Kultur

Inszenatorischer Höhepunkt der Schau: Ein spiegelkabinett mit Videoprojektionen. (Foto: Anita Berger)

20.05.2011

Der Kini im spacig-bayerischen Nirwana

Die Bayerische Landessausstellung über Ludwig II. auf Herrenchiemsee

Er hat ja auch die Blue Jeans erfunden, zumindest indirekt: Um den passenden Farbton für die Blaue Grotte in Neuschwanstein zu bekommen, ließ König Ludwig II. bei BASF ein synthetisches Indigoblau entwickeln – das bis heute auch die bekannte Hose färbt. Wenn’s wahr ist.
Oder wird Ludwig schon deshalb als „Märchen“-König bezeichnet, weil er für solche Geschichtchen gut ist? Diese Frage lässt die Bayerische Landesaustellung unbeantwortet, die zum 125. Todesjahr des „Kini“ im aufwändig hergerichteten Rohbautrakt von Schloss Herrenchiemsee stattfindet. Dafür ist der Ausstellungstitel „Götterdämmerung“ insofern wörtlich zu verstehen, als in den Schauräumen geheimnisvolles Dämmerlicht herrscht.
Das ist auch nötig, um all die special effects zur Geltung zu bringen, die für angemessene Traum-Atmosphäre sorgen: Da flackern Videoprojektionen gespenstisch über Decken und Wände, Porzellanschwäne leuchten hinter Gaze-Paravents, Wagner-Klänge wehen durch die Räume, der Besucher kann kleine Türme besteigen, und über allem wölbt sich ein gemalter Sternenhimmel.
In diesem Ambiente (das allerdings zu vollgestellt ist und bei Besucherandrang Probleme machen wird) kommen natürlich die Ludwig-Reliquien bestens zur Geltung. So etwa erstaunlich schmale Schuhe des Kronprinzen, der deutlich voluminösere Gehrock des Erwachsenen, ein Blatt mit Skizzen, Kritzeleien und Unterschriftsübungen des jugendlichen Ludwig sowie die letzten Zigaretten des Königs.

