Kommunales

Für viele lebensbedrohlich erkrankte oder verletzte Patienten ist der Hubschrauber die letzte Rettung. (Foto: Alt)

03.09.2010

Streit um Rettungshubschrauber

Die Schwaben können sich nicht einigen, ob Augsburg oder Donauwörth der bessere Einsatzstandort ist

Seit Monaten wird in Schwaben erbittert um den Standort eines neuen Rettungshubschraubers gerungen: Augsburg oder Donauwörth. Auf den ersten Blick spricht alles für die Bezirkshauptstadt am Lech mit einem Krankenhaus der Maximalversorgung und nichts für die Kreisstadt an der Donau, deren Klinik nicht einmal eine Notfallabteilung aufweist. Und so haben sich jetzt sowohl Ministerpräsident Horst Seehofer als auch der zuständige Innenminister Joachim Herrmann (beide CSU) deutlich für Augsburg ausgesprochen.
Aber die endgültige Ministeriumsentscheidung steht nach Auskunft eines Sprechers noch für unbestimmte Zeit aus: Zuerst müsse für Nordschwaben eine Lösung gefunden werden, und offen sei auch noch, welcher Rettungsdienst den neuen Hubschrauber betreiben werde.
Schwer vorstellbar, dass Seehofer und Herrmann ihre Zusagen zurücknehmen können. Dennoch würde einiges für Donauwörth sprechen. Eine vom Ministerium in Auftrag gegebene und Ende 2009 vorgestellte Bedarfsanalyse zur Luftrettung in Bayern hatte dafür gewichtige Argumente geliefert und das Tauziehen zwischen Kommunalpolitikern und Abgeordneten der beiden Regionen ausgelöst.
Der wichtigste Punkt war eine Darstellung der Abdeckung des Freistaats mit Hubschrauber-Einsatzradien, die einen großen „weißen Fleck“ im nördlichen Kreis Donau-Ries (Raum Nördlingen) und im angrenzenden südlichen Kreis Ansbach ergab. Zugrunde gelegt wird ein Radius, der sicherstellt, dass ein Schwerverletzter, ein Schlaganfall- oder Herzinfarkt-Patient spätestens nach 60 Minuten zur Behandlung in der Klinik eintrifft. Das können Hubschrauber aus Nürnberg, Ingolstadt oder Ulm in Nordschwaben nicht garantieren.
Der medizinische Leiter der ADAC-Luftrettung, Matthias Ruppert, fordert deshalb einen zusätzlichen Helikopter: „Der Rettungsdienst kann die Patienten zwar symptomatisch behandeln und stabilisieren, die wesentliche Aufgabe aber ist die zeitgerechte Zuweisung in eine häufig überregionale, geeignete Klinik – und das ist in Anbetracht des knappen Zeitfensters häufig nur durch die Luftrettung realisierbar.“ Nach mehr als 60 Minuten nehme die Chance auf ein lebenswertes Überleben solcher Patienten „dramatisch“ ab.
Die ADAC Luftrettung hält dabei die Stationierung des Hubschraubers an einem großen oder kleinen Krankenhaus für zweitrangig: Der Standort sei nicht an eine bestimmte Klinik gebunden. Entscheidend sei der schnelle Transport, etwa auch bei Brandverletzten, Tauchunfällen oder Neugeborenen. Beispielsweise steht ein Hubschrauber in Ochsenfurt, aber keiner in Würzburg. Vor allem aber würde auch ein Augsburger Rettungshubschrauber den weißen Fleck in Nordschwaben nicht beseitigen – er wäre nicht schnell genug in Nördlingen.
Als die Entscheidung zugunsten Donauwörths zu fallen schien, meldeten sich die Augsburger lautstark zu Wort. Landtagsabgeordneter Max Strehle, sein Bundestagskollege Christian Ruck und Augsburgs OB Kurt Gribl (alle CSU) zweifelten die Aussagekraft der Luftrettungs-Analyse an: Augsburg sei drittgrößter Ballungsraum Bayerns mit vielen Hauptverkehrsadern und entsprechend großen Not- und Unfallrisiken. Es sei unwirtschaftlich, wenn Notarztpersonal erst nach Donauwörth fahren und der Hubschrauber zunächst am Krankenhaus landen und dann zum Standort zurückfliegen müsse. Ferner wies Ruck in einem offenen Brief darauf hin, dass die not- und fachärztliche Besetzung im Augsburger Klinikum vorzüglich sei.
Laut Experten der ADAC Luftrettung spricht Letzteres aber wiederum eher für Donauwörth. Bedarf für einen Rettungshubschrauber gebe es deshalb, weil viele kleinere Krankenhäuser ihre Notfallversorgung reduziert oder abgeschafft hätten, sagte Sprecherin Alka Celic. Die Maschine sei daher dort mehr als die ursprünglich vorgesehene Ergänzung zum bodengestützten Rettungsdienst. Etwas nachgeschoben erscheint das Augsburger Argument, in Donauwörth gebe es jährlich 90 Nebeltage, an denen der Hubschrauber nicht einsetzbar sei. In Donauwörth, wo Eurocopter produziert werden und man sich mit der Technik auskennt, hält man das für ein „Argument aus der Steinzeit“.
Nachdem Strehle nach eigenem Bekunden schon „alle Hoffnung fahren gelassen“ hatte, sprach Seehofer im Anschluss an ein Gespräch mit den Interessenvertretern – aus Nordschwaben waren das CSU-Fraktionschef Georg Schmid, Landrat Stefan Rößle und Donauwörths OB Armin Neudert (beide CSU) – im Landtag ein „Machtwort“. Die Augsburger hatten angeboten, für 5 Millionen Euro einen Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach des Klinikums zu bauen, und dürften ihn auch an sein nur unzureichend erfülltes schriftliches Versprechen, „die Uni-Klinik kommt“, erinnert haben. Allerdings seien alle für Nordschwaben angedachten Alternativen (etwa ein Standort im baden-württembergischen Ellwangen oder Abzug einer von zwei Maschinen aus Nürnberg) untauglich. Und ein weiterer Hubschrauber neben dem Augsburger sei für den Freistaat finanziell nicht drin.
Fischer verweist darauf, dass hier bereits ein Flugplatz in Genderkingen vorhanden sei. Patienten in Nordschwaben und im Raum Augsburg gegeneinander aufzurechnen, kommt für ihn nicht infrage: Es gehe um jedes Menschenleben. „Prestige mag eine starke Rolle gespielt haben“, fügt er vorsichtig an. Die Sache sei ein Politikum. Das große Augsburg wolle nicht hinter dem kleinen Donauwörth zurückstehen. (Andreas Alt)

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