Kultur

Der „Dreckhaufenduft“ fehlt: Ann-Katrin Naidu als Leokadja Begbick (links) und Heike Susanne Daum als Jenny Hill; dahinter Cornel Frey als Fatty und Stefan Sevenich als Dreieinigkeitsmoses. (Foto: Buckmiller)

02.07.2010

Degradiert zu Brechts Erfüllungsgehilfen

„Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ am Gärtnerplatztheater

Mahagonny muss das Eldorado der Regisseure sein, ist doch das Motto dieser Stadt, „dass man hier alles dürfen darf“. In München präsentierte Günther Rennert fast vier Jahrzehnte nach der Uraufführungsschlacht von Leipzig im Jahr 1930 die Parabel von Brecht/Weill als hemmungsloses Wohlstandsspektakel, wenig später inszenierte sie Harry Buckwitz im Gärtnertheater als sozial-aggressives Musical, in den 1980er Jahren motzte sie Joachim Herz dort mit überbordendem Spielwitz zu einer schrillen Politstory aus der Endzeit der Weimarer Republik auf.

Das Kulinarisch-Unterhaltsame, das der listenreiche Brecht als opern-immanent zur opulenten Verpackung seiner sozialkritischen Provokation nutzte, will nun Thomas Schulte-Michels am Gärtnertheater zugunsten des „Lehrhaften“ zurückdrängen – ein saftiges Vergnügen am Brecht’schen „Dreckhaufenduft“ gönnt er uns nicht. Überdies nahm er Weills Empfehlung „größter Sparsamkeit in den Mitteln der Darstellung“ wörtlich. Die Bühne war nur mit Stühlen zwischen japanischer Größe und XXL-Dimensionen bestückt, Szenenüberschriften wurden mündlich vorgetragen, die Schrifttafeln – eine der spektakulären Erfindungen des epischen Theaters – entfielen und damit auch die sonst so packenden Demonstrationszüge: Das statuarische Chorfinale überwältigte das applausfreudige Publikum allein durch imponierendes Dauer-Forte.

In den schwächsten Momenten seiner spannungslos-bildarmen Inszenierung degradierte sich Schulte-Michels zum Erfüllungsgehilfen Brecht’scher Regieanweisungen: „Jenny und die Mädchen treten auf, setzen sich auf den Koffer und singen den Alabama-Song“ – Heike Susanne Daum verwandelt mit schönem Sopran den erotischen Schlager in ein keusches Kunstlied. Erinnert sie sich später der Interpretation von Weill-Ehefrau Lotte Lenya bei „Wie man sich bettet, so liegt man...“, sänftigt die Schönheit des Tons nicht mehr die Bissigkeit der Sprache.

Wotans Wunschmaiden MarthaMödl und Astrid Varnay erholten sich einst von Walhalls Wonnen als vulgäre Puffmutter Leokadja Begbick – die noble Ann-Katrin Naidu könnte man sich bestenfalls als Etablissement-Directrice in La Belle de jour vorstellen.


Die Herren der Kleinbürgerhölle waren wohl Brecht/Weill näher, Wolfgang Schwaninger als naiv sentimentaler Holzfäller Jim Mahoney beeindruckte mit dem Verzweiflungs-Lamento gegen den Tod, als Weltverbesserer auf Abwegen. Andreas Kowalewitz und seine superben Musiker verwiesen Brecht auf Platz 2: Weills Partitur, Melange aus Bach und Song, Polyphonie, Gemütsergötzung, Kaltschnäuzigkeit und Tanzbarmelodik, brodelt vor Leben wie am ersten Tag. (Klaus Adam)

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