Kommunales

Seit mehr als zehn Jahren ist das Augsburger Gaswerk stillgelegt. (Foto: dpa)

02.03.2015

Neue Chance für stillgelegtes Gaswerk

Augsburger entwickeln kulturelle Nutzungskonzepte für traditionsreiche Industriebrache

Oliver Frühschütz schreitet ein kleines Rechteck ab. Hier stand seine Werkbank, an der er bis 2001 als Elektriker arbeitete. Dann legten die Augsburger Stadtwerke das Gaswerk still, Frühschütz wurde versetzt. All die Jahre hatte er sich nie Gedanken gemacht über die Welt außerhalb seiner Werkstatt, über das Gelände mit den drei markanten Gaskesseln. Nun aber begann Frühschütz in alten Akten und Fotoalben zu wälzen. Nach und nach entstand für ihn ein ganz neues Bild von seinem früheren Arbeitsplatz. Jetzt soll ein neues Nutzungskonzept für den denkmalgeschützten Komplex entwickelt werden - Gastronomie, Ateliers und Band-Proberäume könnten bald in dem hundert Jahre alten Gaswerk entstehen.
Wer die Bundesstraße im Augsburger Westen entlang fährt, kann den größten Gaskessel schon von weitem erkennen. Mehr als 80 Meter ragt der rostrote, eiserne Zylinder in den Himmel - Charakteristikum des gesamten Gaswerks. Ein Jahr nach Ausbruch des ersten Weltkrieges, 1915, hatte es die Stadt in Betrieb genommen, seitdem war das Gelände aus Sicherheitsgründen hermetisch abgeriegelt. Die Bürger kannten die Kokskasse am Eingang, hier kauften sie das Heizmaterial für den heimischen Ofen. Doch was hinter der Kasse lag, blieb für die meisten unbekanntes Terrain, ein blinder Fleck auf dem Stadtplan.
Das wollen die Augsburger nun ändern. Mühsam wird das Erdreich derzeit von Teerresten und andere Altlasten gereinigt. Auf dem Gelände soll in den kommenden Jahren ein offener Kulturraum entstehen. Ein Projekt, bei dem viele Interessen, Meinungen, Ideen aufeinanderprallen.

Teleskopgasbehälter sind einzigartig in Europa

Oliver Frühschütz setzt sich dafür ein, dass die Einzigartigkeit der Gebäude erhalten bleibt. Die beiden Teleskopgasbehälter mit ihren bauchigen Wasserbecken fänden sich in ganz Europa kein weiteres Mal. Auch der hohe Scheibengasbehälter steht unter Denkmalschutz. "Wenn man den abreißt, ist das, als ob man einer Kirche den Kirchturm wegnimmt", sagt Frühschütz. Er hat den Verein der Gaswerksfreunde gegründet, damit die Geschichte nicht in Vergessenheit gerät. In seiner Freizeit führt er Besucher über das Gelände und gerät dabei regelrecht ins Schwärmen. In dem Raum, in dem einst seine Werkbank stand, befindet sich nun ein kleines Museum. Poröse Kohlebrocken, wuchtige Küchenherde und filigrane Hängeleuchten vermitteln die Herstellung des Gases und seine alltägliche Nutzung.
Das Gaswerk war damals für die Stadt Augsburg ein Prestige-Objekt. Von außen sollte es nicht als Industrieanlage erkennbar sein. Kein einziges Gasrohr wurde offen verlegt, stattdessen verliefen die Leitungen unter der Erde oder versteckt hinter der Fassade. "Oben hui, unten pfui", scherzt Frühschütz im Apparatehaus, in dessen Keller sich ein undurchsichtiges Rohrwirrwarr befindet. Eine Etage darüber hohe, gewölbte Decken und große Fenster - auch dies nicht ohne Hintergedanken der Architekten, den Münchner Gebrüdern Rank: Im Fall einer Explosion sollten die Außenmauern und der eiserne Dachstuhl stehen bleiben, nur das Dach und die Fenster hätten der Druckwelle nachgegeben. Bis zu 250 Menschen arbeiteten und lebten einst auf dem Gaswerksareal. Noch heute erinnern daran die prächtige Direktorenvilla und die Wohnbauten für die Angestellten.
Neues Leben sollen nun Künstler, aber auch Gewerbetreibende und die Anwohner bringen. Dafür hat die Stadt zu einer Zukunftswerkstatt aufgerufen. Der Berliner Experte für Stadtentwicklung, Bastian Lange, wurde für dieses Projekt nach Augsburg geholt. Seine Aufgabe: Interessen bündeln, Konfliktpotenzial eindämmen, Kompromisse finden. In sechs Workshops hat er Bürger an einen Tisch gebracht und gemeinsam Visionen entwickelt. Eine Schafweide auf der Wiese zwischen den Gaskesseln, eine Boule-Anlage für Turniere, ein großer Gemüsegarten - "viele Vorschläge, die auf den ersten Blick vielleicht irritieren, erscheinen nach längerem Nachdenken gar nicht mehr so verrückt", meint Lange. Er hat beobachtet, wie im Ruhrgebiet versucht wurde, alten Gaskesseln eine neues Leben zu geben - nicht immer erfolgreich. "Es reicht nicht aus, nur ein Café mit Panoramaterrasse aufs Dach zu setzen." Ein solches Bauvorhaben spräche nur einen Teil der Bevölkerung an, für andere dagegen sei es zu exklusiv. Deshalb ist es für Lange wichtig, die Bürger mit ins Boot zu holen: "Die Zukunft der Stadt darf nicht über die Köpfe der Menschen hinweg entschieden werden, die in ihr leben." Im Frühjahr diskutieren die Stadträte über die Ergebnisse. Dann entscheidet sich, welche Visionen umsetzbar sind. (Agnes Mayer, dpa)


 

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