Kultur

16.09.2011

Es lebe der Mythos

Der Wittelsbacher Ausgleichsfonds erzählt im eigenen Museum seine - sehr subjektive - Geschichte der Dynastie

Nach vier Jahren Planungs- und Bauzeit hat in Hohenschwangau ein Museum seine Pforten geöffnet, das bundesweit wie international einzigartig ist. Es thematisiert nur ein Adelsgeschlecht, dessen Königtum von Napoleons Gnaden zudem nur 112 Jahre dauerte. Deshalb will das „Museum der Bayerischen Könige“ die Familiensaga von den Anfängen in Scheyern der Zeit um 1180 bis heute erzählen. Dazu wurden das leer stehende Grandhotel Alpenrose, ein Prachtbau zwischen Historismus und Jugendstil, und zwei Nachbargebäude umfunktioniert.
Vorläufig ist das Museum das einzige realisierte Projekt eines ehrgeizigen Gesamtkonzepts des Wittelsbacher Ausgleichsfonds (WAF) für Hohenschwangau. Das führte vor Jahren zu heftigem Wirbel und scheiterte am Widerstand der Gemeinde und der wenigen Privatleute, die im Ort neben dem WAF noch selbstständig Geld verdienen.
Tatsächlich ist Hohenschwangau ein strukturloses Konglomerat aus Parkplätzen und Gebäuden, durch das im Sommer mehr als 1,5 Millionen Besucher walzen und wo im Winter Tristesse herrscht. Deshalb wollte Peter Scherkamp, Chef des Fonds und ehemaliger Investmentbanker, das Örtchen mit Welcome-Center, Panoramabahn, Eventarena und eben dem Museum quasi zum Wittelsbacher Freizeitpark aufpeppen.

Mäßig gebildeter Ludwig


Beflügelt hat die Pläne sicher der Umstand, dass ausgerechnet das Schloss Neuschwanstein zu den ganz wenigen Immobilien gehört, die der WAF im Ort nicht besitzt: Über jährlich 1,3 Millionen zahlende Besucher freut sich der Freistaat als Eigner, während der WAF für Schloss Hohenschwangau nur 300 000 Eintrittskarten verkauft. Ob das Museum tatsächlich zur Einnahmequelle wird, muss die Zukunft weisen. Denn die Zahlen belegen, dass Urlauber, die in sieben Tagen durch Europa hetzen, sich auf wenige Höhepunkte beschränken. Schon die Macher des Musicaltheaters am Forggensee erlebten mit falschen Einschätzungen ihr finanzielles Desaster. Der WAF hofft deshalb vorsichtig auf 200 000 Besucher im Jahr und hat für die Alpenrose noch Gastronomie und Hotelbetrieb vorgesehen.
Zeit sollte man für den Besuch des Museums mitbringen. Zwar bietet es auf rund tausend Quadratmetern Ausstellungsfläche nur eine sehr überschaubare Zahl von Schaustücken, dafür aber reichlich interaktive Spielereien und schriftliche Informationen. Herausragendes Exponat ist die Architektur selbst.
Das Berliner Büro Staab Architekten gewann den geschlossenen Wettbewerb mit einer wohlkalkulierten Stimmungsarchitektur. Dafür wurden die drei maroden Baudenkmäler – sie datieren zwischen 1780 und 1910 – saniert und mit einer Erweiterung derart verzahnt, dass alles wie selbstverständlich erscheint. Nach außen inszeniert die spiegelnde Glasfront der eingeschossigen Aufstockung mit den durchscheinenden Spots der Innenbeleuchtung ein aristokratisches Entree. Der Speisesaal des Hotels wurde zum Museumsfoyer und Verteiler. An der Rückseite führt eine neue Treppe ins Obergeschoss des Verbindungsbaus, zugleich der zentrale Ausstellungsbereich und architektonischer Höhepunkt des Hauses.
Drei kassettierte Tonnenschalen in Stahlkonstruktion decken zwei Galerien und den ausladenden Mittelraum. Die breitere Galerie eröffnet mit dem Stammbaum des Geschlechts den Rundgang, die kleinere Galerie gegenüber rahmt den Ausblick auf ein fantastisches Panorama mit dem Alpsee und Schloss Hohenschwangau.
Der Mittelraum ist als Herzstück der Schau den Bauherrn der Schlösser gewidmet: Maximilian II., der die Ruine Hohenschwangau zum Sommersitz ausbauen ließ, und Ludwig II., der mit der „Neuen Burg Hohenschwangau“ an seinen überzogenen Plänen scheiterte und sie wie die anderen Schlösser als Bauruine hinterließ.

