Kultur

Bei aller Sehnsucht nach Nähe und Berührung entkommen Kriegenburgs Figuren (hier Lena Lauzemis) nicht der Vereinsamung. (Foto: Declair)

10.12.2010

Ballett des Begehrens

Andreas Kriegenburgs "Alles nur der Liebe wegen" an den Münchner Kammerspielen

Das Ambiente könnte aus einem Kostümfilm à la Hollywood stammen: In einem rosa Rokoko-Festsaal mit Marmorsäulen und Flügeltüren treten Golfer in Karohosen auf, Serviererinnen mit weißer Schürze, Taucher im Neoprendress oder Hausmeister im grauen Kittel: Das ganze Alltags- und Archetypenpersonal der Gegenwart versammelt Andreas Kriegenburg in dem Projekt, das der Ausnahmeregisseur mit Ausnahmeschauspielern an den Münchner Kammerspielen erarbeitet hat und das, trotz leichter Überlänge, größtes Theatervergnügen bietet.
Alles nur der Liebe wegen heißt diese lockere Szenenfolge, dieses surreal-komische, unwirklich verlangsamte Ballett des Begehrens, das ganz auf Gesten und Körpersprache setzt. Oder auf innere Monologe, in denen es um Sahnetorten genauso geht wie um das Bedürfnis nach Berührung – bis der Redeschwall aller Beteiligten in ein wirres Rauschen zerfließt.

Billiges aus Schundromanen

Kriegenburg zeigt Paare, die zu Passanten werden oder nie welche waren. Er zeigt lauter isolierte Individuen mit der Sehnsucht nach Nähe, die der Vereinsamung doch nicht entkommen. Denn natürlich ist die Liebe bloß Lug und Trug, ein billiges Klischee aus Schundromanen, Kinoschnulzen oder „Speed-Dating“-Shows im Fernsehen. Hinter dem Kitsch der großen Gefühle verbirgt sich nämlich seit eh und je die Realität des Marktes, die den Partner-Sucher zu wahnwitzigen Selbstdarstellungs-Verrenkungen antreibt.
Beispielsweise in der Tanzschule, die in einer herrlich komischen Szene aufs Korn genommen wird, wo sich das streng formalisierte Annäherungsgespreize als krampfig kaschierter Geschlechterkrieg entlarvt. Oder gleich im Reich der Anmache und der Kontaktanzeigen: Das affige Gebalze, das die Schauspieler hier in hochartifiziellem Slapstick parodieren, erweist sich als Ausweitung des Prinzips von Angebot und Nachfrage aufs Feld der zwischengeschlechtlichen Beziehung, wo etwa eine luxuriöse Blondine bekennt: „Von denen hier kann sich mich doch keiner leisten.“ Am Schluss werden dann konsequenterweise Komplimente und Umarmungen für einzelne Zuschauer in einer Tombola-Show verlost, die ein Moderator mit Rudi-Carrell-Akzent moderiert.
Und doch schwingt in dieser illusionslosen Liebessatire, die mit einem wunderbaren Soundtrack aus Chorälen, Schmuseschnulzen, Meeresrauschen und Walzerklängen hinterlegt ist, tiefe Melancholie mit. Auch wenn der ganze Zuneigungs-Kommerz und Herz-Schmerz-Kitsch, der da ironisch zitiert wird, die Liebe nur als Tarnanstrich der Prostitution bestätigt, erweist sie sich gerade in dieser Negativform als präsent: Liebe ist die Utopie, auf die wir alle wie Schlafwandler zusteuern.

Abgesang auf ein Gefühl

Das zeigen Walter Hess, Sylvana Krappatsch, Lena Lauzemis, Oliver Mallison, Stefan Merki, Annette Paulmann, Wiebke Puls und Edmund Telgenkämper mit diesem gespenstisch schönen, wunderzarten, tragikomischen und ungeheuer unterhaltsamen Abgesang auf ein berühmtes Gefühl. Andreas Kriegenburg ist eine anrührend-absurde Revue der Unmöglichkeit gelungen, ein freischwebendes, unwirkliches Gespinst aus Traum und Albtraum, das deutlich macht, wozu Theater im glücklichen Fall fähig ist. (Alexander Altmann)

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