Kommunales

In der rund 4500 Einwohner zählenden Stadt Iphofen sind von den 300 Anwesen der Altstadt etwa 130 Einzeldenkmäler. (Foto: Christ)

08.08.2014

Mehr Leben in alte Gemäuer bringen

Unterfranken ist in Bayern Vorreiter bei neuen Konzepten zur kreativen Nutzung historischer Altstädte

Ein historischer Stadtkern kann mehr sein als nur eine Touristenattraktion. Doch die Unterhaltung und Sanierung kann mitunter teuer werden – besonders angesichts immer strengerer energetischer Vorgaben. In Unterfranken finden regelmäßige Tagungen statt, bei denen sich Städte und Gemeinden informieren können.

Mit seinem Kreuzgewölbe und der Stuckdecke im Sitzungssaal ist das spätgotische Rathaus in Amorbachs Altstadt ein Blickfang. Überhaupt gibt es viel Schmuckes in dem barocken Odenwaldstädtchen in Unterfranken zu entdecken. Dennoch blieben in jüngster Zeit die Besucher weg. Amorbach im Landkreis Miltenberg reagierte und begann, den Altstadtkern kreativ wiederzubeleben. Das brachte der Kommune jetzt einen Preis ein beim Bundeswettbewerb „Historische Stadtkerne – integriert denken und handeln“.
Nicht nur Amorbach brachte in letzter Zeit neuen Schwung und optischen Feinschliff in seinen historischen Stadtkern. Gleiches taten auch die unterfränkischen Kommunen Großostheim im Landkreis Aschaffenburg) und Iphofen im Landkreis Kitzingen. Auch sie wurden beim Bundeswettbewerb ausgezeichnet. Damit gingen von bundesweit insgesamt elf Auszeichnungen gleich drei nach Unterfranken. Eine „erstaunliche Tatsache, die ihn sehr stolz auf die unterfränkische Städtebauförderung mache“, meint dazu Unterfrankens Regierungspräsident Paul Beinhofer (CSU).
Hintergrund: Städebauförderung erleichtert es Gemeinden, Märkten und Städten, städtebauliche Maßnahmen zu finanzieren. Sechs Millionen Euro stehen heuer dafür in Unterfranken zur Verfügung. Der Regierung ist es wichtig, dass die Kommunen auch konkrete Vorschläge und Ideen an die Hand bekommen, was sie mit dem Geld anfangen sollen. „Städtebauförderung hat bei uns einen hohen Stellenwert“, so Regierungssprecher Johannes Hardenacke. Für Kommunalvertreter, Interessierte und Multiplikatoren werden zum Beispiel regelmäßig Tagungen zur Städtebauförderung organisiert. Der 13. Kongress zu diesem Thema fand heuer in Röttingen im Landkreis Würzburg statt.

Urgemütliche Weinstadt


„Diese Tagungen sind schon etwas Besonderes in Bayern“, meint Hardenacke. Ihm sei nicht bekannt, dass eine andere Regierung im Freistaat jedes Jahr einen solchen Kongress organisiert. Bei diesen Veranstaltungen lernen Gemeinden viel voneinander. Im Jahr 2012 zum Beispiel stellte Wettbewerbssieger Iphofen sein Konzept zur Sanierung des historischen Ortskerns vor.
Die rund 4500 Einwohner zählenden Stadt Iphofen ist eine Weinstadt mit urgemütlichen historischen Häusern, einer eindrucksvollen Stadtmauer sowie geschichtsträchtigen Toren und Türmen. Von den 300 Anwesen der Altstadt sind 130 Einzeldenkmäler. Bei vielen handelt es sich um Fachwerk- oder Massivgebäude aus dem 17. oder 18. Jahrhundert. Die gesamte Altstadt steht unter Ensembleschutz. Diese historische Baukultur gilt als Visitenkarte der von Touristen gern besuchten Stadt.
Sorgen bereitet den Stadtvätern der witterungsbedingte Zerfall der Gebäudesubstanz. Doch Sanierungen im historischen Bestand sind nicht ganz einfach – zumal, wenn es sich um energetische Modernisierungen handelt. „Die Gebäude einfach dick zu verpacken, das geht nun mal nicht“, so Petra Krist von der Bauverwaltung in Iphofen.

