Kommunales

Nicht alle Bäume sind aufgrund der unterschiedlichen Bodenbeschaffenheit und Niederschlagsintensität für jeden Region im Freistaat gleich gut geeignet: Was in der einen Stadt gedeiht, geht woanders vielleicht ein. (Foto: Christ)

27.02.2015

Noch zu viele Fichten für den Klimawandel

Kommunen richten sich in ihren Stadtwäldern auf veränderte Umweltbedingungen ein und pflanzen verstärkt neue Baumarten

Sie sind gut für die Luft, schützen den Boden, verbessern das Landschaftsbild und bieten den Menschen einen wichtigen Erholungsraum. Doch damit die kommunalen Forste diese Funktion auch in Zukunft – nach dem Klimawandel – noch erfüllen können, müssen sie umgestaltet werden. Einige Städte sind da schon weit, andere haben Handlungsbedarf.

„Eine zukunftssichere Gestaltung des Waldes ist das Gebot der Stunde“, bestätigt Michael Fürst, Leiter der Forstverwaltung in Donauwörth. Dabei seien verschiedene Maßnahmen zu kombinieren. Denn dass es bis 2050 wahrscheinlich mindestens zwei Grad wärmer sein wird als derzeit, hat Fürst zufolge für die verschiedenen Baumarten unterschiedliche Konsequenzen.
Die Stieleiche zum Beispiel gilt als stabiler, tiefwurzelnder und klimatoleranter Baum. Sie ist auch wie geschaffen für die schweren, mehrschichtigen Tonmergelböden im Ries. Darum will man hier den Anteil der bis dato noch nicht allzu häufigen Gehölzart bis 2035 auf 45 Prozent erhöhen. Auf ungefähr 80 Prozent der gesamten Donauwörther Stadtwaldfläche sollen künftig Tiefwurzler stehen – neben der Stieleiche zum Beispiel die Weißtanne oder die Esche. Fürst erläutert: „Derzeit liegt der Gesamtanteil der Tiefwurzler erst bei etwa der Hälfte.“
Noch gibt es in Donauwörth zu viele flach wurzelnde Fichten, die von klimabedingten Ereignissen wie Windwürfen stark betroffen werden. Deren Anteil soll auf 20 Prozent begrenzt werden. Gleichzeitig muss Fürst zufolge dringend etwas gegen die hohen Wildbestände getan werden: „Gerade Eiche und Weißtanne sind extrem gefährdet und müssen gegen Wildverbiss geschützt werden.“
Das gesamte tierische und pflanzliche Leben im Wald wird sich Fürst zufolge durch den Klimawandel ändern: „Schon jetzt stellen wir fremde Insektenarten wie den Eichenprozessionsspinner und den asiatischen Laubholzbock fest.“ Der Baumschädling Laubholzbock wurde 2001 erstmals in Österreich nachgewiesen. Beheimatet ist er in China, Korea und Taiwan.

