Kultur

Viel Beifall heimste die Augsburger Inszenierung der "Minna von Barnhelm" mit Judith Bohle und Lea Sophie Salfeld ein. (Foto: Nik Schölzel)

07.06.2013

Bildgewaltiges Erzählen

Die Bayerischen Theatertage haben sich in drei Jahrzehnten zu einer fulminanten Leistungsschau entwickelt

In einem weißen Zelt hoben vor 30 Jahren auf dem Richard-Wagner-Platz vor dem Nürnberger Opernhaus August Everding und Ernst Seiltgen die Bayerischen Theatertage aus der Taufe; der eine war Generalintendant der Bayerischen Staatstheater, der andere Intendant des Theaters Ingolstadt. Eingeladen zu diesem ersten Theaterfestival der Bühnen in Bayern waren gerade mal elf, vorwiegend kommunale Theater. Jetzt, zum 30jährigen Jubiläum, finden die Bayerischen Theatertage wieder in Nürnberg statt – und zum ersten Mal in einem bayerischen Staatstheater, nämlich im neuen Nürnberger Schauspielhaus mit seiner derzeit wohl modernsten Bühnentechnik, die für jede noch so aufwändige Inszenierung gerüstet ist.
Die braucht man auch für die zum diesjährigen Theatertreffen eingeladenen 31 bayerischen Theater, die mit 52 Aufführungen zwei Wochen lang eine Leistungsschau der städtischen, aber auch privater Bühnen im Freistaat abliefern. Denn die Bayerischen Theatertage sind, was man so seinerzeit nicht erwartete, zu einer Erfolgsgeschichte geworden, die sich in all den Jahren in mehr als einem Dutzend bayerischer Städte abspielte, von Hof bis Memmingen, von Regensburg bis Würzburg und von Coburg bis Augsburg.

Totentanz zum Auftakt

Zum Auftakt der Jubiläumsfestspiele ließ sich das gastgebende Nürnberger Staatsschauspiel nicht lumpen und beeindruckte mit einer bildgewaltigen Eröffnungsinszenierung von Ödön von Horváths Glaube Liebe Hoffnung, einem „Totentanz in fünf Bildern“, den Regisseur Georg Schmiedleitner als aktuelles Sozialstaatsdrama auf die gegenwärtig heftig diskutierte Frage der sozialen Gerechtigkeit münzte. Im symbolträchtigen Bühnenbild (Stefan Brandtmayr) zermalmen meterhohe Zylinder wie in einem Mahlwerk der Gesellschaft die durch die gesellschaftlichen Verhältnisse der bürgerlichen Society zugerichteten, ja hingerichteten oder sich selbst richtenden, depravierten und bis zur Groteske verzerrten Existenzen.

Heilsgeschichte umgedreht

Um Opfer ging es auch im Gastspiel Judas der Münchner Kammerspiele: Da hängt, inszeniert von Johan Simons, der Verräter unter den Jüngern Jesu, der Christus ans Messer liefert, wie ein Klumpen Fleisch im düster ausgeleuchteten Bühnenambiente. In einem gewaltigen Monolog (von Lot Vekemans) dreht Judas (Steven Scharf) die Heilsgeschichte um – und Judas, der Verräter, stilisiert sich zum eigentlichen Heilsbringer, der sich aufopfert und erst dadurch Jesus zum Heiland macht. Ein umjubelter Höhepunkt der Bayerischen Theatertage.
Dem stand der Beifall für Lessings Lustspiel Minna von Barnhelm des Augsburger Theaters nicht nach. Die Drehbühne wurde zur Spieluhr, mit der sich die Fragen nach Ehre, Ruhm und Vaterland buchstäblich im Kreise drehten und lächerlich gemacht wurden; oder als riesenhaft vergrößerte Schattenspiele ihren hohlen Schein zum Vorschein brachten. Für die Zuschauer eine Augenweide, denn mit pittoresken Perücken und ausschweifenden Reifröcken deutete die Inszenierung Anne Lenks das Melodram zur effektvollen Farce um.
Großer, beeindruckender Bilder ermangelte dagegen Peter Handkes gewaltiger Geschichtsbrocken Immer noch Sturm in der Inszenierung des Mainfranken Theaters Würzburg (Regie: Bernarda Horres). Das historische Narrativ über die leidvolle Familiengeschichte, das Peter Handke in seiner Kärtner Heimat aufblättert, bleibt in der Würzburger Inszenierung eher monotones Epos über das Schicksal der zwischen Nazi-Deutschland, kaiserlichem Österreich und sozialistischem Jugoslawien aufgeriebenen Slowenen, denen als Heimat nur ihre Sprache bleibt. Eine über weite Strecken blutleere und bilderarme Aufführung, die ihrem, von den Schauspielern vorwiegend an der Rampe vorgetragenen tragischen Stoff nicht gerecht wird. (Friedrich J. Bröder)


www.bayerische-theatertage.de

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