Kommunales

Der Trend zur Feuerbestattung, sagen Experten, ist eine unumkehrbare gesellschaftliche Entwicklung: Vor allem, weil die Grabpflege so für die Hinterbliebenen deutlich weniger Aufwand bedeutet. (Foto: Raths)

29.08.2014

Trend zum Feuer wird am Ende teuer

In vielen bayerischen Kommunen explodieren die Kosten für Urnenbestattungen – auch wegen jahrelanger Fehlkalkulationen der Behörden

Friedhofsverwaltungen und Bestattungsunternehmen haben Urnenbeisetzungen jahrelang besonders günstig angeboten – und gehofft, ihre Kosten mit Erdbestattungen wieder reinzuholen. Doch diese Rechnung geht nicht mehr auf, weil viele Angehörige sich anders entscheiden. Folge: Die Kosten für Urnenbestattungen steigen exorbitant.

Dass nur der Tod umsonst sei, wie der Volksmund behauptet, das stimmt so nur bedingt – und monetär gesehen auch nur für den bedauernswerten Betroffenen. Teuer wird es dagegen für die Hinterbliebenen. So geschehen auch in der Stadt Dachau, wo seit dem 1. Juli dieses Jahres die Kosten für Urnenbestattungen förmlich explodieren. Die Volksseele ist daher am kochen. Stolze 372 Euro – statt zuvor 89 Euro – müssen jetzt für eine Urnenbestattung an die Kommune gezahlt werden.
Von der Gebühr ans Rathaus beglichen werden die Pflichtaufgaben der Stadt, wie beispielsweise die Öffnung und Schließung des Grabes, die Aufbahrung der Leiche oder die Überführung von Sarg und Urne von der Aussegnungshalle. Reich wird die Kommune davon freilich nicht, sie behält das Geld ja nicht alles. Die genannten Aufgaben werden in Dachau bereits seit 1994 an einen externen Anbieter vergeben. Und zumindest in der Vergangenheit hatten sich immer mehrere Unternehmen um einen entsprechenden Auftrag bemüht.
Doch bei der jüngsten Ausschreibung ist alles anders gekommen: „In diesem Jahr hat es im Gegensatz zu den vergangenen Jahren mit der Firma Denk nur einen Bewerber gegeben“, sagt Anton Putz, Dachaus Rechtsamtsleiter. Dazu muss man wissen, dass besagte Firma, das Bestattungsinstitut Trauerhilfe Denk, der Branchenriese im Freistaat schlechthin ist, mit Dutzenden Filialen in ganz Ober- und Niederbayern, allein zehn in der Landeshauptstadt und elf im Landkreis München.
Dass es deshalb womöglich in der Dachauer Angebotsphase nicht mit rechten Dingen zugegangen sein könnte, ergänzt Rechtsamtsleiter Putz, das sei auszuschließen. „Es fanden sich bei der üblichen Prüfung des Angebots keine Anhaltspunkte für Unregelmäßigkeiten, Wettbewerbsabsprachen oder ähnliches.“ Die Dachauer Stadträte wunderten sich zwar, dass das Angebot für die Dienstleistung preislich so deutlich höher als bisher lag, am Ende stimmten sie der Erhöhung dann aber zähneknirschend doch zu – wohl ahnend, welchen Unmut das in der Bevölkerung auslösen wird.
„Doch selbst wenn die Stadt Dachau die Bestattungen wieder selbst übernehmen würde, käme es vermutlich noch teurer als bei dem jetzigen Angebot“, ist Amtsleiter Putz überzeugt. Anders als bisher habe man jedoch auch von Seiten der Kommune etwas an der so genannten Äquivalenzmethode geändert. Der Äquivalenzbetrag ist ein Verwaltungsaufschlag, der den Kosten, die vom Bestattungsunternehmen verlangt werden, seitens der Verwaltung hinzugerechnet wird. Bei einer Urnenbestattung in einem der vier Dachauer städtischen Friedhöfe liegt er seit dem 1. Juli 2014 bei immerhin 193 Euro.