Royale Geisterbahn

Inszenatorischer Höhepunkt der Schau ist aber eine großartige Rauminstallation, die bewusst und passend zum Thema an die Kitschgrenze streift: Nach der Abteilung über Ludwigs Tod im Starnberger See betritt der Besucher ein Spiegelkabinett mit Videoprojektionen, die funkelndes Wasser und flirrendes Blattwerk unendlich vervielfacht zeigen, so dass man sich in ein spacig-bayerisches Nirwana versetzt fühlt. Fast scheint es, als wolle die Schau das Ende des Königs verklärend mit Isoldes Liebestod kurzschließen, der in den Worten gipfelt: „ertrinken,/versinken-,/unbewusst-,/höchste Lust!“
Den Spagat zwischen atmosphärischem Erlebnispark und historischer Dokumentation haben die Ausstellungsmacher (Haus der Bayerischen Geschichte, Schlösserverwaltung, Landkreis Rosenheim) dennoch hingekriegt. Schließlich passt der ganze Kulissenzauber ja zu Ludwig II., der die Realität mehr und mehr gegen künstliche Inszenierungen vertauschte.
Und zudem ist die royale Geisterbahn, als die sich die Landesausstellung präsentiert, hinreichend ironisch unterfüttert, um deren ernsthaftere Absicht nicht zu übertönen: In fünf Kapiteln mit märchenhaften Überschriften („Wie Ludwig König wurde“) entfaltet sich ein Lebensroman. Nach Kindheit und Jugend geht es darum, „Wie der König Krieg führen musste“. Hier wird der Angriff auf Frankreich 1870/71 als erster verheerender Krieg des Industriezeitalters gezeigt – wofür etwa ein Maschinengeschütz aus jener Zeit steht, das 500 Schuss pro Minute abfeuern konnte.
Das bisher noch nie öffentlich ausgestellte Spitzenexponat der Schau ist dann der von Bismarck vorformulierte, von Ludwig per Hand geschriebene „Kaiserbrief“, in dem er – gegen seinen Willen – dem König von Preußen nach dem Sieg über Frankreich die deutsche Kaiserwürde anbietet. Dass er damit Bayern auf äußeren Druck hin zum „Vasallen“ Preußens gemacht und im neuen Deutschen Reich aufgehen lassen hatte, konnte Ludwig nicht verwinden. Wobei ihn vor allem kränkte, dass er, entgegen seiner märchenhaften Vorstellung, kein souveräner Monarch, sondern vielmehr Sachzwängen und politischen Machtkonstellationen unterworfen war.
Wie sich der König infolge dieser Begegnung mit der Realpolitik in seine „Gegenwelten“ zurückzog, schildert das folgende Kapitel der Ausstellung. Ein mythisches Mittelalter, das er etwa auch in Richard Wagners Werk beschworen sah, oder die Welt des französischen Sonnenkönigs wurden für Ludwig zu historischen Privatutopien, die er mit Bauten wie Neuschwanstein oder Herrenchiemsee in Form einer Kulissen-Realität verwirklichte.
Ein sehr anschauliches Bild nicht realisierter Projekte wie des Schlosses Falkenstein oder der surreal anmutenden „Ballonseilbahn“ über den Alpsee liefern aufwändige Computeranimationen, die ein weiterer Höhepunkt der Ausstellung sind. Besonders bizarr mutet der rückwärtsgewandte Eskapismus des Königs immer schon vor dem Hintergrund seiner Epoche an, einer Zeit rasanter Industrialisierung und wissenschaftlichen Fortschritts – den er selbst gerne für seine Illusionsmaschinerie nutzte: Zu sehen ist etwa Ludwigs barocker Prunkschlitten, der – dank einer eingebauten Batterie – als erstes elektrisch beleuchtetes Fahrzeug gilt.
Dass Bayern damals im Bereich Chemie und Elektrizität (Stichwort: Wasserkraft) schon eine recht fortschrittliche Gegend war, zeigen diverse altertümliche Generatoren und Maschinen. Wenn zu dieser Zeit aber auch das bald schon fremdenverkehrstechnisch verwertete Bayern-Klischee vom urigen Schuhplattlervölkchen entsteht, dann offenbaren sich darin, wie die Schau eher ungewollt deutlich macht, erstaunliche strukturelle Parallelen zum Privat-Historismus des Königs: Wie das populäre Lederhosen-Idyll sind auch Ludwigs elitäre Fluchten in ein Traum-Königtum, dem seine touristische Vermarktbarkeit schon eingeschrieben war, konsequente Symptome jener Zeit, in der die feudale Ordnung nur noch ein zerschlissener Opernprospekt vor der bürgerlichen Realität des Gründerzeit-Kapitalismus war.

Approbierte Klischees

Hier läge der archimedische Punkt, von dem aus man einen erweiternden Blick auf das Phänomen Ludwig II. hätte werfen können. Aber überraschende Erkenntnisse wollte die Landesausstellung wohl gar nicht bieten, sondern sie beschränkt sich auf eine gelungene kulinarische Feier der wissenschaftlich approbierten Ludwig-Klischees. Oder ist mehr als solche Mythenpflege gar nicht möglich? Würde, was immer man „Neues“ über den Kini sagte, nicht sofort in die große Ludwig-zwo-Verwertungsmaschinerie integriert?
Dass und warum die nach wie vor wie geschmiert läuft, wäre die eigentlich akute Frage gewesen. Aber warum die Sache kompliziert machen, wenn man ohnehin mit einem unübertrefflichen Exponat auftrumpfen kann: dem Genius Loci von Insel und Schloss Herrenchiemsee, die allein schon ein Grund dafür sind, die Ausstellung zu besuchen. (Alexander Altmann)

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