Kultur

Getragener Rhythmus, der oft feierlich überhöht ist – bei der Kreuzigungsszene würde man auch nichts anderes erwarten. (Foto: ddp)

21.05.2010

Ein Hauch von Künstlichkeit

Mit malerischer Sicherheit inszeniert Christoph Stückl die neuen Oberammergauer Passionsspiele

Kamele sind auch dabei. Ebenso Schafe, Ziegen, ein Pferd und natürlich der Esel, auf dem Christus in Jerusalem einzieht. Lauter lebende Tiere sieht man da auf der Freilicht-Bühne der Oberammergauer Passionsspiele. Nur die bayerischen Urviecher sucht man vergebens. Denn auch wenn die Bärte der Darsteller (die traditionsgemäß alle aus Oberammergau stammen müssen) noch so struppig sind, auch wenn viele der 500 000 Zuschauer, die im nächsten halben Jahr die Passionsspiele sehen, aus dem Ausland kommen – mit einem bayerischen Heimatabend hat es zum Glück nicht das Geringste gemein, dieses fromme Bühnenereignis, das alle zehn Jahre von den Oberammergauern veranstaltet wird, getreu einem Gelübde ihrer Vorfahren aus dem Pestjahr 1633. Bemerkenswert ist vielmehr die tiefe Ernsthaftigkeit und Leidenschaft aller Beteiligten (2400 Laiendarsteller) bei diesem religiösen Theaterspiel, das, auch aus der Perspektive eines gebürtigen Münchners, der Exotik nicht entbehrt. Da sieht man vor der Tempelarchitektur der Bühne einerseits opernhafte Szenen mit beachtlichen Gesangssolisten und einem weißgewandeten Chor, dessen puristische Ästhetik an Wieland Wagners Neu-Bayreuth der 50er erinnert. Dann bestaunt man üppig-barocke Spielszenen mit Menschenmassen, in denen die Bibelstellen dramatisiert sind, die vom Leidensweg Jesu erzählen, und fühlt sich halb ergriffen, halb an jene liebevoll gebauten Diorama-Kripperl in Kirchen erinnert, die vor allem Kinder faszinieren. Dass man all das nicht nach den künstlerischen Kriterien der Theaterkritik beurteilen kann und darf, ist von vornherein klar, auch wenn unter den Darstellern einige Naturtalente auffallen wie (in der Premiere) Carsten Lück als Judas, Christian Bierling als Pilatus, Eva-Maria Reiser als Maria Magdalena und Frederik Mayet als eindringlich-verinnerlichter Jesus. Nein, entscheidend ist vielmehr, dass ein Besuch in Oberammergau je nach persönlicher Disposition alles Mögliche sein kann: Wallfahrt oder Bußfahrt, fromme Erbauung, kulturhistorische Exkursion und vielleicht auch ethnographische Feldforschung. Bei der Premiere dürfte allerdings für viele der 5000 Zuschauer die Erkenntnis vorrangig gewesen sein, was Passion wörtlich bedeutet: Bei fünf Grad und Dauerregen in einem wolkenverhangenen Gebirgstal ist es tatsächlich eine Leidenserfahrung, in dicker Winterkleidung rund sechs Stunden (mit drei Stunden Pause) eingepfercht auf engen Klappsitzen auszuharren.

(Alexander Altmann)

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