Kultur

Leidenschaft unter der Zirkuskuppel: Torsten Petsch, Katharina Ruckgaber und Nam Young Kim als Publius, Servilia und Vitelia. (Foto: Lobinger)

14.09.2012

Die Welt, ein Zirkus

Andreas Wiedermann und die Opera incognita spielen Mozarts "Titus"

Für diese „deutsche Schweinerei“ wäre vielleicht ein aufgelassener Schlachthof in Frage gekommen. Aber Andreas Wiedermann hat sich mit seiner „Opera incognita“ für den Circus Krone entschieden. Da dessen Viecherl unterwegs sind, bleibt die Manege für diese „porcheria tedesca“, wie Kaiserin Maria Luisa nach der Uraufführung von Mozarts La clemenza di Tito 1791 in Prag schimpfte, sauber – auch wenn eine tendenziell blutige Geschichte erzählt wird.
Aber was Wiedermann interessiert, ist nicht die Transformation der alten opera seria in einen Stil der Vielfältigkeit, auch nicht das Katastrophen-Nachtstück (Ku(s)ej in Salzburg), sondern die „Transgression“ zwischen Zirkus und Weltordnung. Dass die hohe Politik von der römischen Kaiserzeit bis heute oft Züge von Zirkus annimmt, ist damit auch gemeint.
Für die Sänger der Drei-Stunden-Aufführung im Manegenrund und mit dem Orchester auf der Bühne dahinter bedeutet das: Singen und Akrobatik, nicht nur Mozarts Koloraturen sondern auch Jonglieren, Purzelbäume, Seifenblasen. Schon zur Ouverture kommen sie in Clownslatschen und Ballettröckchen (Annio und Servilia) in die Manege, um Zirkusdirektor Titus ihre Reverenz zu machen. Auch die Attentäter kauern längst unter dem Rhönrad, auf dem bunte Fähnchen die Länder des Imperiums markieren. Das ist weit und groß wie das Zirkusrund, in dem sich die Figuren, ihre Beziehungen und Gefühle, auch ihre Stimmen verlieren – selbst die Klänge des Mozart-Orchesterchens unter Ernst Bartmann.
Aber entweder hört man sich langsam ein oder die Zirkus-Kunststücke finden denn doch ihren Zusammenhang mit der Befindlichkeit von Szenen und Personen – spätestens vom ersten Finale an mündet die Aufführung ins angepeilte Transgressions-Format. Da korrespondieren die großen Gefühle mit der großen Spielfläche, werden fürs brennende Rom die Wassereimer quer durch den Zirkus geschleppt.
Diese logische Übereinstimmung ist Wiedermann im zweiten Akt nahezu durchgängig gelungen: Da finden Beziehungen und Bewegungen im Raum überzeugenden Zusammenhang. Jeder weiß, welchen Spagat er mit seinen Emotionen machen muss, Menschen vereinsamen in ihren Lichtinseln (hervorragende Beleuchtung von Peter Younes), und die Entrückung dieses mildtätigen Kaisers Titus findet ihren Ausdruck durch Ansprachen vom hohen Podest aus. Von da lässt er sein Volk Purzelbäume durch den Reifen machen und schwingt die Peitsche.
Wo die Hauptfiguren Sesto, Vitellia, Tito sich eigentlich nur noch den Tod wünschen, kommt die Inszenierung nicht mehr ohne Ironie aus: Ein Selbstmord-Helfer offeriert Todesarten aus dem Musterkoffer. Fulminant das Ende: Das Chorvolk wird mit allem, was die Zirkustheke hergibt, versorgt, die Verräterin bekommt den Brautschleier, das Publikum fordert „Sesto vive!“, der milde Titus lässt die Fesseln fallen. Aber das Volk stürmt in diesem Revolutions-Titus trotzdem seine Loge, das römische Reich wird zerdeppert.
Da war man mit den Anfangsschwierigkeiten dieses Zirkus/Welt-Konzept versöhnt. Die Sänger hatten von Anfang an nicht nur durch Körper-, sondern auch Vokalkunststücke überzeugt. Allen voran Reinhold Buchmayer als intensiver Arlecchino-Sesto, die von Leidenschaften zerfressene Nam Young Kim als Vitelia, der auch stimmlich milde Tenor-Titus Hui Jin. Auch Carolin Ritter (Annio), Katharina Ruckgaber (Servilia) oder Torsten Petsch (Publio) kann man an diesem Wochenende noch einmal wunderschön singend und perfekt jonglierend erleben.
(Uwe Mitsching)

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