Kultur

Nun schweigen die Puppen wieder – und die Zukunft des "Internationalen Figurentheaterfestivals" ist offen. Szene aus "Voyageurs immobiles" der französischen Compagnie Philippe Genty. (Foto: FTF)

27.05.2011

Betörend und verstörend

Das Internationale Figurentheaterfestival lockte mehr als 20 000 Besucher aus ganz Nordbayern in die 100 Aufführungen

Mit betörenden und verstörenden Bilderwelten verzauberte das Internationale Figurentheaterfestival 2011 weit über 20 000 Besucher, die in den zehn Festivaltagen nicht nur aus dem Großraum Erlangen-Nürnberg-Fürth-Schwabach, sondern aus ganz Nordbayern in die 16 Spielorte – vom zentralen Markgrafentheater in Erlangen bis zum Bürgerhaus in der Spitalkirche in Schwabach – in die über 100 zumeist ausverkauften Aufführungen strömten. Es war, als ob das begeisterte Publikum den Veranstaltern, allen voran der Stadt Erlangen, mit dieser Abstimmung mit den Füßen demonstrieren wollte, dass dieses alle zwei Jahre stattfindende, für Nordbayern wohl einzigartige internationale Kulturereignis (wenn man einmal von den elitären Bayreuther Wagner-Festspielen absieht) unbedingt erhalten bleiben muss.
Denn wenn der Erlanger Stadtrat, der seinen Zuschuss in diesem Jahr gestrichen hatte, nicht über seinen Schatten springt, steht die Zukunft dieses größten deutschen Festivals seiner Art in den Sternen. Dass es in diesem Jahr dennoch stattfinden konnte, verdankt sich dem Sponsoring des Großunternehmens Siemens, das mit einer – allerdings einmaligen – Unterstützung von 200 000 Euro das Festival in letzter Minute rettete.
Und so konnte sich die Avantgarde des internationalen Figurentheaters ein Stelldichein geben und die neuesten Entwicklungen und intermedialen Tendenzen eines Genres vorstellen, das zwischen Schauspielertheater, Musiktheater und Tanz, zwischen Puppenspiel, Pantomime und Performance, zwischen bewegten Objekten und statuarischen Körperskulpturen, zwischen Film und Video, Lichtinstallationen, Animationen und Projektionen die Grenzen des Theaters ständig erweitert.

In Ländern der Phantasie

Mit einem traumhaft poetischen Auftakt stimmte die Compagnie Philippe Genty aus Frankreich mit ihren orientalischen Märchenbildern wie aus Tausendundeiner Nacht auf das Spiel mit Puppen und Masken ein: ein farbenprächtiges Wüstenabenteuer, in dem die Darsteller immer wieder in kühnen Körperskulpturen erstarren oder in ausgeklügelten Choreografien die Voyageurs immobiles, die „Bewegungslosen Reisenden“ auf ihre Reise ins Ungewisse, in Länder der Phantasie schicken. Mit einfachsten Mitteln, mit Packpapier und bunten, wogenden Tüchern entstehen so Wüsten und Meere, Gebirge und Ebenen mit tiefen, glühenden Horizonten, vor denen sich archaische Menschheitsdramen, Kriege und Katastrophen abspielen.
Und einen nicht minder unvergesslichen Akzent setzte zum Ausklang des Festivals der französische Künstler Jean-Baptiste André, der mit seiner artistisch-circensischen Interieur Nuit buchstäblich die Wände hochging und mit seiner zwischen Tanz und Akrobatik angesiedelten Körpersprache die drei Dimensionen des Raumes und die Schwerkraft außer Kraft zu setzen schien.
Ein dynamisches Körpertheaterexperiment, das vielleicht nur noch von der kroatischen Choreografin Ivana Müller übertroffen wurde, die vier Tänzerinnen und Tänzer über eine Stunde lang in nur minimal sich verändernden statuarischen Posen erstarren und auch so manchem Zuschauer angesichts dieser körperlichen Torturen das Blut in den Adern gerinnen ließ: ein Folter-Szenario, das die Vorstellungskraft und das irritierte Wahrnehmungsvermögen des Publikums bis auf das Äußerste strapazierte.
Nicht minder traumhafte, dabei technisch artifizielle Bildwelten erschloss der österreichische Medienkünstler, Regisseur und Komponist Klaus Obermeier: In raffinierten Lichtkegeln, Schattenspielen und Videoprojektionen verschmelzen Tänzer und ihre gefilmten und verfremdend immer wieder reproduzierten und auf die Leinwand projizierten Bewegungen zu einem phantasmagorischen Kaleidoskop, lasziv und erotisch, virtualisiert und doch haut- und körpernah materiell – der Blick in ebenso naturalistische wie künstliche Welten, in denen der Mensch und seine elektronischen Klone ununterscheidbar ineinander verschwimmen.

Politisches Gedankenspiel

Zum poetisch-politischen Gedanken- und Bilderspiel wurde – in der Tafelhalle Nürnberg – die deutsche Erstaufführung von Ulrike Quades Abrechnung mit dem norwegischen Literatur-Nobelpreisträger Knut Hamsun, der sich während der deutschen Besetzung Norwegens mit den Nazis einließ. Als monströse, riesenhafte Puppe liegt er röchelnd und sterbend auf der Bühne, während die Spielerin sein Leben und seine Literatur in einem eindringlichen Handpuppenspiel noch einmal an ihm vorüberziehen lässt.
Dagegen hatte die Puppentheaterfassung des genau vor 100 Jahren uraufgeführten Jedermann von Hugo von Hofmannsthal, die das Erlanger Theater Kuckucks-heim nach der Mundartfassung von Fitzgerald Kusz zeigte, keine Chance: der Fränkische Jedermann kam über die Lachnummer des fränkischen Idioms nicht hinaus und reproduzierte die sattsam bekannten Sottisen und Sentenzen eines urtümlichen Volkstheaters.
Das Internationale Figurentheaterfestival entpuppte sich wieder einmal als das letzte kulturelle fränkische Großraumereignis, in dem die Städte Nürnberg, Erlangen, Fürth und Schwabach zu dem seit Jahren allenthalben kommunalpolitisch viel beschworenen, aber selten praktizierten Synergie-Effekt einer (nicht nur finanziell sinnvollen) Kulturkooperation zusammenfinden – und ganz offensichtlich mit der Begeisterungsfähigkeit der Menschen rechnen könnten, die sich – wie beim Figurentheaterfestival – in die Welt der Träume und Phantasien entführen ließen. (Friedrich J. Bröder)

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