Kommunales

Jeden Tag gehen im Krumbacher Flexibus-Callcenter bis zu 250 Anrufe ein. Viele Fahrkunden ordern schon mehrere Wochen im Voraus, nur ein Drittel der Bestellungen erfolgt kurzfristig. (Foto: Alt)

24.08.2012

Preiswerte Alternative zum Taxi

Im Kreis Günzburg ist das Pilotprojekt "Flexibus" angelaufen, ein auf das flache Land zugeschnittenes ÖPNV-Angebot

Busse auf dem flachen Land, fahren häufig zu unattraktiven Zeiten und mit meist viel zu wenigen Passagieren ins nächste Zentrum. Nicht so in Krumbach. In der mittelschwäbischen Stadt (Landkreis Günzburg) mit 20 000 Einwohnern hat man den öffentlichen Personennahverkehr innovativ weiterentwickelt. Seit Jahresbeginn läuft dort das dreijährige, vom Freistaat Bayern bezuschusste Pilotprojekt „Flexibus“. Es ist ein auf die Fahrtwünsche der Bürger ausgerichtetes Angebot, das trotzdem den Taxiunternehmen nicht wirtschaftlich das Wasser abgraben soll.
Im Raum Krumbach, der im Gegensatz zur Kreisstadt Günzburg nicht direkt an die Autobahn und die Bahnstrecke München-Stuttgart angeschlossen ist, werden schon lange ungewöhnliche Initiativen im öffentlichen Personennahverkehr entwickelt. Hier wurde schon 1929 der erste deutsche Verkehrsverbund gegründet, der Verband Mittelschwäbischer Kraftfahrtlinien. In Krumbach gibt es schon seit einigen Jahren einen Rufbus, der auf seiner Linie nur die Haltestellen ansteuert, wohin er gerufen wird. Krumbach hat auch eine verkehrsabhängige Ampelschaltung, die Bussen Vorfahrt einräumt.
Der Flexibus ist die Erfindung des Busunternehmers Josef Brandner. Der Vorteil gegenüber dem Rufbus: Es lassen sich Fahrten ohne Passagiere, sogenannte Lehrfahrten, verhindern. Denn er kommt nur auf Anforderung zum Einsatz. Brandner bezeichnet sich selbst als „Mobilitätsdienstleister“. Nach Aussage von Landrat Hubert Hafner (CSU) hat sich das Projekt seit seinem Start 2009 bereits als Erfolg erwiesen: In Krumbach stiegen die Nutzerzahlen von 1500 in den ersten sechs Monaten 2009 auf mehr als 7000 im vergangenen Jahr. Ab März 2011 wurden Ursberg und Neuburg/Kammel einbezogen, seit Oktober 2011 fährt ein Flexibus in Burgau. Seit dem Start des Pilotprojekts wurden weitere Angebote in Thannhausen und Ziemetshausen und in Günzburg und Leipheim geschaffen. Noch folgen sollen Ichenhausen und Jettingen/Scheppach; dann gibt es den Flexibus in allen größeren Orten im Kreis. Beteiligt sind insgesamt fünf örtliche Busunternehmen.
Ein orange-weißer Kleinbus biegt in Krumbach bei der Gaststätte Poseidon um die Ecke. An der Haltestelle steigt Maria Gomez zu. Sie ist der zweite Fahrgast auf dieser Tour. Die Busfahrerin wusste das schon vorher, weil die ältere Dame den Bus telefonisch bestellt hat. Kurz darauf fährt ein Flexibus an der St.-Michael-Kirche vorbei, diesmal ohne zu halten. Die Insassen haben andere Ziele in Krumbach. Mehr als 300 Flexibus-Haltestellen gibt es in Krumbach; jeder Bürger hat dorthin einen Weg von höchstens 120 Metern. Wer den Flexibus nutzen will, sollte eine Kundenkarte haben, denn er muss ihn spätestens eine halbe Stunde vor Fahrtbeginn anfordern. Im Moment gibt es 5000 Karteninhaber.
