Kommunales

Nicht nur um den Suchtkranken selbst, auch um seine Angehörigen müssen sich die Sozialdienste häufig kümmern. (Foto: Getty)

16.08.2013

Letzter Anker im Abwärtsstrudel

Sozialdienste wie etwa Integra im Großraum Ingolstadt sind aus der öffentlichen Infrastruktur nicht mehr wegzudenken und auch als Arbeitgeber schwer ersetzbar

Sozialdienste sind inzwischen mehr als nur eine Rettung für Menschen in Not. Sie haben sich in den vergangenen Jahren zu regelrechten Sozialunternehmen entwickelt, bieten neben der klassischen Suchtberatung auch Programme für den Einstieg in den Arbeitsmarkt an, betreiben Werkstätten und vermieten sogar Wohnungen.
In der Region Ingolstadt hat sich in den vergangenen 13 Jahren mit Integra Soziale Dienste gGmbH, deren Zentrale in Gaimersheim im Landkreis Eichstätt sitzt, ein Projekt etabliert, das sich als freier Träger sozialer Dienstleistungen zur Aufgabe gemacht hat – dem Gemeinwohl verpflichtet – Menschen mit Suchtmittelabhängigkeit, psychischen Erkrankungen/Doppeldiagnose, seelischen und körperlichen Behinderungen oder einer sozialen Notlage individuelle Hilfe zu geben. Die Vision von Integra lautet: „Außergewöhnliche Menschen erhalten außergewöhnliche Dienstleistungen von außergewöhnlichen Mitarbeitern.“ Bis zum Jahr 2000 gab es in der Region 10 ein solches ambulantes Versorgungsangebot für suchtkranke Menschen nicht. Dieter Moosheimer, neben Marianne Schlamp einer von zwei Geschäftsführern, verdeutlicht: „Der Mensch steht im Mittelpunkt unserer Dienstleistungen. Wir wollen Leute, die sich am Rande der Gesellschaft bewegen, in die Mitte zurückbringen.“


