Kultur

Heinrich Campendonk war der Jüngste im Blauen Reiter – sein früher Stil (hier Mann und Ziege, um 1917) war von Künstlerkollegen stark beeinflusst. (Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlung)

07.09.2012

Das Tor zum Blauen Reiter

Das Stadtmuseum Penzberg zeigt Heinrich Campendonks künstlerischen Werdegang

Er steht am weit geöffneten Tor zum „Blauen Land“: Penzbergs Heinrich Campendonk. Und von ihm sind es nur ein paar Kilometer zu Kandinsky und Münter, zu Macke und Marc. Alles, was die an farblicher und kubistischer Phantastik und Artistik zu bieten haben: Man sieht es derzeit auch in der Phantastischen Welt des Heinrich Campendonk im Penzberger Stadtmuseum.
Aus Krefeld hatte sich der 1898 geborene Maler nach Oberbayern locken lassen, hatte im nahen Sindelsdorf Quartier bezogen, quasi am „Gateway“ zu diesem „Blauen Land“ mit seinen charakteristischen Farben. Vor einigen Jahren ist der Nachlass Campendonks nach Penzberg gekommen, das Stadtmuseum schöpft aus dem Vollen und stellt immer wieder schöne und aufschlussreiche Ausstellungen zusammen.
Die sich – wie dieses Mal – aber nicht in den Jahren des Ersten Weltkriegs erschöpfen, sondern den ganzen Campendonk zeigen: Der nach Krefeld zurückgegangen ist, sich während seiner Zeit in Essen langsam vom Einfluss des „Blauen Reiters“ emanzipierte, im Dritten Reich zu den „Entarteten“ zählte, nach Antwerpen, Amsterdam emigrierte, am Ende auch dort blieb, so sehr man ihn – in Basel oder New York als „Blauer Reiter“ immer noch geschätzt – auch mit dem Willen zur „Wiedergutmachung“ nach Deutschland zurücklotsen wollte.

Schönstes aus dem Fundus

So ist es denn ein ganzes, vielschichtiges Künstlerleben nicht ohne tragische Seiten, das in Penzberg über drei Stockwerke aufgeblättert wird, durchaus mit dem Schönsten, was der Fundus hergibt. Und das ist zunächst mit dem Freund und Vorbild Franz Marc verbunden. Auch Campendonk malt dessen blaues Land der Phantasie in moosgrünem Dunkel, smaragdtiefem Blau, mit den kubistischen Einflüssen aus Frankreich oder aus der Welt der „Primitiven“.
Mit Kandinsky verbinden ihn die Märchenmotive, auch die Hinterglastechnik (Gralsburg) – eine Vorliebe, die Campendonk zu Kirchenfenstern weiterentwickelt, an denen ihn wie Chagall das Leuchten fasziniert haben mag. Die Amsterdamer haben später erkannt, was für einen großen Künstler dieses Handwerks sie da hatten und stellten ihn bei der Weltausstellung 1937 als eigenen Botschafter aus.
So zusammengesetzt aus bleigefassten Glaselementen wirken auch Campendonks typische Motive, werden mit der Zeit strenger, statuarischer, religiöser – es ist ein Weg von Delauney bis Rouault. Es gibt prägnante Porträtgenauigkeit genauso wie fortschreitende Abstraktion, es gibt Reiseerinnerungen von der Bretagne bis zu den Lofoten: Anfangs mit dem Blau, das er aus dem bayerischen Oberland mitgebracht hat, dann mehr und mehr in surrealer Fantastik – ein Weg der vielfältigen Erinnerungen bis hin zu einem sehr eigenständigen Nachkriegsstil.
Schon in den Zwanzigerjahren beginnt diese individuelle Hand Campendonks, setzt sich fort in sehr interessanten Bühnenbildentwürfen für das Theater seiner Heimatstadt. Jedes Jahrzehnt der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts drückt diesem Campendonk seinen Stempel auf – und genauso ist sein persönliches Schicksal Spiegel der Geschichte dieser Zeit. Und man mag auch nachvollziehen, warum seine Pläne, nach Deutschland zurückzukehren, nicht Wirklichkeit wurden. Dort, wo man ihn verstand und nicht in die „entartete“ Ecke stellte, ist er geblieben und 1957 gestorben.
Penzberg tut gut daran, sein Andenken zu ehren und immer wieder neu aufzupolieren. Auf einem einzigen Blatt wie dem Paar auf dem Balkon findet der Betrachter das ganze Formel- und Motivinventar einer großen Kunst-Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg. (Uwe Mitsching)

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