Kommunales

Die Jagd hat auch romantische Aspekte. (Foto: dpa)

13.03.2015

Intellektuelle Ausrüstung für Waidmänner

In Wunsiedel entsteht Bayerns erste Jagdakademie – vor allem zu Forschungs- und Weiterbildungszwecken

Im Wald ist es ganz still an diesem Morgen. Irgendwo im Unterholz genießen die Wildtiere die warmen Strahlen der Märzsonne. Jäger müssen sie heute nicht fürchten. Es herrscht Schonzeit am Hausberg hoch über Wunsiedel im Fichtelgebirge. Jäger sind trotzdem nach Oberfranken gekommen. Allerdings unbewaffnet. Ihr Anliegen ist eher wissenschaftlich: die Gründung der ersten bayerischen Akademie für Jagd und Natur steht an.
Hans-Peter Friedrich (CSU), der ehemalige Bundeslandwirtschaftsminister, findet als Schirmherr der neuen Akademie deutliche Worte: „Die Jagd wird heute ideologisch bekämpft. Die Jäger werden dämonisiert und als Killer diskreditiert“, sagt Friedrich und spricht damit wohl nicht nur dem Präsidenten des Bayerischen Jagdverbandes aus der Seele. „Die fröhliche Jagd ist Geschichte. Heute müssen wir uns den modernen Herausforderungen der Gesellschaft stellen“, ist sich Jürgen Vocke sicher.
Gleich neben der Landesjagdschule soll die Akademie gebaut werden, erklärt der Präsident des Jagdverbands. In dem kleinen Anbau soll vor allen Dingen die neue Fachbibliothek untergebracht werden. „Mit 6000 Bänden entsteht hier die mit Abstand größte Jagd-Bibliothek in ganz Bayern“, freut sich Vocke. „Damit wir die Akzeptanz in der Bevölkerung behalten, müssen wir auf viele Fragen neue Antworten finden.“
Und Fragen gibt es genug: Gehört der Waschbär zu Bayern? Sollen Nachtsichtgeräte bei der Wildschwein-Jagd erlaubt werden? Wie sinnvoll sind Wildfütterungen im Winter? Allein auf die Tradition zu verweisen, reicht offensichtlich nicht mehr aus im Wettstreit der unterschiedlichen Argumente und Meinungen. Die Hysterie nehme mittlerweile sehr schnell erschreckende Ausmaße an, wenn Probleme in der Öffentlichkeit auftauchen. „Als TBC bei Rotwild im Allgäu festgestellt wurde, wollte man am liebsten gleich alle Tiere abknallen“, erinnert sich Vocke.

 

Ein Lehrrevier mit 1000 Hektar


Kontrovers werde aktuell die Wildfütterung von Wildtieren im Winter diskutiert. Die Landesregierung in Baden-Württemberg habe kürzlich sogar die Notfütterung weitgehend verboten. Wild müsse wild leben, fordern die Befürworter. Durch Fütterungen werden Wildbestände künstlich aufgebaut und verursachen große Schäden im Wald, argumentieren die Kritiker der Wildfütterung. „Ich bin auf den Aufschrei aus der Bevölkerung gespannt, wenn die Tiere rund um die aufgelassenen Fütterungen im Winter krepieren“, sagt Vocke. Damit die Jäger in solchen Debatten nicht den Kürzeren ziehen, soll zukünftig die Wissenschaft gezielt mit Forschungsaufträgen konsultiert werden – sozusagen verbale Munition entwickeln für intellektuelle Gefechte rund ums Thema. Das hilft auch der wachsenden Zahl an Waidmännern und -frauen, denn trotz der gesellschaftlich nicht unumstrittenen Stellung der Jäger: Besonders unter jungen Menschen im Freistaat wächst die Attraktivität dieses Hobbys.
Die Vielfalt der Fragestellungen zeigt sich am interdisziplinären Ansatz der neuen Akademie für Jagd und Natur. Professoren für Biodiversivität und Artenschutz unterstützen die Forschungseinrichtung genauso wie internationale Experten für Tierernährung. Zur wissenschaftlichen Kommission gehören auch Forscher aus den Bereichen Bakteriologie und Lebensmittelchemie. Mit Eva-Maria Kern ist sogar eine Professorin für Wissensmanagement mit an Bord. „Wichtig wird auch sein, die schwierigen Fachthemen rund um die Jagd für die Öffentlichkeit aufzubereiten und einem breiten Publikum zu vermitteln“, sagt Kern von der Fakultät für Wirtschafts- und Organisationswissenschaften der Universität der Bundeswehr in München. Die Akademie wolle niemand bekehren. Es geht auch nicht um reine Lobbyarbeit. „Objektive Inhalte und eine breitere Wissensbasis werden dazu beitragen, die Diskussionen in der Öffentlichkeit zu versachlichen.“
Die Landesjagdschule in Wunsiedel bietet dafür die besten Voraussetzungen. In dem Haus am Katharinenberg befindet sich das Fortbildungszentrum für die bayerischen Jäger. „Wir haben ein Lehrrevier mit 1000 Hektar. Darin sollen auch die wissenschaftlichen Versuche stattfinden“, erklärt Leiter Severin Wejbora. Manchmal seien auch die Jäger mit ihrem Latein am Ende, gibt Wejbora zu. „Rebhuhn, Wachtel und Fasan gehen bundesweit zurück. Woran liegt das? Wem schiebt man das in die Schuhe? Das kann der Jäger vor Ort nicht beantworten. Dafür braucht man den Blick auf das große Ganze.“ Er verweist auf erfolgreiche Pilotprojekte in seinem Forschungsrevier. So wurde mit dem Einsatz von Drohnen experimentiert, um Rehkitze im Kornfeld rechtzeitig vor den tödlichen Mähmaschinen aufzuspüren und retten zu können. (Nikolas Pelke)

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