Kultur

Erschreckend und komisch zugleich: Sylvana Krappatsch trägt die Aufzeichnungen des Psychiaters zu den Patienten Hanna und Alexander März vor (Sandra Hüller,Thomas Schmauser). (Foto: Julian Röder)

07.03.2014

Ausgestellt im Gefängnis

Heinar Kipphardts "März" an den Münchner Kammerspielen ist ein besonderes Theaterereignis

Schwindelfrei sollte man schon sein: Einen steilen Raum im Raum, einen quadratischen Trichter hat Bühnenbildnerin Bettina Pommer in die Spielhalle der Kammerspiele gesetzt. Ganz unten ein Gully, aus dem Wasser quillt und ein Becken füllt, auf das die Zuschauer in der Steilwand hinabblicken wie Studenten im Anatomie-Hörsaal.
Tatsächlich ist, was hier stattfindet, eine Art Vivisektion der Existenz. Wenn man in dieser umwerfenden Rauminstallation dann drei Ausnahmeschauspieler (Sandra Hüller, Thomas Schmauser, Sylvana Krappatsch) agieren lässt, so wie der Münchner Kammerspiel-Intendant Johan Simons in seiner Inszenierung, dann muss das fast zwangsläufig ein Ereignis werden.
Und so geschah es: Diese Bühnenadaption von Heinar Kipphardts Dokumentartext März gehört zum Feinsten, was das Gegenwartstheater zu bieten hat. Der einst vielgespielte, heute fast vergessene Kipphardt (1922 bis 1982) verknüpft in März Aufzeichnungen eines Psychiaters (vorgetragen von Sylvana Krappatsch) mit der Art-Brut-Poesie seines Patienten Alexander März, der zusammen mit Hanna, ebenfalls Patientin, aus der Klinik flieht. Bei Sandra Hüller und Thomas Schmauser sind die beiden keine niedlichen Irren, die übers Kuckucksnest fliegen, sondern erschreckende Figuren – aber auch komische: „Ich möchte die singende Säge sein“, erklärt März, wirft seine Mütze ins Wasserbecken, fällt selbst hinein und steht mit triefendem Wollpullover da wie ein Menetekel gequälter Daseinsfremdheit. „Manchmal ist Ich sehr schwer“, sagt er beiläufig, während die geniale Sandra Hüller in ihrem ganzen Spiel in sich gekehrt und gleichzeitig wie eine klaffende Wunde wirkt.
In halb stilisierten, halb realistischen Gesten tanzen die Akteure ein Kraxel- und Stolperballett der Devianz in diesem Atrium und bergenden Hortus conclusus – der auch ein Gefängnis ist. Und eine Arena. Ein Kampfplatz, ebenso ein Ort der Vorführung. Indem der Raum die Gefahr zum Thema macht, dass hier die „Geisteskranken“ durch die Darstellung ausgestellt werden wie exotische wilde Tiere, ist diese Gefahr schon gebannt.
Denn obwohl natürlich der ästhetische Rahm von der pathologischen Suppe geschöpft wird, kippt die süffig-spröde „Schizo-Show“ nie ins Psychotiker-Idyll. Sie lässt die Bedrohung eines solchen Absturzes aber (nicht nur als Raumerfahrung) ständig spürbar werden; gerade aus dieser permanenten Spannung, die das Gratwanderungsgefühl der verletzten Existenzen vergegenwärtigt, erwächst der buchstäblich schwindelerregende Reiz des faszinierend eindringlichen Abends.
Am Ende wallt Nebel auf, und wenn er sich verzogen hat, ist das Becken unten wieder leer, über allen Sitzreihen ist Ruh, und auf dem Gully hat das abfließende Wasser ein paar Zweige zusammengeschwemmt, dass sie aussehen wie eine Dornenkrone. Dennoch bleiben solche Ecce-Homo-Anspielungen, wie die gesamte Inszenierung, überraschend kitschfrei. Im Gefühl seltsam nüchterner Ergriffenheit verlässt man das Theater. Das geschieht selten genug, und so ist diese Aufführung ein richtiger Glücksfall.
(Alexander Altmann)

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