlands bleibt über die Jahre hinweg bei den einzelnen OP-Typen nahezu gleich. Und es sind auch überwiegend dieselben Regionen, die konstant unter besonderer Über- oder Unterversorgung leiden.

Ärztekammern sollen schärfer kontrollieren


Verantwortlich für die großen regionalen Unterschiede sind keineswegs nur wenige Ausreißer. Bei den Mandelentfernungen etwa weichen 137 der 402 deutschen Städte und Gemeinden um mehr als 30 Prozent vom Bundesdurchschnitt ab. Das legt die Vermutung nahe, dass betroffene Kinder in jeder dritten Stadt und jedem dritten Kreis entweder über- oder unterversorgt werden. Auffällig ist zudem, dass einige Städte und Kreise gleich bei mehreren Eingriffen die deutschlandweit höchsten Operationsraten aufweisen. OECD und Bertelsmann Stiftung empfehlen den Ärztekammern und Fachgesellschaften dringend, diese auffälligen Regionen einer eingehenden Untersuchung zu unterziehen. 
Warum die Versorgungslage zwischen den Regionen so unterschiedlich ist, dazu kann auch die Forschung bislang nur erste Erklärungsansätze liefern. Die beiden Studien von OECD und Bertelsmann Stiftung stellen übereinstimmend fest, dass das Fehlen klarer medizinischer Leitlinien die Gefahr von regionalen Unterschieden vergrößert. „Leitlinien, die den Handlungskorridor der Ärzte definieren, sollte es für alle operativen Eingriffe geben. Ihre Einhaltung muss strenger kontrolliert werden – bei aller notwendigen ärztlichen Entscheidungsfreiheit im Einzelfall“, sagte Brigitte Mohn. Zudem seien Extremwerte in bestimmten Städten und Kreisen ein Indiz dafür, dass ärztliche Aufklärung regional unterschiedlich wahrgenommen wird: „Von Ärzten kann man normalerweise erwarten, dass sie über alternative Behandlungsmethoden verständlich und neutral informieren. Dies sollten die Patienten auch einfordern“, sagte Mark Pearson von der OECD. Entscheidungen für oder gegen eine Operation dürften nicht, wie die Versorgungsforschung es für möglich hält, eine Frage der Angebotskapazität oder von Gewohnheiten der ortsansässigen Ärzte sein. (BSZ)

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