Kultur

Weg vom Kirchenauftritt, hin zu Projekten, die über den Namensgeber hinaus weisen: Hansjörg Albrecht, der Leiter von Bach Chor und Bach Orchester kann sich auch eine Münchner Bach-Akademie vorstellen. (Foto: Bach Chor)

25.04.2014

Exklusives Hobby

Münchner Bach Chor und Bach Orchester werden 60 – nach dem schleichenden Abwärts geht es mit neuen Projekten wieder bergauf

Wenn man über den 60. Geburtstag vom Münchner Bach Chor und Bach Orchester spricht, dann sitzt einem heute natürlich nicht mehr Karl Richter (1926 bis 1981) oder Hanns-Martin Schneidt (1930 geboren) gegenüber, sondern Hansjörg Albrecht. Dieser verwaltet seit 2005/06 das große, aber seit Richters Tod immer schmaler gewordene Erbe – trotzdem sind Chor und Orchester nach glorreicher Vergangenheit auch heute sehr erfolgreich: zum Beispiel mit drei ausverkauften Vorstellungen von Bachs Matthäus-Passion im Salzburger Festspielhaus gerade eben (Wiederholung im Münchner Gasteig).
Zum Jubiläum gibt es ein Festkonzert am 24. Mai im Prinzregententheater – am 28. Mai 1954 hatte Karl Richter, vormals Thomaskantor in Leipzig, diesen Chor, dieses Orchester gegründet und auf den Heinrich-Schütz-Kreis aufgebaut. Richter hat damals für München, wo Strauss, Mahler und Bruckner die Konzertprogramme dominierten, Johann Sebastian Bach erst so richtig entdeckt.

Zeit des Umbruchs

Richters Aufführungen, Aufnahmen sind legendär, noch immer gibt Albrecht zu: „Da wird einem warm ums Herz.“ Auch, dass die Zeit Richters für den Bachchor „nicht zu toppen, nicht zu wiederholen“ ist. Darüber hat er sich 2005, als er in München angefangen hat, auch gar keine Illusionen gemacht. Noch dazu sein Vorgänger Hanns-Martin Schneidt aus Wuppertal so richtig heimisch in München nie wurde, von der Presse „wenig beachtet“ wurde und irritiert war durch Diskussionen, ob es nicht besser sei, den Bach Chor überhaupt aufzulösen. Wogegen sich der Chor wehrte und durchsetzte – es war einer der höchsten Ehrenposten in München, im Bach Chor singen zu dürfen.
Aber Schritt für Schritt sei es abwärts gegangen: die Reisen, die ganze Organisationsstruktur – alles sei unmerklich, unaufhaltsam weniger geworden, beschreibt Albrecht (1972 in Freiburg geboren) diese Zeit des Umbruchs. Nein, beworben habe er sich damals für den Münchner Posten nicht  – er wurde vielmehr durch den Tenor Peter Schreier empfohlen. Dessen Assistent, Cembalist und Organist war er fünf Jahre lang: „Meine Hauptstärke waren die Tasten.“ Aber dann hat er doch zugesagt auf die mehrfache Münchner Anfrage hin.
Und ist seither damit beschäftigt, den damaligen Negativ-Trend ins Positive zu kehren. Er macht Gastspiele in Salzburg, Baden-Baden, Japan, viele in Italien: „Aber das Jahr hat 365 mögliche Termine, die wollen gefüllt sein.“
Mit der musikalischen Entwicklung seiner beiden Ensembles ist Albrecht dabei sehr zufrieden – „aber wir könnten durchaus größere Pakete schnüren.“ Will sagen: interessante Kombinationen von geistlicher/weltlicher Musikliteratur, zum Beispiel Brittens War-Requiem mit Kriegsbildern – keine Konzerte sondern Projekte, vielleicht sogar eine Münchener Bach-Akademie nach dem Stuttgarter Rilling-Vorbild. Was aber oft am „Münchner Schubladendenken“ scheitert, ebenso am (trotz aller, inzwischen allerdings auch wieder verblassenden, Händel-Renaissance) mangelnden Interesse an der Barockmusik, die auch ein Thomas Hengelbrock hier beklagt: Bach, obwohl viel aufgeführt, sei hier eine Sache für Weihnachten und Karfreitag.
Für Bach in historischer Aufführungspraxis genügt inzwischen auch der von 120 auf 80 Sängerinnen und Sänger geschrumpfte Chor: „Ich will wirklich nur die bestmöglichen Leute, nicht solche, die nur mitsingen wollen.“ Bei zwei Proben pro Woche wie seit Richters Zeiten ist das wirklich nur für extrem einsatzfreudige Chorsänger zu bewältigen: „Der Bach Chor ist ein Exklusiv-Hobby.“ Und er ist inzwischen auch kein evangelisch geprägter Chor mehr, sondern überkonfessionell. Schließlich werde, so Albrecht, ja bei anderen Chören auch nicht nach der Konfession gefragt: „Wir sind ein Konzertchor.“ Deswegen hat man auch die Beziehungen zur Markus-Kirche gelöst und nimmt keine Gottesdienstaufgaben wahr – bei einer finanziellen Unterstützung durch die evangelische Landeskirche ist es trotzdem geblieben.

In Italien gefragt

Hansjörg Albrecht ist ein kritischer Geist: „Die Altersstruktur der Konzertbesucher verschiebt sich eben nach hinten, aber die Bildungsstruktur darf nicht absinken“, sagt er. Ohne Jammern hört man von ihm auch folgende Sätze: „Mit einer Passion im Konzertsaal habe ich gar keine Probleme, höchstens mit der Akustik im Gasteig.“ Und „wenn wir bei der Ansbacher Bachwoche oder den Tagen Alter Musik in Regensburg nicht gebraucht werden, gehen wir eben nach Italien, wo das Bedürfnis nach geistlicher Musik groß ist“.
Bei allem Realismus bleiben auch Wünsche: Für sich selbst mehr Symphonie und Oper, solche Sachen wie ein szenisches „Mozart-Requiem“ wie jetzt in Neapel, für den Chor Beethovens Missa Solemnis oder einen kompletten Händel-Zyklus. Letztendlich sagt er, überzeugt von dem, was im Bach Chor und Bach Orchester steckt: „Ich bin nicht mit Geld zu halten, sondern nur durch interessante künstlerische Projekte!“ (Uwe Mitsching)

Festkonzert am 24. Mai im Prinzregententheater München mit Werken von Bach und Händel. www.muenchner-bachchor.de

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