 

Geschichte bewahren heißt nicht Stillstand


Die Stadt holte sich angesichts der Problematik Hilfe von der Technischen Universität München. Die erarbeitete einen 130-seitigen Energienutzungsplan. Krist: „Der soll auch als Leitfaden für unsere Bevölkerung dienen.“ Für Bürgermeister Josef Mend (FWG) ist es wichtig, dass Iphofen „eine dynamische Wachstumsgemeinde bleibt – und Geschichte bewahren nicht Stillstand bedeutet.
Im Mittelpunkt seiner aktuellen Sanierungsbemühungen steht der 2012 begonnene Umbau des Sandsteingebäudes „Alte Schule“ aus dem Jahr 1878. In unmittelbarer Nähe der St. Michaelskapelle als dem ältesten Gebäude der Stadt wird die „Alte Schule“ in ein modernes Verwaltungszentrum umgewandelt. Baulich direkt im Anschluss daran entstehen ein zweigeschossiger Erweiterungsneubau mit Tourist-Info sowie ein ebenfalls zweigeschossiger Neubau mit Büro- und Ladenflächen sowie einem Café.
Auch Großostheim im Landkreis Aschaffenburg widerlegt, dass sich „alt“ und „modern“ ausschließen müssen. Typisch für den Markt sind die historischen Scheunen im Ortskern. Junge Familie sollen sie – in einem geförderten Projekt – als Alternative zum Wohnen auf der grünen Wiese nutzen können. „Parkscheune“ lautet das Stichwort der Initiative, welche die Bundesjury begeisterte. Das Fazit ihrer Würdigung: „Auf sympathische Weise werden die alten Scheunen zu einem Baumodell der Zukunft umgedeutet.“
In Großostheim wurde auch der Grundsatz, dass Bürger bei Sanierungsprojekten beteiligt werden sollen, vorbildlich erfüllt. In vier Arbeitsgruppen nahmen die Einwohner 2011 die Themenbereiche „Wohnen“, „Gewerbe“, „Einzelhandel“ sowie „Kultur und Tourismus“ unter die Lupe. In einer zweiten Bürgerwerkstatt wurden aus den erarbeiteten Vorschlägen konkrete Ziele abgeleitet. Ein am Marktplatz eingerichteter „Cityladen“ dient als Anlaufstelle für Bürger alle Belange der Ortskernentwicklung betreffend. Der Markt, der sich im 7. Jahrhundert an der Kreuzung zweier römischer Straßen entwickelte, besitzt mit der St. Martinskirche ein mehr als 1250 Jahre altes Gebäude.

"Zuschüsse helfen nichts ohne Eigenmittel"


Mit so viel Historie kann Amorbach nicht aufwarten. Doch hier steht mit dem Templerhaus von 1291 immerhin das älteste erhaltene Fachwerkhaus Bayerns. 370 historische Gebäude befinden sich im Ortskern, vier Mühlen zählen zu den touristischen Attraktionen. Das Mühlenviertel soll nun in ein „Kreativquartier“ umgewandelt werden. Eine neu gegründete „Freie Internationale Akademie Amorbach“ möchte versuchen, Außenstelle einer Bayerischen Kunsthochschule zu werden.
Mit einem 200-seitigen Entwicklungskonzept hat Amorbach den Grundstein für eine Wende gelegt. Doch wird die wirklich gelingen? Bürgermeister Peter Schmitt (CSU) bleibt skeptisch. „Die Rahmenbedingungen sind eher schlecht“, meint er mit Blick auf die prekäre Haushaltssituation. Zwar gebe es durch die Städtebauförderung eine 60-prozentige Förderung für Erhaltungs- und Erneuerungsmaßnahmen: „Doch solche Zuschüsse helfen nicht, wenn man die notwendigen Eigenmittel nicht finanzieren kann.“ Ohne eine massive staatliche Unterstützung werde die Stadt Amorbach ihre Bedeutung als Kunst- und Kulturort nicht bewahren und weiter entwickeln können.
(Pat Christ)

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