Kultur

Szenen einer Ehe: Die untreue Agnès (Barbara Hannigan) und der eifersüchtige Protector (Christopher Purves). (Foto: Wilfried Hösl)

26.07.2013

Das gegessene Herz

Münchner Opernfestspiele: Kent Nagano verabschiedet sich mit George Benjamins Oper „Written on Skin“aus Bayern

Da stand er nun auf der Bühne und nahm den stürmischen Beifall entgegen. Es war eine Demonstration, fast schon ein Akt der Solidarität vonseiten des Publikums – und Kent Nagano war sichtlich bewegt. Die Münchner Operngemeinde hat sich von ihrem General-Musikdirektor (GMD) verabschiedet. Nagano geht, um ab 2015 in Hamburg zu wirken. Staatsopern-Intendant Nikolaus Bachler bleibt. Für Nagano war es ein Abschied auf Raten, den er mit viel Würde, Anstand und Disziplin gemeistert hat – für die Musik.
Vor drei Jahren hatte Nagano angekündigt, seinen Vertrag nicht verlängern zu wollen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Zusammenarbeit zwischen ihm und Bachler alles andere als gut war. Und es ist auch kein Geheimnis, dass Bachler den GMD weggeboxt hat – man kann es „Mobbing“ nennen. Das Kunstministerium hatte diesen Intrigantenstadl mitgetragen, München wurde zum Gespött in der Opernwelt. Schwamm drüber, nun ist im Opernzirkus der Vorhang endgültig gefallen – bis zum nächsten Mal.

Nagano wechselt an die Elbe

Für seinen Abschied schloss Nagano den Kreis. Seine erste Produktion als Münchner GMD war nämlich 2006 eine Doppelpremiere mit zwei Einaktern: Neben Salome von Richard Strauss hatte er die Uraufführung von Wolfgang Rihms Das Gehege gestemmt. Nun, am Ende seiner Amtszeit dirigierte Nagano die deutsche Erstaufführung von George Benjamins neuer Oper Written on Skin. Im vorigen Jahr wurde das Werk in Aix-en-Provence uraufgeführt. Jetzt also war die gleiche Produktion im Prinzregententheater zu sehen – mit der klugen Regie von Katie Mitchell und dem wunderbaren Klangforum Wien im Graben.
Das Libretto von Martin Crimp geht auf den anonymen Text Guillem de Cabestanh Le cœur mangé aus dem 13. Jahrhundert zurück. Auch in der Oper des 1960 geborenen Engländers wird am Ende ein Herz gegessen. Es gehört einem jungen Mann (einnehmend: Countertenor Iestyn Davies), der von einem „Protector“ (großartig: Christopher Purves) reglerecht abgeschlachtet wurde: Seine Frau hatte mit ihm eine Affäre. Im Wahn der Eifersucht zwingt er sie, dessen Herz zu essen.
Die Frau ihrerseits ist auch nicht gerade ein Unschuldslamm: Als Unterdrückte selbst zu einem Machtmenschen mutiert, verlangt sie von ihrem Liebhaber, dass er für die Liebe kämpft – wissend, dass ihr Mann vor nichts zurückschreckt. Sie schickt ihn ins Verderben. Bevor sie ihr Mann abstechen kann, springt sie am Ende selbst in den Tod. Und so vereint diese Frauengestalt so ziemlich alles, was die Operngeschichte zu bieten hat. Verdis Macbeth ist genauso vertreten wie die Lady Macbeth von Mzensk von Dmitri Schostakowitsch. Dazu gesellen sich Debussys Pelléas et Mélisande, Alban Bergs Wozzeck und Lulu oder Bernd Alois Zimmermanns Die Soldaten – gewürzt mit Tosca und Il Tabarro von Puccini. Dieses abgründige Panoptikum lässt Katie Mitchell in fünf Räumen spielen, die auf zwei Ebenen verteilt sind (Bühne: Vicki Mortimer). Das kluge Lichtdesign von Jon Clark setzt nicht nur einfach visuelle Akzente, sondern führt subtil durch die Räume und somit durch die Handlung.
Sonst aber besticht die Oper vor allem mit einer Erzählhaltung, die die Bühnenillusion aufbricht – wie im epischen Theater von Brecht. Dafür sind die Figuren ihre eigenen Erzähler, indem sie „sagt er“ oder „sagt sie“ jeweils hinterher singen. Die Musik selber changiert zwischen dezidiert melodischen und clusterhaften Partien, wobei die Viola da Gamba eine Brücke zur „alten Zeit“ der Vorlage schlägt. Dagegen bringt die fragil-skurrile Glasharmonika den Wahnsinn zum Klingen, und die Bass- und Kontrabass-Klarinetten ahnen den Tod und das Böse voraus – ganz nach tradierter Orchestrierung.
Diese postmoderne Musik entwickelt eine ungeheure bühnenwirksame Kraft, zumal Nagano und das Klangforum Wien die Raffinessen der Partitur stilsicher und äußerst differenziert verlebendigten. Davon profitierten auch die Solisten, die allesamt eine vielfältige Gesangskultur hörbar machten: Im Mai 2014 ist Barbara Hannigan am Nationaltheater in Zimmermanns Soldaten zu erleben. Dieser Abschied von Nagano war groß und bleibend. (Marco Frei)

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