Kultur

Der Titel "Kinderbild (Katze hinter einem Baum)" mag als Hinweis interpretiert werden, dass dem Ehepaar Marc Katzen ein Ersatz für Kinder wurden. (Foto: Franz Marc Museum)

15.06.2012

Botschafter der anderen Seite

Der Maler und die Katzen: Eine tierische Ausstellung im Franz Marc Museum Kochel

Es gibt wenige Tiere, die in der Menschheitsgeschichte als klassische Zivilisationsfolger derart dauerhaft präsent sind wie Katzen. Wo immer Menschen weilen, maunzt es auch. Kein Wunder, dass Katzen vom Reich der Ägypter bis heute hunderterlei Zuschreibungen zugesprochen bekommen haben – mal firmierten sie als regelrechte Götter, mal als vermaledeite Brut, die mit allen dunklen Mächten im Bunde ist. Immer aber sind sie Zwischenwesen, Mittler zwischen mindestens zwei Welten, Bannerträger des Phantastischen und dann freilich auch Pelzballen mit hohem Schnurrbehagen.
„Gesellschaft habe ich außer meiner Frau und unserer Katze nicht“, schrieb Hermann Hesse aus Gaienhofen am Bodensee – was reichen kann für genug Kommodität. Und dem begnadeten Katzenversteher und auch sonst begnadeten Julio Cortázar ist die Beobachtung zu verdanken, Katzen seien befähigt, Gespenster zu erkennen; warum starrten sie sonst dann und wann hochkonzentriert und bewegungslos in irgendeine Richtung, wo ein der Katzenschau folgender Menschenblick nichts sähe außer eben – nichts.
So gesehen ist es kein Wunder, dass auch Franz Marc den Katzen die vielfache Ehre antat, sein Sujet d’Art sein zu dürfen. Und weil Marc gerne Tiere als Botschafter der Natur begriff, ihnen eine Reinheit zuschrieb, die der Mensch durch seinen Sündenfall verloren hat, begriff er sie als Botschafter der anderen Seite.
Nun hat das Franz Marc-Museum in Kochel am See in einer kleinen, intimen Ausstellung Marcs Katzengedankenwelt aufgegriffen. Cathrin Klingsöhr-Leroy, künstlerische Leiterin des Museums, hat dazu ein Bild in den Mittelpunkt gestellt und erzählt mit Zeichnungen, Gouachen und Ölgemälden die Genese dieses Zentralwerks: Es ist das Bild Mädchen mit Katze II aus dem Jahr 1912, in dem sich eine Vielzahl von Zeichen überlagern. Tatsächlich ist das in kubistischer Manier entworfene Bild, so die nachvollziehbare These der Ausstellungsmacher, eigentlich eine Madonnendarstellung mit traditionellen malerischen Zuordnungen: blauer Mantel, die Vorhänge, Blick und Haltung dem Wesen auf dem Schoß zugewandt. Nur aber: Dort ist kein Messias – sondern eben eine Katze.
Schnell wird klar, dass auch in Marcs Bedeutungskosmos die Katze eine Zeichenträgerin hohen Ranges war. Traditionell ist dabei die grundsätzliche Gleichstellung zwischen Frau und Katze, interessant für den Mann Marc dabei auch die Formen beider Wesen, deren zeichnerische Studien die Ausstellungswände zieren. Auch die Zuordnung weiblich gedachter Farben zur Katze ist augenfällig: „Mischt Du Rot und Gelb zu Orange, so gibst Du dem passiven weiblichen Gelb eine ‘megärenhafte’, sinnliche Gewalt“, schrieb Marc an August Macke, und sowohl das Mädchen mit Katze als auch ein zweites wichtiges Bild der kleinen Ausstellung, Kinderbild (Katze hinter einem Baum), zeigt das Pelztier in Orange.
Die Frau auf den ausgestellten Bildern ist stets Marcs Geliebte und spätere Gattin Maria Franck. Die Schau zeigt denn auch die Biografie beider Beziehung vom sinnlichen Beginn einiger Akt-Zeichnungen bis zur überhöhten Madonnen-Darstellung. In diesem nun ganz und gar privaten Kosmos erhält die Katze eine weitere Bedeutung, wie dies im Titel Kinderbild angedeutet zu sein scheint: die Katze als Kindersatz. Beide wünschten sich Kinder, bekamen aber offenbar keine. So wuchsen die Hauskatzen Hanni und Rudi allmählich in die Kindsrolle – so eben auch im Madonnenbild.
Aus all diesen Umständen schlüsselt die das Zentralwerk umkreisende Themenschau schließlich das stilisierte Mädchen mit Katze II dem Zuschauer ein wenig auf – und zeigt, dass derlei monothematische, sich knapp und präzise mit einem Hauptwerk befassende Ausstellungen spannend und lehrreich sein können: wie in der Fernsehserie 1000 Meisterwerke. Dazu kann man täglich um 15.30 Uhr von Jovita Dermota gelesene Katzentexte auf CD hören.
(Christian Muggenthaler)

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