Kultur

18.11.2011

Allmächtige Ratingagenturen

Ein Kommentar von Ralph Schweinfurth

Es müssen wohl gewaltige Bestechungssummen geflossen sein, damit Brüssel die Ratingagenturen nicht allzu hart rannehmen wird. Anders kann man es nicht erklären, dass die EU-Kommission ihre Gesetzesvorschläge zur Regulierung der umstrittenen Agenturen in letzter Minute entschärft hat. So ist das zeitweise Veröffentlichungsverbot von Ratings kriselnder Staaten aus dem Entwurf gestrichen worden.
Dabei wäre gerade das ein wichtiges Instrument, um Länder wie Griechenland, Irland oder Portugal, die derzeit Kredite von den Europartnern und dem Internationalen Währungsfonds erhalten, zu schützen. Die zusätzliche Herabstufung durch die Agenturen bringt nämlich finanziell angeschlagene Staaten noch mehr in Bedrängnis. Grund: Risikoaufschläge auf Kreditzinsen werden umso höher, je schlechter die Benotung ausfällt. Ein Schelm, wer Böses denkt, wenn urplötzlich immer dann ein schlechtes Rating auftaucht, wenn sich ein Staat frisches Geld besorgen will. Selbst vor angeblichen Falschmeldungen wie im Falle Frankreichs schrecken die Agenturen inzwischen nicht mehr zurück. Ihre Marktmacht, die de facto ein Oligopol darstellt, muss gebrochen werden. Sie ist Gift für Demokratie und Wirtschaft.
Deshalb ist es nur recht und billig, dass Ratingagenturen künftig für ihre Fehler haften müssen. Doch das allein wird nicht reichen. Eine unabhängige, gemeinwohlorientierte europäische Ratingstiftung muss her. Dann gibt es eine Alternative zum unheilvollen Geschäftsmodell amerikanischer Agenturen. Diese verdienen derzeit umso mehr, je positiver ihre Benotungen ausfallen: Sie bewerten im Auftrag von Wertpapieremittenten und Staaten. Die wiederum haben ein vitales Eigeninteresse, Bestnoten zu erhalten. Müsste der Wertpapier-Anleger für das Rating bezahlen, gäbe es keinen Interessenkonflikt. Derzeit arbeitet die Unternehmensberatung Roland Berger an dem Ziel, eine solche Ratingagentur für Europa aufzubauen. Doch die amerikanischen Agenturen werden versuchen, alles zu verhindern, was ihre Macht beschneidet – ihr Geschäftsmodell ist zu genial. So erwirtschaftet zum Beispiel Standard & Poor’s einen Jahresumsatz von 1,7 Milliarden US-Dollar und einen Gewinn von 800 Millionen Dollar. Was einer Umsatzrendite von knapp 50 Prozent entspricht. Davon träumen andere Unternehmen nur.

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