Kommunales

Für diesen Blick ist München berühmt: Herrscht Föhn in der Stadt, dann meint der Betrachter, die Berge grenzen direkt an die City. Diese spezielle Wohnlage lockt immer mehr Menschen in den Speckgürtel der Landeshauptstadt – für die Alpen alles andere als ein Segen. (Foto: DAPD)

15.10.2010

Siedlungsdruck bedroht die Alpen

Wissenschaftler warnen vor den Folgen des Bevölkerungswachstums für die Umwelt

Es sind gewaltige Umbrüche, die derzeit stattfinden und unsere Stadt- und Landschaftsansichten nachhaltig prägen werden: die schleichende Verstädterung des Münchner Südens. Sie war eines der Themen beim Forum Alpinum 2010 in München – Europas größter Informations- Veranstaltung über den Alpenraum.
"Heute gibt es schon einen Kampf um jeden Einwohner“, sagte Professor Axel Borsdorf vom Institut für Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Er leitete eine Exkursion zum Thema „Die Alpen aus Münchner Sicht“ im Rahmen der Veranstaltung. Das Forum, das in diesem Jahr von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ausgerichtet wurde, nahm unter dem Motto „Metropolen und ihre Alpen“ die aktuellen raumpolitischen Diskussionen der Europäischen Union zum Anlass, Wechselbeziehungen zwischen den Alpenrand-Metropolen und dem Alpenraum zu erörtern. Themen wie Urbanisierung, Mobilität, Klimawandel oder Georisiken standen im Mittelpunkt der Plenarvorträge und Workshops.
Borsdorfs Exkursion hingegen zeigte Beispiele der Re- und Sub-Urbanisierung, sowie der Lifestyle-Migration. Derzeit wohnen in den Alpen rund 13,6 Millionen Menschen, 1870 waren es erst sieben Millionen. Grund für diese Entwicklung ist einerseits die Landflucht, andererseits aber auch die Ausbreitung der Stadtbevölkerung ins Umland: Nach einer Untersuchung der Universität Bern leben mittlerweile 59 Prozent der Alpen-Bevölkerung in Städten. Die Folgen: Der enorme Flächenbedarf für Wohnungsbau und Gewerbebetriebe belastet die Tallagen. Hinzu kommt ein enormer Pendelverkehr.
„Die Grenzen zwischen Stadt und Umland schwinden zunehmend“, sagte auch Borsdorf. Die Sub-Urbanisierung im Münchner Raum begann in der Gründerzeit entlang des Würmtals und ab 1870/80 auch entlang des Isartals. Der wirtschaftliche Aufschwung lockte Wohlhabende und Künstler ins Umland, dank schöner Wohngegend und zunehmender Mobilität. Die sozial schwächeren Schichten indes blieben aufgrund der geringeren Mobilität in der Kernstadt, sprich in der Nähe der Arbeitsplätze.
Doch starke Bevölkerungszuwächse nach dem Zweiten Weltkrieg führten zu massiven Ansiedelungen. Sie konzentrierten sich aus Platzmangel allerdings ins Umland, und bedingt durch steigende Einkommen und Lebensstandards entstand der sogenannte „Speckgürtel“. Diese Randwanderung der Bevölkerung fällt unter das Schlagwort der Sub-Urbanisation.
Ihr folgte die Gewerbe-Sub-Urbanisierung: Die Kernstadt verzeichnete eine Abwanderung der Industriebetriebe. In einer dritten Phase, der Post-Sub-Urbanisierung, folgten dem Gewerbe und den Wohnstätten auch die Dienstleister. Es entstanden Einkaufs-tempel im Umland. Mittlerweile erleben die Städte und Gemeinden aber zwei neue Trends: Die sogenannte Lifestyle-Migration: Zum einen gelten die Alpen für viele nach wie vor als begehrter Altersruhesitz, mit der Folge, daß die Alpenbevölkerung immer älter wird. In Zeiten abnehmender Gewerbesteuer gewinnt zudem die Einkommenssteuer zunehmende Bedeutung für die Städte und Gemeinden. Deshalb setze man, wo immer es gehe, auf Wohnraum-Veredelung, um wohlhabende Schichten anzulocken. Auf der anderen Seite ziehen immer mehr ältere Menschen auch von sub-urbanen Besiedelungen wieder zurück in die Kernstadt, wo sie alle Infrastrukturen vorfinden und auf ein Auto verzichten können. Die Schwanthaler Höhe war auf der Exkursion ein solches Beispiel. Das einst gründerzeitliche Arbeiterviertel wurde nach der Verlegung der Messe Ende der Neunziger weitreichend saniert und neue Wohnungen und Einrichtungen für Gewerbe, Handel und Dienstleistungen wurden geschaffen. Heute gehört der Bezirk nicht nur zu den beliebstesten, sondern auch den dichtbesiedeltsten Viertel Münchens.
Ein Beispiel für Sub-Urbanisierung und beginnende Post-Suburbanisierung hingegen war für Borsdorf der Markt Holzkirchen. Die Gemeinde hat derzeit rund 16 000 Einwohner und wirbt mit ihrer Lage 25 Kilometer südlich von München. Mit Erfolg: In den vergangenen 20 Jahren wuchs die Gemeinde um fast ein Drittel. Zunächst als Nutznießer der Großstadt gewachsen, nabelt sich der Marktflecken immer mehr ab.
Von der neuen Lifestyle-Migration sind vor allem das Alpenvorland und der Alpenraum betroffen. Beide Regionen waren tendenziell Abwanderungsräume, doch sie profitieren derzeit von dieser neuen Wanderbewegung und bauen daher ihr Angebot für die älteren und wohlhabenden Zuwanderer aus.
Bad Tölz und Mittenwald waren Beispiele dieser Mobilität. Doch beide Städte kämpfen auch mit Problemen dieser Trends: In Bad Tölz nimmt bei insgesamt sinkender Bevölkerungszahl nur die Zuwanderung älterer Menschen zu. Bis 2018 soll der Altenanteil in der Kurstadt bei über 45 Prozent liegen. Auch Mittenwald ist eine schrumpfende Gemeinde, vor allem wegen des geringen Angebots für die gut ausgebildete junge Generation. (Claudia Koestler)

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