Kommunales

Vor allem Geringqualifizierte wissen über das Energiesparen kaum oder nur wenig Bescheid. (Foto: Bilderbox)

01.04.2011

Sozial Schwache sollen Energie sparen

Pilotprojekt der Stadt Nürnberg reduziert Strom- und Heizkosten um mindestens 15 Prozent

„Wir sind das einzige bayerische Sozialamt auf der Projekteliste der Deutschen Energieagentur“, freut sich Georg Hopfengärtner, Bereichsleiter Armutsprävention im Nürnberger Sozialamt. Ein vergleichbares Projekt in Deutschland gibt es sonst nur noch in Dortmund. Seit dem Jahr 2008 sind in Nürnberg freiberufliche Architekten und Ingenieure mit einer Zusatzausbildung zur Energieberatung unterwegs, „um eine größtmögliche Akzeptanz und damit eine möglichst dauerhafte Verhaltensänderung bei der Zielgruppe zu erreichen“, wie es in der Projektbeschreibung steht.


In der Schuldenfalle


Zielgruppe sind nach Angaben der Stadtverwaltung „in der Regel eher wenig über Energieeffizienz und Energiesparpotenziale Informierte“. Dazu zählen vor allem Geringqualifizierte sowie Zuwanderer mit in Deutschland nicht anerkannten Berufsqualifikationen. Beide Gruppen sind überproportional von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen und auf Arbeitslosengeld II angewiesen. Bei diesen Hartz-IV-Empfängern sind hohe Strom- und Wasserkosten oft der Grund, warum sie in die Schuldenfalle geraten. Hier kann das Energiesparprojekt konkret helfen.
Das zeigten schon die ersten Ergebnisse: „Durchschnittlich lag 2008 die ermittelte Stromkostenersparnis bei 120 Euro, die Heizkostenersparnis bei 130 Euro pro Jahr und Haushalt.“ Das bedeutet konkret 15 Prozent weniger Strom- und 22 Prozent weniger Heizkosten.
Dass in Nürnbergs Südstadt die Armut weiter verbreitet ist als anderswo, hat der städtische Armutsbericht aus dem Jahr 2006 gezeigt. Diese Dokumentation war laut Georg Hopfengärtner auch die „fachliche Wurzel“ für das Energie-Projekt.
In der Wohnanlage Dianastraße – sie gehört der N-ergie-Tochter WBG – fing alles an, erinnert sich Elisabeth Müller. Sie arbeitet seit 25 Jahren im Stadtteilladen in dieser Siedlung. Mit den Leuten „auf dem uns fremden Energieterrain in Kontakt zu treten“ hat laut Hopfengärtner auch einen finanziellen Grund: „Früher mussten wir oft quasi als 13. Monatsgehalt der Sozialhilfe die Stromrechnung bezahlen.“ Nun suchen die Berater „Energielöcher“ in der Wohnung“, empfehlen beispielsweise andere Kühlschränke oder beraten Bewohner aus anderen Kulturkreisen, dass Geschirr nicht bei fließendem Wasser gespült werden muss, sondern dass Teller auch im Spülbad sauber werden.
„Die Beratungsarbeit erfordert sowohl technische als auch soziale Kompetenzen. Deshalb wird den Beratern das erforderliche Soziale in Schulungen vermittelt“, erläutert Projektkoordinatorin Gundula Plaszyk. Ein Grundsatz: Mit Zwang geht nichts, alles ist freiwillig.
Doch der Erfolg spricht sich herum: 308 Beratungen gab es im Modelljahr 2008. Bis Ende 2010 hatten sich bereits über 1300 Haushalte Hilfe von den Energieberatern geholt. Rund 380 000 Euro an Strom- und Heizkosten sowie 918 Tonnen Kohlendioxid werden dadurch eingespart. Denn nach der ersten Beratung ist immer vor der zweiten Evaluation, die sei oft noch wichtiger, bestätigen die Projektmitarbeiter.
Von Anfang an finanziell mit im Boot: die N-ergie AG. Mit 50 000 Euro unterstützen die einstigen Stadtwerke die Energieberatung des Sozialamts. N-ergie-Manager Jürgen Kroha sieht ESP als „beispielhaft für andere Städte“. Die Freude „vergoldete die N-ergienoch mit einer Sonderzuwendung: 5000 Euro gab es in diesem Jahr zusätzlich für Investitionen in saubere Haustechnik. Denn Menschen, die von Hartz IV leben müssen, gibt es in der gesamten Nürnberger Südstadt mehr als genug. Weit über 60 Prozent aller Arbeitslosen sind dies hier über einen langen Zeitraum. (Heinz Wraneschitz)

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