Elisabeth Steckbauer hat gerade Dienst im Krumbacher Flexibus-Callcenter. Wöchentlich gehen 1600 bis 1800 Anrufe ein, oft schon Wochen vor der gewünschten Fahrt. Nur ein Drittel der Bestellungen kommt kurzfristig herein. Der Kunde, den sie im Moment an der Strippe hat, will an diesem Tag um 14.30 Uhr nach Krumbad fahren. Mit Hilfe seiner Kundennummer ermittelt die Disponentin seine übliche Zusteigehaltestelle, und dann sucht das Computerprogramm die günstigste Fahrt heraus.
Der Bus könnte um 14.35 Uhr bei ihm vorbeikommen, aber Steckbauer schlägt ihm stattdessen eine Fahrt vor, bei der er schon um 13.41 Uhr losfährt. Dieser Bus macht einen kleineren Umweg. Der Kunde ist einverstanden; bei Fahrten im Nahbereich kommt es nach Erfahrung von Brandner selten auf die genaue Abfahrt- oder Ankunftzeit an. Der Bus ist nun laut Computerprogramm mit insgesamt sechs Mitfahrern besetzt. In drei Prozent der Fälle lassen die Nutzer übrigens den bestellten Bus sausen. Im Wiederholungsfall stellt Brandner ihnen das in Rechnung. Der Flexibus ist laut Landrat Hafner interessant für ältere Menschen, die nicht mehr so mobil sind, für Jugendliche ohne Führerschein oder Familien ohne Zweitauto. „Diese Leute haben sich bisher bei Bekannten nach einer Mitfahrgelegenheit umhören müssen“, sagt er. Jetzt kann der Flexibus diese Zielgruppe auch zum nächsten ÖPNV-Angebot befördern: aus dem Stadtteil von außerhalb zum Zug nach Günzburg oder zum Bus nach Augsburg. Die Betriebszeit ist täglich von 5 bis 21 Uhr, freitags und samstags bis 24 Uhr. Wie Brandner sagt, standen die Taxiunternehmer dem neuen Angebot anfangs skeptisch gegenüber. Es hat sich für sie aber nicht als Konkurrenz erwiesen; wer direkt an der Haustür starten oder möglichst schnell vorankommen will, ruft nach wie vor ein Taxi.
Inzwischen sind bereits andere ländliche Kommunen auf das Modellprojekt aufmerksam geworden. Brandner bietet ihnen Beratung an und auch die Callcenter-Dienstleistung. Sein Computerprogramm hat er sich aus festen Komponenten für seine Zwecke individuell zusammenbauen lassen. Genaue betriebswirtschaftliche Zahlen will er nicht nennen. Aber wie er sagt, liegt die Kostendeckung des Flexibusses derzeit zwischen 30 und 50 Prozent. Fahrkarten in Krumbach kosten in drei Tarifzonen zwischen 1,85 und 3,70 Euro (ermäßigt 1,20 bis 3,40 Euro), immer etwas weniger als eine Pkw-Fahrt, die mit 40 bis 45 Cent pro Kilometer angesetzt wird. Bei 55 000 bis 70 000 Kilometern liegt die Jahresleistung eines Busses. Der Fehlbetrag beträgt je nach Zahl der Passagiere vier bis sechs Euro pro Einwohner und Jahr (der Kreis hat rund 120 000 Einwohner). Das Minus tragen der Freistaat, der Landkreis und die beteiligten Gemeinden.
Ob nach dem Ende des Pilotprojekts 2014 weiter Geld aus München fließt, ist noch offen. Brandner und die maßgeblichen Politiker im Kreis wollen aber im Hinblick auf die erfreuliche Akzeptanz des Flexibusses auf jeden Fall weitermachen. Ein Pfarrer schrieb sogar in seinem Pfarrbrief: „Jetzt gibt es keinen Grund mehr, nicht zum Gottesdienst zu kommen.“ Sollte die bayerische Förderung auslaufen, müsste zur Not der Fahrpreis angehoben werden.
(Andreas Alt)

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