Kommunales

Dieses Modell soll bei Neu-Münchnern Wohnträume wecken. (Foto: Paul)

10.02.2012

"Ziehen Sie doch nach Berlin"

Eine Ausstellung im Münchner Rathaus versucht den Eindruck zu vermitteln, die Stadt hätte noch eine Chance, die Wohnungsnot zu beheben

Ein Problem, mit Humor und Charme ertragen, wirkt gleich weniger bedrohlich. Das sagten sich wohl auch die Entwickler der Ausstellung zum Wohnungswesen in der bayerischen Landeshauptstadt, die derzeit wochentags von 11 bis 18.30 Uhr im Rathaus am Marienplatz zu sehen ist.
Neben all den Zahlen, Grafiken, und Tabellen, den Modellbauten von künftigen und geplanten neuen Siedlungen, den pittoresk drapierten Möbeln und Wohn-Accessoires, und den vielen Fotos glücklich wirkender Menschen, die endlich ein bezahlbares Dach über dem Kopf in der Isarmetropole ergattert haben, wartet auf die Besucher auch ein Spielfilm von Enno Reese, der an einem Fernseher als Endlos-Schleife über Kopfhörer verfolgt werden kann.
Die Geschichte mit dem schlichten Titel Zwei Zimmer, Balkon des Absolventen der Hochschule für Film und Fernsehen handelt von zwei jungen Menschen Mitte 20, die es aus beruflichen Gründen nach München verschlagen hat und die ein neues Zuhause suchen. Sie ist Kellnerin in einem Café und schläft seit der Trennung von ihrem untreuen Ex-Freund in der Küche des Lokals, er ist Student und erträgt seinen schrägen Mitbewohner im Wohnheim nur mit Mühe.
Weil München trotz allem immer noch gut katholisch ist, vermuten die beiden zu Recht, dass es ein Paar bei der Wohnungssuche tatsächlich leichter hat als ein Single. Gemeinsam recherchieren, getrennt schlafen, lautet der Plan. So klappern sie denn die Inserate ab, bekommen zu unanständig hohen Mieten unter anderem ein kafkaeskes Keller-Appartement offeriert, sollen eine andere Behausung mit den fünf Katzen des Vormieters teilen, sich auch mal vom Lärm der S-Bahn direkt vor dem Balkon nicht stören lassen oder eine Designerküche im fünfstelligen Bereich ablösen. Und weil das alles ihre Nerven, ihr Budget und ihren Mut wohl noch nicht genug drangsaliert hat, grantelt ihnen die blondierte Münchner Maklerin entgegen: „Sie woin ois und des a noch günstig – dann ziehen’s doch nach Berlin!“
Nein, so tief wollen die zwei dann doch nicht sinken. Schlussendlich finden sie und er nämlich bei einer gerade verwitweten netten alten Dame eine bezahlbare und trotzdem schöne Wohnung. Und während die Vermieterin von den glücklichen dort verbrachten Jahren mit ihrem verstorbenen Mann schwärmt, erkennen unsere beiden Helden, dass es eigentlich keinen vernünftigen Grund mehr gibt, das Paar bloß zu spielen – Happy End.
Der freundliche Ausstellungswärter, der an alle Besucher am Ausgang Evaluierungsbögen verteilt, lächelt zwar abwehrend bei der Bemerkung, besagter Film sei das Beste an der Präsentation. Doch so richtig widersprechen mag er auch nicht. Und sein Broschüren-Stapel kommunaler Eigendrucke wird ebenfalls nicht wirklich kleiner.
Denn der übrige Teil der Ausstellung ist, um im Bild zu bleiben, nur ein Werbejingle für die Stadtverwaltung. Und der ist oft nicht mal sonderlich kreativ. Wem etwa der riesengroße Spruch „Der Neubau von möglichst vielen Wohnungen ist die beste Medizin gegen hohe Mieten und Wohnungsknappheit“ eingefallen ist, der sollte sofort an den Mittleren Ring ziehen müssen, und zwar Parterre.
Da wird noch einmal groß und breit erläutert, dass etwa in Freiham bis zum Jahr 2030 rund 7500 neue Wohnungen geplant sind. Toll. Da wird stolz zitiert, dass durch energetische Sanierung der Ausstoß an Kohlendioxid aus kommunalen Wohnungen alle fünf Jahre halbiert werden soll. Beeindruckend. Da wird zufrieden mitgeteilt, dass man den Freibetrag für Familien zur Berechtigung für den sozialen Wohnungsbau auf knapp 70 000 Euro jährlich erhöht. Fantastisch.
Doch das sind, und dies zuzugeben wäre endlich mal ehrlich, nur verzweifelte punktuelle Maßnahmen. Denn fest steht: Die Stadt kann das Wettrennen im Wohnungsmarkt nicht mehr gewinnen. Es ist wie bei Hase und Igel: Kaum wird von der Kommune suggeriert, man nähere sich einer besseren Versorgung mit bezahlbarem Wohnraum an, scheint dies gleich wieder eine noch viel höhere Zahl an Zuzugswilligen anzulocken, als vorher berechnet wurde. Da hilft auch die engste bauliche Verdichtung nichts – die Stadt ist endgültig an die Grenzen ihrer Kapazität gekommen. Aber wenn ein Münchner sich anschickt, demnächst ganz Bayern zu regieren, dann kann er das natürlich nicht zugeben.
(André Paul)

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