Minderwertigkeitegefühle des Sohns

Interessant wird der Vergleich zwischen Vater und Sohn, wo es um ihre unterschiedliche Art der Indienstnahme von Geschichte geht: Maximilian, wissenschaftlich interessiert, ein absoluter Monarch, gleichwohl geplagt von Minderwertigkeitsgefühlen gegenüber dem herrschsüchtigen Vater, suchte mit dem Griff in den Baukasten der Stilgeschichte den Herrschaftsanspruch der gebeutelten Familie historisch zu untermauern. Frisch war die Erinnerung an die Märzrevolution und den peinlichen Abgang des Vaters, der die Liebe zum Schönen nicht auf die Kunst hatte beschränken können. Aus dieser Haltung gründete Maximilian übrigens auch das Bayerische Nationalmuseum als Wittelsbacher-Museum.
Der Hochgebirgsschwärmer Ludwig II. dagegen, ein mäßig gebildeter Egozentriker, verlor sich in mythologischen und homoerotischen Träumereien, einem L’art pour l’art ohne Bezug zur Wirklichkeit. Als er nach dem Fiasko von Königgrätz mit der Unterzeichnung des „Kaiserbriefs“ auch noch die Unabhängigkeit Bayerns verspielt und die Kaiserproklamation des preußischen Königs im Spiegelsaal von Versailles ermöglicht hatte, zog er sich nach dieser blödsinnigen Provokation Frankreichs resigniert zurück und widmete sich lieber den Plänen für sein neues Versailles im Chiemsee.


Weichgespülte Darstellung


Wenn gleichwohl die kassettierten Tonnen aus 867 Rautenfeldern mit hinterleuchteten transluzenten Scheiben und Punktlichtern den dreischiffigen Raum in eine weihevoll sakrale Atmosphäre tauchen und damit auf das postulierte Gottesgnadentum der Erlauchten anspielen, steht das dem Selbstverständnis der Familie sicher nicht entgegen. Das zentrale Ausstellungsobjekt des Museums, Teile aus Schwanthalers berühmtem Tafelaufsatz für Schloss Hohenschwangau, mutiert durch die Präsentation auf dem strahlend weißen Tisch über der Mittelachse des Weihetempels von der sperrigen Tischdeko zum Altargerät.
Von der seeseitigen Galerie gelangt man in das Jägerhaus. Dort wurden für die Präsentation die Zimmer in Kabinette umgewandelt. Angesichts der dazu notwendigen Eingriffe staunt man über die Kompromissfähigkeit der Denkmalpfleger. Ein Thema in diesem Bereich gilt technischen Neuerungen. Man erfährt von der Freude des Märchenkönigs an dergleichen, angeblich ein Ausweis seiner Modernität.
In der durchweg weichgespülten Darstellung fehlt jeder Hinweis auf die im Kern industrialisierungsfeindliche Politik der bayerischen Könige. Nicht zufällig kamen die führenden Unternehmerpersönlichkeiten aus Franken und Schwaben, waren Nürnberg und Augsburg erste Zentren der Industrialisierung, während München spät nachzog. So war es auch ein Nürnberger, Sigmund Schuckert, der in Linderhof 1878 das weltweit erste Elektrizitätswerk baute. Für Ludwig blieben Telefon und Elektrizität amüsante Effekte. Die Elektrifizierung als zentrale Voraussetzung zur Industrialisierung des Landes realisierte er nicht. An der Stelle darf man auch einen Kernsatz der Ausstellung relativieren. Mag sein, dass Bayern den Wittelsbachern einmal viel zu verdanken hatte. Aber seit das Land sich teilte in Regierende und Unternehmer, die Innovationen vorantrieben und das Geld verdienten, hatten die Wittelsbacher Bayern viel zu verdanken.

Kartell des Schweigens


Der interessanteste Ausstellungsteil behandelt im Erdgeschoss das Ende der Monarchie und die Familiengeschichte im 20. Jahrhundert. Ein aufwändig präsentiertes Porzellanservice für 36 Personen, Geschenk der Familie zur Goldenen Hochzeit von Ludwig III. und Marie Therese am 20. Februar 1918, ist Beleg dafür, wie einer Adelsfamilie ihre Welt abhanden kam, während draußen Europa explodierte.
Andererseits gelang der Familie trotz Revolution und Republik ein beispielloses Arrangement mit dem Freistaat: Der WAF wurde per Gesetz am 9. März 1923 zur Versorgung der Wittelsbacher, der Verwaltung des Vermögens und dynastischen Erbes gegründet. Die Wittelsbacher Landesstiftung wiederum hütet die Kunstschätze, die das Haus bis 1800 gesammelt hat. Ihren Wert kann man getrost unermesslich nennen. Das gewaltige Vermögen des WAF können nur wenige Handverlesene beziffern. Trotz der Rechtsform Stiftung des öffentlichen Rechts erhält nicht einmal der Rechnungshof Einblick. Beim Thema WAF trifft man auf ein Kartell des Schweigens. Selbst Fragen nach den Kosten des Museums findet Peter Scherkamp „unglücklich“. Man bestätigt nur, dass der WAF für das Haus Leihgaben aus öffentlichen Sammlungen zurückforderte.
Fazit: Eine kritische Darstellung der Familiengeschichte unternimmt das Museum nicht, und niemand hat das wohl erwartet. Wenige Retuschen kratzen nicht an sorgfältig tradierten Bildern und am Mythos vom Märchenkönig und seinen Schlössern. Sie bedienen Wunschträume umso mehr, als historisches Wissen schwindet.
(Rudolf Maria Bergmann)

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