Kultur

Das vermeintlich schwache Volk, das Alexander erobern will: Denis Lakey als indischer König Poro. (Foto: Falk von Traubenberg)

26.06.2015

Dubioses Happy End

Opern-Rarität beim Würzburger Mozartfest: Francois de Carpentries holt Baldassare Galuppis „Alessandro nell’ Indie“ in die Gegenwart

Verträgt eine über 250 Jahre alte Oper hochbrisante aktuelle Bezüge? Das Mainfranken Theater Würzburg widerlegte alle Befürchtungen, solches sei nicht machbar, mit der bejubelten Inszenierung von Baldassare Galuppis nahezu vergessenem dramma per musica Alessandro nell’ Indie, also Alexander in Indien.
Es geht um einen rücksichtslosen, charismatischen Eroberer, der Kriege in exotische Gegenden hineinträgt: um Alexander den Großen, der im 4. Jahrhundert vor Christus in der Schlacht am Hydaspes mit dem indischen König Poros aneinandergeriet.
Doch der historische Stoff steht bei diesem barocken Werk mit seinen vielen Verwicklungen aus der Feder des Librettisten Pietro Metastasio nicht im Vordergrund, sondern Moralisches wie die Frage nach der Legitimation des guten Herrschers oder das Verhalten der Menschen allgemein.
Dem heutigen Publikum aber kann man die ständigen Liebes- und Eifersuchtsdramen und die vielen ermüdenden da-capo-Arien kaum zumuten. Also wurde geschickt gekürzt, und Regisseur Francois de Carpentries hat mit seiner Ausstatterin Karine van Hercke das Geschehen in das heutige Krisengebiet an der Grenze Afghanistans verlegt – jenen Ort, wo auch der historische Alessandro und Poro aufeinandertrafen. So erinnert der Hintergrund immer wieder an zerklüftetes, unwirtliches Gelände; Schatten von Panzern fahren vorbei, Gewehrfeuer und dumpfe Einschläge sind zu hören.

Ironisches Fragezeichen

Die äußere Handlung: Es geht um die Eroberung „schwacher“ Völker durch eine zivilisatorische „Elite“ – der Grieche Alexander kommt chic gekleidet daher, ist ausgerüstet mit Handy und wird assistiert von einem Berater mit mobilem Büro im Koffer. Die Gegner, die Inder dagegen: König Poro und Königin Cleofide treten in exotischer Folklore auf – er, wie der ehemalige afghanische Präsident Karsai, sie wie eine Schönheit aus dem fernen Hindukusch. Seine Schwester Erissa wird als Gefangene in weißer Burka hereingeschleppt, bevor sie sich in Uniform zum Kampf aufrüstet.
Doch die Schlachten interessierten den Komponisten nur am Rande; er legte sein Augenmerk auf die emotionalen Verwerfungen.
Zu einer erfolgreichen Barockoper gehörte unbedingt ein glückliches Ende. Dies zitiert der Regisseur in seiner lebendigen Inszenierung zwar auch, versieht es jedoch mit einem ironischen Fragezeichen – aber erst, nachdem er den Aggressor Alexander durch einen Sprengstoffgürtel am Brautkleid von Cleofide in die Luft gejagt hatte. Aber halt! Nach einem kurzen Moment völliger Dunkelheit folgte die Wende im „lieto finale“ Galuppis: Poro lebt, bittet Cleofide wegen seiner Eifersucht um Verzeihung, und Alexander lässt Gnade walten, sucht aber sofort danach das Weite nach einem Handy-Anruf.
Musikalisch ist jedoch alles aus einem Guss. Enrico Calesso lockt aus dem klein besetzten Philharmonischen Orchester plastische Qualitäten, differenziert Feinheiten, viel Elan bei recht flinkem Tempo heraus.
Glänzend die sängerischen Leistungen. Joshua Whitener mimt einen smarten Jungdynamiker Alessandro und prunkt ungeniert mit der Strahlkraft seines Tenors, Denis Lakey als Poro meistert mit seinem fülligen, weichen Altus alle Höhen und Tiefen eines misstrauischen orientalischen Potentaten, durchdrungen von Eifersucht wegen seiner Geliebten Cleofide, von Silke Evers umwerfend reizvoll und selbstbewusst dargestellt und wunderbar gesungen mit strahlend klarem, souverän gestaltendem Sopran. Zur eher tragischen Figur der Erissena passt der dunkle Mezzosopran von Sonja Koppelhuber, und in den Hosenrollen von Gandarte und Timogene gefallen Anja Gutgesell und Maximiliane Schweda durch die Beweglichkeit ihrer hellen Soprane. (Renate Freyeisen)

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