Kommunales

25.06.2010

Wohnen im „alten Glump“

Statt eines gesichtslosen Neubaus bieten sich in der Oberpfalz viele historische Gebäude als Wohnhäuser an

Reiß das alte Glump doch einfach weg!“ Wer die Sanierung eines historischen Bauernhauses in Angriff nimmt, stößt unweigerlich auf die Skepsis seines Umfelds. Ein scheinbar günstigerer Neubau, schier unerreichbare Forderungen des Denkmalschutzes – der Bauherr muss vielen Vorurteilen trotzen. Doch er erhält, so er denn standhaft bleibt, sich und seinen Nachbarn ein wertvolles Stück regionale Baukultur und Identität und fördert die heimische Wirtschaft. Das Handbuch Denkmalschutz und Denkmalpflege weist denn auch nach: „Jeder öffentliche Zuschuss, den Bund, Länder oder Kommunen als direkte Finanzhilfe für Maßnahmen privater Denkmaleigentümer bewilligten, löst ein um das Neunfache höheres Investitionsvolumen aus.“
Bauten prägen das Gesicht einer Region. Auch für Touristen ist nur attraktiv, was besonders, auch anders als an anderen Reisezielen ist. Hier kann mit geschichtlicher Bausubstanz gepunktet werden. Hochglanzprospekte wiederum werben gern mit dem „Ursprünglichen“, den „geduckten alten Waldlerhäusern aus dem Holz, das die Jahrhunderte geschwärzt haben“. Sie sind Alleinstellungsmerkmal im Wettbewerb der Ferienregionen.
Doch welches Gesicht zeigt heute die Oberpfälzer Hauslandschaft den Bewohnern und ihren Gästen? Ein ähnliches wie manche Nachwuchsmodels auf dem Laufsteg – ganz hübsch, aber weit entfernt von einer unverwechselbaren Schönheit. Die Generation Botox der ländlichen Bauten beeindruckt vor allem in den uniformen Neubaugebieten vieler Gemeinden durch ihren einheitlichen Modernitätschic. Es ist ein faltenloses Gesicht ohne Spuren von erlebter Vergangenheit. Dabei könnte die Oberpfalz auf einen Stil voller individueller Vielfalt bauen. Bei der Suche nach denkmalgeschützten Bauten wird bewusst, dass von vielen nur noch historische Sterbebilder existieren. Vor 30 Jahren etwa gab es im Landkreis Cham noch 150 Waldlerhäuser. Seit 1980 sind ein Drittel davon verschwunden, zahlreiche weitere vom Verfall bedroht. Bei den Jurahäusern sind in den vergangenen 50 Jahren gar 80 Prozent abgerissen worden. Von den weiteren Oberpfälzer Haustypen wie den Fachwerk- oder Böhmerwaldbauten fehlen bisher noch die wissenschaftlichen Erhebungen. Ein Arbeitskreis startete nun gemeinsam mit dem Freilandmuseum Neusath-Perschen das Projekt „Heimat, deine Bauten“: Nicht aus einer Bauernhaus-Nostalgie heraus, sondern weil allein im Landkreis Cham noch 100 Waldlerhäuser stehen, zirka 20 Prozent des einstigen Jurahäuserbestandes vielleicht zu retten sind. Im vergangenen Jahr gab der Bezirk Oberpfalz über 1,1 Millionen Euro für die Denkmalpflege aus.

(Maria Baumann)

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