Künftig nur noch Mischbestände


Dass solche fremden Tiere und Pflanzen Bayerns Wälder zunehmend bevölkern, vermutet auch Fürsts Ingolstadter Kollege, Forstoberrat Hubert Krenzler. Er erwartet, dass sich außerdem fremde Pilze an bayerische Wälder gewöhnen werden. „Bereits in der Vergangenheit verursachten diese das Eschentrieb- und Ulmensterben.“ Schon 1918 wurde der ursprünglich in ostasiatischen Ulmen lebende Pilz Ophiostoma ulmi, den heimische Ulmen nicht verkraften, nach Europa eingeschleppt.
Viel Zeit und Mühe wurde in Ingolstadt bereits in den vergangenen 35 Jahren darauf verwendet, den Stadtwald umzubauen. Künftig soll es dort nur noch Mischbestände geben. Die sollen aus möglichst vielen Baumarten aufgebaut sein. Dahinter steckt der Gedanke, dass niemand wirklich wissen kann, welche Baumarten in 100 Jahren gut mit dem Klimawandel zurechtkommen werden. Krenzler: „Lücken, die durch den Verlust einzelner Baumarten entstehen, können in Mischbeständen von anderen Baumarten geschlossen werden.“ Von ursprünglich 700 Hektar Reinbeständen sind bereits 500 Hektar umgebaut oder befinden sich aktuell in der Umbauphase.
Die Frage wie, wo und womit der Wald umgebaut werden soll, damit er künftig stabil ist, treibt auch die Förster im unterfränkischen Lohr um. Hier ist geplant, die Nadelbaumbestände mit den im Spessart dominierenden Buchen und Eichen zu mischen. „Als Mischbaumarten haben Fichte, Tanne, Kiefer und Lärche aus jetziger Sicht auch künftig noch eine Chance“, betont Bernhard Rückert, der die Lohrer Forstverwaltung leitet. Hinzukommen müsse jedoch die Einsicht, wie wichtig der Boden ist, um den Wald zu stabilisieren: „Die Befahrung und Verdichtung der Böden muss künftig auf ein Minimum reduziert werden.“ Wie Rückert betont, arbeitet sein Betrieb in Lohr aus diesem Grund kahlschlagfrei: Tot- und Astholz bleibt für den Schutz des Bodens liegen. „Dies ist auch wichtig für eine nachhaltige Nährstoffversorgung und ein funktionsfähiges Ökosystem.“ Seitens des Staates sei immerhin schon „ansatzweise“ über eine finanzielle Unterstützung zum Erhalt der Standortkräfte durch Vermeidung von Bodenverdichtung nachgedacht worden. Hier könnte jedoch noch „zugelegt werden“.

Konkrete Vorhersagen sind schwierig


Vorhersagen, wie sich die Waldökosysteme verändern werden, sind auch für Rückert schwierig. Es zeige sich zwar schon jetzt, dass Nadelbäume die Verlierer sein werden: „Doch an extremen Standorten werden sich auch Laubbäume schwer tun.“ Nach seinen Prognosen verändern sich mit dem Wald auf jeden Fall auch die Aufgaben der Förster: „Ob die betriebswirtschaftliche Aufgabe des Stadtwaldes ihre Bedeutung in heutiger Form behält, das wage ich anzuzweifeln.“ Als Lebensraum für die Waldgesellschaften und für die Umwelt werden städtische Wälder nach Rückerts Vermutung hingegen in Zukunft an Bedeutung weiter zunehmen.
Auch die Mitarbeiter der Augsburger Stadtforstverwaltung bemühen sich seit langem, den Wald so umzubauen, dass er den Klimawandel übersteht. Was alles andere als einfach sei, gibt Leitender Forstdirektor Hartmut Dauner zu: „Niemand weiß so recht, welche unserer standortheimischen Baumarten den prognostizierten Temperaturanstieg und die damit einhergehende Sommertrockenheit verkraften können.“ So leide die vor zehn Jahren noch als zukunftssicher gepriesene Esche inzwischen unter dem Eschentriebsterben. Experten müssen ihre Vorhersagen also immer wieder korrigieren.
Wobei es allgemein gültige Tipps Dauner zufolge sowieso nicht geben kann. Denn jeder Standort ist anders. Die Eiche, auf die man in Donauwörth und im Spessart setzt, taugt zum Beispiel nicht für die von Lech und Wertach beeinflussten Auwäldern mit ihrem hohen Kalkanteil. Aber auch der Buche gegenüber ist Dauner skeptisch: „Viele Forstleute verweisen auf sie, doch nach unserer Erfahrung ist sie sehr empfindlich.“ Auf etwas schwereren Böden leide die Buche unter Trockenheit im Sommer sowie unter Windwurf. Für Dauner ist die Douglasie ein echter „Zukunftsbaum“. Auf den für sie geeigneten Standorten, sagt er, sei dieses Gehölz leistungsfähig und sehr stabil. (Pat Christ)

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