Kultur

Mit lüsternem „ratsch!“ lässt Marcus Calvin die Hüllen fallen und gibt den Tartuffe als drahtigen Fitness-Trainer ganz ohne Heiligenschein. (Foto: Schölzel)

02.12.2011

Brünftige Gier zwischen Kissen

"Tartuffe" im Theater Augsburg

Spaßmacher sollte Molière nach dem Willen Seiner Majestät Ludwigs XIV. sein, mehr nicht. Und doch ist ihm auch manche Charakterkomödie mit Tiefgang herausgerutscht – der Tartuffe etwa, wo ein abgefeimter Schurke eine ganze Familie ins Unglück zu stürzen droht. In Sigrid Herzogs turbulenter Inszenierung auf der Augsburger tim-Bühne dominiert jedoch allemal der Spaß, ein paar Ausrutscher in Jux, Dollerei und Albernheiten inklusive. „Saulustig war’s!“, so eine vom vielen Lachen sichtlich erschöpfte junge Zuschauerin.
Lindgrün, grasgrün, froschgrün und giftgrün sind die Grundfarben der mit einem sich längs über das Geviert erstreckenden Canapé bestückten Bühne, der zahlreichen Sofakissen und auch der flotten zeitgenössischen Kostüme, alles entworfen von Isabelle Kittnar. Einer ausgenommen: der Titelheld. Man kennt ihn als frömmelnden Parasiten in schmuddelig abgewetzter Priestersoutane. In Herzogs Inszenierung trägt er jedoch einen edlen schwarzen Jogging-Anzug mit Reißverschluss, den er mit lüsternem „ratsch!“ herunterreißt, bevor er sich auf die leckere Elmire stürzt.
Marcus Calvins Tartuffe ist ein drahtiges, knuspriges Bürschchen mit Festanstellung in der Mucki-Bude (Fitness-Trainer sollen ja schon junge Damen von ganz anderem Kaliber rumgekriegt haben). Der Heiligenschein steht ihm weniger gut als die brünftige Gier, mit der er nicht nur die Gattin des Hausherrn beleckt, sondern auch die Finger nach dem dritten Schlag Rebhuhnbraten.


Vom Gurren und Zwitschern

Elmire, gespielt von Judith Bohle, ist eine hinreißende Mischung aus wild die Lockenmähne schüttelndem Vamp und sittsamem Täubchen. Wenn sie mit Raffinesse und Schamlosigkeit den vor Geilheit fast platzenden Täuberich angirrt, angurrt und anzwitschert, dann schlagen nicht nur Ornithologenherzen höher.
Martin Herrmann als Familienoberhaupt Orgon hat es da nicht immer leicht. Er überzeugt zwar als patriarchalischer Papa mit dem üblichen Gebrüll, aber die maßlos tumbe Verblendung, die ihn zu Tartuffes willfährigem Opfer macht, bleibt ein bisschen auf der Strecke. Da hat die bigotte Großmutter Madame Pernelle den einfacheren Part. Mit einem Schuss Queen Elizabeth in der Frisur zeigt sich Eva Maria Keller not very amused über den heftigen Protest der gottlosen Restfamilie gegen die Allmacht des frommen Hausgenossen.
Vor allem die Jungen sind es, die aufbegehren: Sarah Bonitz als beleidigte, heulende und zickende Tochter Mariane, die sich wegen dieses blöden Tartuffe auch noch mit Valère, ihrem Liebsten, zofft, den Nicholas Reinke mit der handfesten Zuverlässigkeit einer treuen Sandkastenliebe ausstattet. Den Sohn Valère spielt Alexander Darkow als brauseköpfigen Haudrauf, der notfalls auch allein gegen tausend Tartuffes ins Feld ziehen würde. Bei so viel Tempo und Temperament verhallen die Ermahnungen des Onkels Cléante ungehört. Philipp von Mirbach verleiht ihm vom Rande des Geschehens aus das nötige Quantum Besonnenheit und Lebensklugheit, auch wenn’s nichts nützt.
Was allein nützt, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen, das ist die List der Zofe Dorine, gewiss die dankbarste Rolle in dieser pseudotragischen Familienkomödie. Aber die muss man auch erst mal so hinkriegen wie Lucy Wirth. Einfach atemberaubend, was die junge Dame stimmlich, körperlich und mit einer enormen Bandbreite vom biederen Dienstmuffel bis hin zum quirligen Knallfrosch alles anstellt.
„Herrgott, wie überspannt!“, schallt es einmal mitten aus der Kissenschlacht des unglaublich spielfreudigen Ensembles. Das gilt vielleicht für die ganze Inszenierung und vor allem auch für einen Schluss, der so gar nicht „Molière“ ist. Aber saulustig war’s allemal. (Hanspeter Plocher)

(Unsere Abbildungen zeigen das Ensemble und Juditz Bohle als Elmire. Fotos: Schölzel)

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