Kultur

Schier lebensfreudiges Farbenspiel kennzeichnet das Selbstporträt Campendonks (1917). (Foto: Stadtmuseum Penzberg)

18.10.2013

Expressive Zerbrechlichkeit

Penzberg lässt Heinrich Campendonk nun auch als Hinterglasmaler entdecken

Fröhlich schreitet ein junger, schicker Herr durch eine bunt bewegte Landschaft. Hügel, Blumen, Früchte, satt-blauer Himmel, ein Zwiebelturm – Bilderbuch-Oberbayern. Für Gisela Geiger, Leiterin des Stadtmuseums Penzberg, besteht kein Zweifel, dass es die Kirche von Seeshaupt ist, die den oberen Bildteil beschließt.
In der Tat: Heinrich Campendonk, der sich hier in dem Hinterglasbild von 1917 selbst porträtierte, wohnte von 1916 bis 1923 im oberbayerischen Seeshaupt (von 1911 bis 1916 lebte er im nahen Sindeldorf). Gelernt hatte der 1889 in Krefeld Geborene die Kunst des Hinterglasmalens bei Gabriele Münter.
Unter dem Motto „Ein seltsam funkelndes Leben“ ist Campendonk – zusammen mit Heinrich Rambold und Otto Steininger – im Penzberger Stadtmuseum von einer Seite zu entdecken, die bisher zu wenig Beachtung fand. Immerhin gebe es, so Gisela Geiger, nicht weniger als 60 „konkret identifizierbare“ Hinterglasbilder von ihm.
Zur Kunst der Glasmalerei kam der Rheinländer durch die Kollegen des „Blauen Reiters“, dessen jüngstes Mitglied er geworden war. In Sindeldorf war er Nachbar von Franz Marc; dieser fiel 1916, nachdem Freund August Macke schon zwei Jahre zuvor im Feld gestorben war.

Wertvolle Signaturen

Campendonk experimentierte viel, kam gerne nach Murnau, wo es ihm die Herrlichkeiten der hinter schlierigem Glas leuchtenden Farben – vermutlich in St. Leonhard in Froschhausen – angetan hatten. Fortan malte er, neben Öl und Gouache, gern auch „aufs flache Glas“.
Campendonks Spontaneität des thematischen Zugriffs geht mit seiner Expressivität des Ausdrucks einher. Viele seiner Werke hinter Glas signierte er – sehr zur Freude der Forscher. Nach Ende des Ersten Weltkriegs malte er viel „hinter Glas“. Von Seeshaupt schickte er Hinterglasbilder per Post nach Berlin. Er legte sie zwischen Holzschnitte – „das ist nicht immer gut gegangen“, weiß Gisela Geiger.

Kritik von Franz Marc

Bekannt ist, dass Campendonks Anfänge in dieser im Staffelseegebiet, in Oberammergau und Uffing, in Augsburg fest verankerten Kunst nicht durchweg vom Glück begleitet waren: „So ganz klar war das nicht gestaltet“, kritisierte Franz Marc Campendonks ersten Hinterglas-Versuch kurz vor Weihnachten 1911.
In Gestaltung und Farbverwendung ging Campendonk eigene Wege. Mit Paul Klee betonte er die Verbindung zur sozialen Situation seiner Zeit. 1923 ging er ins Rheinland zurück. Er hatte immer gut verkauft, was er, ob „hinter Glas“, an Wänden, in der Glasfensterkunst, künstlerisch schuf. Ein Mäzen baute ihm in seiner Geburtsstadt ein Haus. Wie sehr Campendonck die Hinterglas-Malerei schätzte, beweist der Einbezug von immerhin 30 Hinterglasbildern in eine Ausstellung 1923.
Es lohnt ein Abstecher ins Stadtmuseum Penzberg – zu Campendonk, dem aus Hitler-Deutschland in die Niederlande ausgewiesenen, in Amsterdam 1957 gestorbenen großen Expressionisten. (Hans Gärtner)


Bis 10. November. Stadtmuseum, Karlstraße 61, 82377 Penzberg. Mi. bis So. 10 – 18 Uhr, Do. 10 – 20 Uhr.
www.museum-penzberg.de

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