 

Preissteigerungen um das Zwölffache


Seine Erläuterung klingt freilich etwas kompliziert, da muss man wohl Verwaltungsexperte sein, um das zu verstehen. „Der Berechnungsfaktor war im Jahre 2009 anders als 2014“, erläutert Anton Putz. Damals sei man bei der Berechnung der Bestattungskosten unter anderem vom höchsten Posten im Angebot – der Erdbestattung mit Sarg – ausgegangen, und hatte danach die Verwaltungskosten entsprechend anteilig verteilt. „Bei der jetzigen Berechnung wurde dagegen die für die Verwaltungstätigkeit benötigte Zeit als ausschlaggebenden Faktor genommen – da wir davon ausgehen, dass der Verwaltungsaufwand für Erdbestattung und Urnenbestattung gleich hoch ist.“ Dies sei auch dem Dachauer Stadtrat so vorgestellt worden. „Hätten wir weiterhin die früheren Parameter angewandt, so wäre die Erdbestattung mit Sarg deutlich teurer geworden und hätte etwa 930 statt jetzt 793 Euro gekostet, während bei der Urnenbestattung ungefähr 220 Euro herausgekommen wären.“
Der alten Frau mit bescheidener Rente, die ihren verstorbenen Mann beerdigen muss, dürfte das freilich nur ein schwacher Trost sein. Die Gebührenproblematik, insbesondere bei Urnenbestattungen, sieht Jörg Freudensprung, Geschäftsstellenleiter beim Bestatterverband Bayern, deshalb seitens der Kommunen „teilweise als hausgemacht“ an. Der Experte meint: „Bayerns Friedhofsverwaltungen haben den gleichen Fehler gemacht wie viele Bestatter auch; sie haben die vergangenen Jahre die Anzahl der Feuer- beziehungsweise Urnenbestattungen deutlich unterschätzt und ihre Gebühren nicht dieser Entwicklung angepasst.“
Von der Stadt Bamberg weiß Freudensprung etwa zu berichten, dass ein anonymes Erdurnengrab vor drei Jahren mit 26 Euro noch die billigste Lösung für die Hinterbliebenen war – eine Preissteigerung um das Zwölffache. Heute kostet es 312 Euro. In Fällen wie jüngst in Dachau vermutet Freudensprung lediglich eine „längst fällige Bereinigung der Friedhofgebühren. „Hätten die Friedhofsverwaltungen im Freistaat und auch manche Bestatter die letzten 20 Jahre kontinuierlich die Kalkulationen und Gebühren angepasst, dann würde es jetzt nicht zu solchen Sprüngen kommen.“

"Waren weit von der Kostendeckung weg"


Gewisse Versäumnisse hinsichtlich der Urnenbestattungen gibt auch Manfred Riedel, Geschäftsführer der Trauerhilfe Denk, zu: „Wir waren weit von der Kostendeckung weg.“ Jetzt sei man dagegen bestrebt, „einen Vertrag nach dem anderen nach seinem Auslauf neu zu kalkulieren“.
Ob es dann für die Hinterbliebenen zu steigenden Kosten kommt und in welcher Höhe sich diese genau befinden, das hänge immer auch mit der spezifischen Situation vor Ort und den geforderten Leistungen zusammen. „Wir bewirtschaften über 200 Friedhöfe und arbeiten mit hohem Qualitätsstandart, der auch bezahlt werden muss. Doch wir haben nirgends überzogene Preise“, beteuert Riedel. Ob nun Erd-Sargbestattung oder Urnenbestattung, die Kosten blieben im Wesentlichen die gleichen. Freudensprung warnt daher vor Kalkulationsfehlern: „Wer als Bestatter bei Erdbestattungen falsch kalkuliert und das bei Feuerbestattungen wieder hereinholen will, der hat etwas falsch gemacht.“
Die Tendenz zur Feuerbestattung jedenfalls werde sich in Zukunft so wie bisher fortsetzen. „Es gibt eine Einstellungsänderung in der Gesellschaft dazu“, ist Verbandsexperte Freudensprung überzeugt, und die Familienstrukturen hätten sich ja auch geändert. Die Bereitschaft zur regelmäßigen Grabpflege sinke beständig.
Eine Option, bei der Ewigen Ruhe zu sparen, ist der Friedwald. „Da werden die Grabkosten nach dem Verkaufswert des Baumes berechnet, unter dem der Verstorbene liegt“, sagt Freudensprung mit einem Auenzwinkern. Doch da die Holzpreise bekanntlich auch stetig steigen, ist auch das kein sicherer Weg, langfristig einem teuren Grab zu entgehen. (Alfred Raths)

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