Kultur

Mariss Jansons ist ein Maestro, der den Starrummel meidet. Seit 2003 ist er Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters. (Foto: dapd)

11.01.2013

Der Orchesterflüsterer

Zum 70. Geburtstag von Mariss Jansons

Echte Sieger erkennt man daran, dass sie sich nicht als solche gerieren. Wahre Größe tritt bescheiden auf, mit Selbstdistanz und Understatement. Das ist auch in der Musikszene nicht anders. Da ist Mariss Jansons, der am 14. Januar seinen 70. Geburtstag feiert: Starrummel ist dem Dirigenten fremd, ihm geht es einzig um die Musik. Dahinter verbirgt sich eine Haltung, die stets Selbstbefragungen abverlangt. Das Konservieren von Hörgewohnheiten ist Jansons’ Sache nicht. Für ihn ist der Dirigent auch ein Psychologe, der die Befindlichkeiten der Musiker kennen sollte. Deshalb zählt Jansons heute zu den erfolgreichsten Klangerziehern. Er ist ein Orchesterflüsterer, dem die Musiker willig folgen.
Dabei ist Jansons ein Sieger, denn: Vor rund zehn Jahren wurde er Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks (BR), 2004 kam das Concertgebouw-Orchester in Amsterdam hinzu. Seitdem er in Amsterdam und München wirkt, werden beide Klangkörper in internationalen Rankings regelmäßig zu den besten Orchestern der Welt gezählt. Vielen gilt das Concertgebouw sogar als derzeit bestes Orchester, noch vor den Berliner und Wiener Philharmonikern.
Jansons ist mehrfach ausgezeichnet – erst jetzt wieder mit einem Musikpreis, der als Oscar der Klassikszene gilt. Trotz seiner vielen Erfolge bleibt sich Jansons treu. Seine Einstellung zum Beruf, die Routine nicht kennt, zieht sich durch seinen Werdegang.
1943, Riga: In einem Versteck im jüdischen Ghetto der von den Nazis besetzten Hauptstadt Lettlands wird Jansons geboren. Als sein Vater Assistent des berühmten Dirigenten Jewgeni Mrawinski bei den Philharmonikern in Leningrad (St. Petersburg) wird, folgt ihm 1956 die ganze Familie. Bald wird Jansons selber Assistent von Mrawinski, 1973 dessen Stellvertreter. Zuvor hatte er sich gen Westen orientiert und in Wien bei Hans Swarowsky und Herbert von Karajan studiert. Darüber hinaus verfolgte Jansons die neuesten Entwicklungen: Während andere über die historische Aufführungspraxis lächelten, suchte er den Austausch mit Pionieren dieser Richtung (Nikolaus Harnoncourt, Frans Brüggen). Sie wollten dem romantisierenden 20. Jahrhundert einen „Originalklang“ gegenüberstellen, der die Spielweisen und Instrumente vergangener Epochen ergründete.
Wie sehr Jansons davon heute profitiert, zeigte sein neuer Zyklus der Sinfonien Beethovens, den er im vergangenen November in Tokio mit den BR-Symphonikern erprobte: Viele Tempi waren überraschend flott. Einige Mitschnitte dieser Konzerte fließen in die Gesamtaufnahme ein, die im Frühsommer als CD-Box erscheint.
Dass München einen Klangöffner hat wie Jansons, ist für die Orchestermetropole ein Gewinn. aber: Selbst in Polen entstehen derzeit drei neue Konzertsäle mit Spitzenakustik. Im schlesischen Kattowitz konnte sogar der Star-Akustiker Yasuhisa Toyota gewonnen werden. Wenn München und Bayern in der Konzertsaalfrage weiter schnarchen, ist das hiesige Klassikleben bald nicht mehr konkurrenzfähig – weil Dirigenten wie Jansons nur mit Spitzensälen zu gewinnen und halten sind.
(Marco Frei

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