Nicht von "Patienten" reden


Drei Leistungskategorien sind es, welche die suchtkranken Menschen in Anspruch nehmen können: Betreutes Wohnen (in den Landkreisen Eichstätt, Neuburg-Schrobenhausen, Pfaffenhofen, Donau-Ries und der Stadt Ingolstadt), Therapeutische Wohngemeinschaften (in Ingolstadt, Gaimersheim und Neuburg) und Zuverdienstmöglichkeiten (unter anderem in den eigenen Werkstätten, in der Hauswirtschaft, in Secondhand-Läden oder im Tagescafé). 100 festangestellte Mitarbeiter, davon 50 Fachkräfte (Sozialpädagogen, Heilerziehungspfleger, Ergo-Therapeuten) arbeiten daran, zirka 400 Menschen in Not – man spricht bewusst nicht von Patienten, sondern von Klienten – bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft Hilfestellung zu geben, ihnen ein möglichst hohes Maß an Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung zu ermöglichen. „Die Leute, die zu uns kommen, sind schwerst erkrankt,“ erläutert Moosheimer, „wenn sie sich keiner Behandlung unterziehen, dann sinkt ihre Lebenserwartung erheblich.“
Suchtkranke, die in den meisten Fällen nicht wissen oder wissen wollen, dass sie schwer krank sind, können nicht vollständig geheilt werden, denn, so Moosheimer, „einmal suchtkrank, immer suchtkrank. Sie müssen lernen mit dieser Erkrankung zu leben und verantwortungsvoll damit umzugehen. Diesen Menschen muss geholfen werden. Aber nur wer eine Krankheitseinsicht hat, dem lässt sich auch wirklich helfen. Das Wort ,Würde’ bekommt eine große Bedeutung. Wir müssen unsere Klienten so motivieren, dass sie wiederum motiviert sind, ihre Krankheit zu bekämpfen. Das tun wir unter anderem in der Form, dass wir ihnen Arbeit und damit eine sinnstiftende Aufgabe geben.“
Suchtkranke sind sehr sensible Menschen mit einer großen Verletzlichkeit. Eine Problemlösestrategie fehlt, und das führt zur Flucht vor Konflikten. Es folgen die soziale Isolierung und der Absturz. „Wer Glück hat, wird von einem sozialen Dienst, wie es Integra ist, aufgefangen, wer Pech hat, der landet in der Gosse“, bringt es Moosheimer, ein gelernter Heilzerziehungspfleger, auf einen einfachen Nenner.
Das Zuverdienst- und Integrationsprojekt von Integra bietet bis zu 200 Arbeitsplätze für Menschen mit einer Behinderung. Sie werden von qualifizierten Fachkräften angeleitet und unterstützt. Diese Dienstleistungen erstrecken sich unter anderem von Malerarbeiten, Abpackarbeiten über Montagen aller Art, von Palettenbau bis zu Steck- und Zuschneidetätigkeiten. Integra bietet auch einen umfassenden Hauswirtschaftsservice (Catering, Näh- und Bügelservice, Hausreinigung, Einkaufsdienste) an. Bei einer Zuverdienstfirma handelt es sich um eine Firma, in der die Klienten für einige Stunden in der Woche regelmäßig und verbindlich einer geringfügig beschäftigten Arbeit nachgehen. Somit haben sie zu ihrer Erwerbsunfähigkeitsrente oder Sozialhilfe einen „Zuverdienst“ zur Grundsicherung, sprich Wohnen und Verpflegung. Die Zuverdienstarbeit bietet also die Möglichkeit zum sanften Wiedereinstieg ins Arbeitsleben. Die Kosten dafür übernimmt der Bezirk Oberbayern als überörtlicher Sozialhilfeträger.
Therapeutische Wohngemeinschaften bieten Menschen mit einer Suchtmittelabhängigkeit oder Doppeldiagnose Unterstützung in ihrer Lebensführung. Als oberstes Ziel soll den Klienten geholfen werden, suchtmittelfrei, menschenwürdig und möglichst selbstbestimmt zu leben und sich so ganzheitlich zu stabilisieren. Qualifiziertes Personal unterstützt die 69 Bewohner dieser „WG‘s“. Im Betreuten Wohnen wiederum haben zirka 150 Klienten eine eigene Wohnung, werden aber regelmäßig betreut. Sie bekommen Hilfe im Umgang mit Behörden oder erhalten Unterstützung bei der beruflichen Rehabilitation.

Aus Steuergeldern finanziert


Und wie finanziert sich Integra? Daniela Hofmann, diplomierte Sozialpädagogin und zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit, erläutert: „Wir sind eine gemeinnützige Gesellschaft unter privater Trägerschaft. Im Bereich der Sucht- und Psychisch-Kranken werden wir vom Bezirk Oberbayern finanziert, also von Steuergeldern. Ohne diese Unterstützung ginge nichts. Für die Bezahlung der Löhne der Klienten sind wir auf Aufträge aus der freien Wirtschaft oder von Privatpersonen angewiesen.“ Mit den Einnahmen aus Produktion oder Dienstleistungen werden die Löhne der Zuverdient- und Integrationsfirmenmitarbeiter bezahlt. Derzeit werden jährlich etwa 350 000 Euro an Löhnen ausbezahlt. Ihr Kollege Dieter Moosheimer ergänzt: „Da wir dem Gemeinwohl verpflichtet und nicht gewinnorientiert sind, fließen die Erträge in die Löhne der Klienten oder werden in den weiteren Ausbau von Integra investiert.“ Im Februar erreichte die Einrichtung beim bundesweiten Great Place to Work-Wettbewerb – wird ausgeschrieben vom Bundesarbeitsministerium – das Prädikat „Bester Arbeitgeber im Gesundheitswesen“ zum dritten Mal in Folge den fünften Platz in der Kategorie Pflege- und Betreuungseinrichtungen. Ausgezeichnet wurden Einrichtungen des Gesundheitswesens, die aus Sicht ihrer Beschäftigten und der unabhängigen Jury eine besonders vertrauenswürdige, wertschätzende und attraktive Arbeitsplatzkultur haben. Insgesamt nahmen rund 150 Krankenhäuser, Pflege- und Betreuungseinrichtungen an der Untersuchung teil. Durch den fünften Platz gelang es Integra auch im Gesamtwettbewerb zu den 100 „Deutschlands Besten Arbeitgebern“ zu zählen. (Dieter Warnick)

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