Kommunales

Durch Ismaning im Sattel: Vertreter von Gemeindeverwaltung, Oberster Baubehörde, Bayerischem Städtetag, Allgemeinem Deutschen Fahrrad-Club und Polizei testen die Radlfreundlichkeit der Kommune. (Foto: Paul)

25.07.2014

Ismaning strampelt sich ab

Wie die Gemeinde in einem aufwendigen und langwierigen Verfahren das begehrte Zertifikat "Fahrradfreundliche Kommune" errang

Keine Stadt oder Gemeinde würde ernsthaft von sich behaupten, dass Radler auf ihrem Territorium unerwünscht sind, im Gegenteil, schließlich gilt die Fortbewegung im Sattel als ökologisch und gesund – aber vom tatsächlichen Prädikat „fahrradfreundlich“ ist das noch weit entfernt. Bisher haben 38 bayerische Kommunen die begehrte Auszeichnung erhalten – nach einem strengen und oft langwierigen Verfahren. Als 39 Bewerber trat jetzt die Gemeinde Ismaning im Landkreis München an. Gerade im Speckgürtel dicht besiedelten Münchner Speckgürtel macht ein Umstieg weg vom Auto innerorts ja auch Sinn.
Zumindest auf den ersten Blick macht Radfahren in dem gut 15 000 Einwohner zählenden Ort nordöstlich von München richtig Spaß. Die Wege sind meist eben, das Gemeindegebiet weist viele Grünflächen auf, die Isarauen sind nicht weit. Doch von derlei Äußerlichkeiten dürfen sich die Mitglieder der Bewertungskommission nicht beeindrucken lassen, es zählen die harten Fakten. Eine buntgemischte Truppe ist an diesem Julivormittag unterwegs. Neben dem neuen, seit 1. Mai amtierenden Bürgermeister Alexander Greulich (SPD) und mehreren Mitarbeitern seiner Gemeindeverwaltungen haben sich auch Vertreter des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC, der Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundliche Kommune (AGFK) des Bayerischen Städtetags und Johannes Ziegler, Referent für Radverkehr der Obersten Baubehörde im bayerischen Innenministerium, eingefunden. Auch Kriminalhauptkommissar Martin Göppner der Dienststellenleiter der örtlichen Polizeiinspektion, darf nicht fehlen. Wenn in Bayern etwas zertifiziert wird, dann gründlich.

Zwei Jahre Planungs- und Vorbereitungszeit


Das Wetter ist zwar nicht so freundlich und stört mit häufigem Platzregen, dass tut dem aufmerksamen Blick der Kontrolleure aber keinen Abbruch. Entscheidend ist unter anderem, wie ungehindert der Radverkehr fließen kann, ob es eventuell Gefährdungen gibt durch zu schnelle Autos an unübersichtlichen Stellen, ob Blumenkübel oder andere künstliche Hindernisse im Weg stehen, ob die Bordsteine korrekt abgeschrägt sind, wie gut die Radwege beschildert sind, ob es ausreichend Stellplätze gibt. Fast zwei Stunden ist die Truppe kreuz und quer durch Ismaning unterwegs, immer wieder wird gestoppt, erläutert, notiert, nachgefragt. Seit einiger Zeit ist auch die Einwohnerschaft verstärkt per Rad unterwegs, denn mit dem Auto ist in Ismaning derzeit schwer durchkommen, weil aufgrund eines 70 Millionen Euro teuren Geothermieprojekts an vielen Stellen die Straße aufgerissen wurde.
Überhaupt dauert das Verfahren ziemlich lang. Schon vor zwei Jahren stimmte der Gemeinderat von Ismaning dem Beitritt zur AGFK zu, seither war die Verwaltung mit der konkreten Umsetzung befasst. Für das Radverkehrskonzept wurde mit der Münchner Firma PLSV Planungsgesellschaft Stadt-Land-Verkehr ein professioneller Projektumsetzer engagiert, sogar eine Haushaltebefragung startete die Gemeinde. Seit April liegt der 50-seitige Abschlussbericht des Radverkehrskonzepts vor.
Und das ist auch alles nicht ganz billig. Allein im aktuellen Haushalt der Gemeinde sind 80 000 Euro für die Umsetzung baulicher Maßnahmen zur fahrradfreundlichen Kommune eingeplant. In den vergangenen Jahren wurden aus diesem Topf tolle Dinge für Biker bezahlt – so etwa jeweils eine Rampe neben den Treppen, die von der Isar hinauf zum Philosophenweg führen. Das Etikett „fahrradfreundliche Kommune“ ist also nichts, was sich gleich jede Gemeinde in Bayern leisten können wird; mal wieder ist die Lebensqualität der Einwohner abhängig von der Haushaltslage ihrer Stadt.

Viele Zebrastreifen sind ein Pluspunkt


Vor der abschließenden Bereisung folgte eine Vorbereisung, auf welcher die Verantwortlichen in der Kommune auf kleinere und größere Mängel hingewiesen werden, die es noch abzustellen gilt. Nach dem gemeinsamen Strampeln steht im Sitzungssaal der Gemeinde die Auswertung an. Die Gäste haben viele Nachfragen an die Gemeindevertreter. Wer ist der offizielle Ansprechpartner für alle Belange von Fahrradfahrern im Rathaus? Gibt es ein Fachgeschäft am Ort, wo man sein Radl reparieren lassen kann? Übernehmen die Kommunalpolitiker eine Vorbildfunktion, fahren also selbst oft mit dem Fahrrad? Ein großes Plus von Ismaning aus Sicht besonders der Vertreter des ADFC sind die vielen Zebrastreifen im Ort. Schon vor Jahren hat man sich mit anderen Gemeinden aus der so genannten Nordallianz – die Kommunen nordöstlich von München – bei der Erstellung gemeindeübergreifender Wegekarten zusammengetan.
Fahrradfreundlichkeit ist jedoch in vielen bayerischen Städten noch längst keine Selbstverständlichkeit, wie ADFC-Vertreter Walter Radtke aus seiner Heimat Neu-Ulm zu berichten weiß. Dort haben die Unfälle mit Radlern innerhalb eines Jahres um fast 40 Prozent zugenommen. Häufig noch werde das Fahrrad als reines Sportgerät gesehen, doch solle es vielmehr ein gleichberechtigtes Fahrzeug sein, wünschen sich die Radverkehrsanhänger.
Ismaning hat es derweil geschafft, die AGFK schlägt dem bayerischen Innenministerium die Gemeinde für die Aufnahme in den Kreis der „Fahrradfreundlichen Kommunen“ vor. (André Paul)

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