Kultur

Installation „Estrofem! Lab“ von Mary Maggic. (Foto: Kunstpalais Erlangen)

06.04.2018

Alltägliche und andere Drogen

Eine Ausstellung im Erlanger Kunstpalais über die Präsenz von Suchtmitteln aller Art

Drogen sind keineswegs nur Geschwüre der Illegalität oder bieten unbeschwerte Flugreisen in phantastische innere Welten, sondern sind Teil jeder Gesellschaft, ihrer Anforderungen und Fehlstellungen. Auf dieses Ergebnis kann der Betrachter schnell kommen nach einem Rundgang durch die vielschichtige, Denkanstöße liefernde Ausstellung Altered States im Erlanger Kunstpalais. Künstlerinnen und Künstler aus mehreren Ländern lassen sich in zahlreichen Formaten ein auf Fragen, die der Drogenkonsum aufwirft; und weil das in aller Regel eminent politische Fragen sind, sind es auch eminent politische Fragen, die hier gestellt werden. So etwa die, ob nicht der „Krieg gegen die Drogen“ solange nicht funktionieren kann, solange die Illegalität des Drogenkonsums zugleich Treibriemen für die dem Drogenhandel innewohnenden, zutiefst marktwirtschaftlichen Mechanismen ist: Ist eine Ware rar, macht sie das zwangsläufig begehrenswert und teuer.
Das zeigt schon eine Arbeit des Spaniers Daniel García Andújar, der in mehr als 500 Bildern jene bunte Drogen-Warenwelt zeigt, die er aus dem sogenannten Darknet herausgelesen hat, jener Parallelwelt im Internet, die auch zur Abwicklung illegaler Geschäfte mit der Parallelwährung Bitcoin dient: Die Funktionsweise der dort getätigten Geschäfte gleicht der von legalen Betreibern wie Amazon oder Ebay – nur eben mit illegalen Waren.

Zucker als Suchtmittel?

Allein mit der Installation El Capital. The Commodity. The Drug wirkt die Ausstellung augenöffnend: Der Drogenhandel ist integraler Bestandteil des globalen Kapitalismus. Dass er so sehr mit Gewalt verbunden ist, bewirkt sein Tun und Treiben in der Illegalität, die den Drogenhandel zum lukrativen Geschäftsfeld international agierender Kriminalität macht, der es im Kern völlig egal ist, ob sie mit Nicht-Nahrungssubstanzen, Medizin, Menschen oder Waffen handelt.
Wo liegen die Grenzen zwischen Legalität und Illegalität? Ist Zucker nicht schlussendlich auch eine Droge? Wie verhält es sich mit den Hormonen und dem Recht auf ihren Gebrauch zum Beispiel in der Transgender-Community, wo Menschen Hormone dringend brauchen, um in dem Geschlecht zu Hause sein zu können, in dem sie sich tatsächlich zu Hause fühlen? Das Estrofem! Lab von Mary Maggic befasst sich mit diesem Thema.
Und wie steht es um die Angebote der Medizin? In Carsten Höllers Pill Clock fällt alle 15 Sekunden eine Pille zu Boden. Für den neugierigen Besucher steht Wasser zum Einnehmen zur Verfügung: Mal schauen, was passiert. Es sind natürlich Placebos.
Was alles passieren kann als Folge der Einnahme von Drogen, zeigen mehrere Installationen. Da ist etwa Fast Twitch//Slow Twitch von Cassils: die Videodokumentation eines Selbstversuchs der Kanadierin, auch mithilfe von Steroiden in 23 Wochen 23 Pfund Muskelmasse zuzulegen. Phonokinétoscope des Kanadiers Rodney Graham, ein vom Zuschauer startbares Plattenspieler/Filmprojektor-Loop, arbeitet mit Reminiszenzen an den Zusammenhang von LSD und Pop-Kultur. Man stößt auch auf Joachim Koesters fotografische Recherche über die Drogenkommune Aleister Crowleys in Sizilien, Jeremy Shaws Videoinstallation über die Auswirkungen des Halluzinogens DMT auf einige seiner Freunde und ihn selbst. Suzanne Treister baut in ihrer grandiosen Rauminstallation HFT The Gardener gleich ein ganzes Paralleluniversum aus bewusstseinserweiternden Pflanzen, Mythen, Zahlenmystik und Börsenspekulation.
Ebenfalls thematisiert wird die Verbesserungsabsicht der Medizin, die mithilfe von Psychopharmaka zugleich der Zurichtung des Menschen zu einer behaupteten Normalität dienen kann – also womöglich eine gefährliche gesellschaftliche Gleichschaltungstendenz in sich birgt. Schließlich geht die Tendenz dahin, Krankheiten einer behaupteten Normabweichung neu zu (er-)finden, um anschließend gleich die nötigen Gegenmittel auf den Markt werfen zu können. Joanna Rajkowska zeigt in dieser wirklich vieldimensionalen Ausstellung Waffen, die sie aus pulverisierten Schmerzmitteln und Kunstharz zusammengepresst hat: Dem Markt, heißt das noch einmal, ist es egal, womit er Handel treibt. Die eigentliche Droge nämlich könnte tatsächlich der Handel selbst sein. (Christian Muggenthaler)

Information: Bis 21. Mai. Kunstpalais, Palais Stutterheim, Marktplatz 1, 91054 Erlangen. Di. bis So. 10-18 Uhr, Mi. 10-20 Uhr.

Abbildung: Ausschnitt aus Casils’ Video „Fast Twitch//Slow Twitch“.  (Foto: Kunstpalais Erlangen) 

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