Kultur

Schon bald legten auch in der Dreiflüssestadt Dampfschiffe an und verbanden Passau mit den Metropolen an der Donau. Der Holzstich von Paul Hey entstand 1894. (Foto: Oberhausmuseum/Georg Thuringer)

14.08.2014

Die neuen Herren

Eine Ausstellung im Oberhausmuseum zeigt, wie sich Passau und Niederbayern im 19. Jahrhundert veränderten

Wie eng Lokalgeschichte mit den großen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen verzahnt ist, zeigt die Ausstellung Neue Herren – neue Zeiten im Passauer Oberhausmuseum. Es geht darum, wie sich Passau und Niederbayern im 19. Jahrhundert verändert haben.
Die große Zäsur gleich zu Beginn des Jahrhunderts: Plötzlich war man Einwohner eines Königreichs. Nicht nur Franken und Schwaben waren im Gefolge der Napoleonischen Eroberungskriege und dem Ende des Alten Deutschen Reichs zum neuen Königreich Bayern gekommen, sondern auch bis dato reichsunmittelbare Territorien wie die Stadt Regensburg oder eben das Bistum Passau. Die Bischofsstädter mussten neue Loyalitäten entwickeln – die neuen Herren an der Landesspitze waren nun die Wittelsbacherkönigen. Die Menschen wuchsen hinein in neue Zeiten mit neuem Rhythmus und neuen Abhängigkeiten. Doch trotz Monarchie hatte der Adel seine gesellschaftliche Vormachtstellung eingebüßt, die eigentlichen neuen Herren wurden die Bürger. Sie prägten das Wirtschaftsleben. Ihre Mentalitäten und Wertvorstellungen wurden geschichtswirksam. Selbst auf dem Thron gab man sich als „Bürgerkönig“.
Vor allem eines prägt den Blick auf die Passauer Regionalhistorie: Wie da das Räderwerk des kompletten wirtschaftlichen Um- und Aufbruchs der Industrialisierung ganz entschieden auch jene Räume umfasste, von denen man so gerne sagt, sie seien in ihren alten landwirtschaftlichen Strukturen verharrt.
Die sehenswerte Ausstellung auf der Veste Oberhaus verblüfft mit vielen Fund- und Schaustücken, die sich wie Requisiten eines Films über die Vergangenheit aneinanderreihen. Viele Exponate sprechen für sich, es geht neben den Textinformationen vor allem auch um die sinnliche Vermittlung.
So zeigen beispielsweise im ersten Raum schief aufgestellte Vitrinen die das Alte umstürzenden Veränderungen des beginnenden sogenannten langen Jahrhunderts, dessen dickes Ende von der Geschichtswissenschaft auf das Jahr 1918 verlegt wurde: dem Ende des Ersten Weltkriegs mit einer erneut heftigen Erschütterung der Säulen der Gesellschaft.

Sinnliche Vermittlung

In Passau war bis 1918 das 16er Regiment stationiert; Sterbezettel berichten von den Toten des Ersten Weltkrieg, die aus dieser Truppe stammten. Da muss man nicht viel erklären: Die Fotos der Getöteten, eine Sanitätskarre, ein Chirurgenkoffer sprechen Bände. Und sie erzählen auch, wie sich die Zeiten änderten: Die feldgraue Uniform löste die bayerischblaue ab, die Pickelhaube bekam einen Tarnüberzug und wurde dann vom Stahlhelm ersetzt; bunt und auffallend zu sein hatte sich an der Front schnell als übler Nachteil erwiesen.
Die Vielzahl der Exponate in Passau und deren – durchaus oft auch unterhaltsamer – Detailreichtum belegen, wie die überregionale deutsche, europäische Geschichte allmählich in den niederbayerischen Alltag einsickerte: Regional bedeutet ja nicht provinziell. Die kulturellen, sozialen, ökonomischen Veränderungen das 19. Jahrhundert spürten schnell auch die Menschen in Niederbayern.
Da gibt es etwa die neue Mobilität von der Donaudampfschifffahrtsgesellschaft bis zur Ausbreitung der Fahrräder, zu deren Ausstattung offenbar einst auch Hunde-Schreckschusspistolen gehörten. Themenräume widmen sich dem damaligen Bahnfahren, neuen Fabriken in der Region, den Kiosken, Warenhäusern, Moden, der Ansichtskartenproduktion – am Ende steht der erste jemals in Deutschland am Telefon gesprochene Satz: „Das Pferd frisst keinen Gurkensalat.“ Wesentlich Sinnvolleres ist seitdem nicht hinzugekommen. (Christian Muggenthaler)

Bis 15. November. Oberhausmuseum, Oberhaus 125, 94034 Passau. Mo. bis Fr. 9 – 17 Uhr, Sa./So. 10 – 18 Uhr. www.oberhausmuseum.de

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