Kultur

Die Schauspieler zeichnen ihre Figuren zwischen Klischee und Individualität (Rainer Bock, Ulrike Willenbacher, Peter Albers, Oliver Möller). (Foto: Dashuber)

17.12.2010

Gefühlsgewitter zwischen Komik und Wehmut

Schnitzlers "Der einsame Weg" am Münchner Residenztheater

Ja, in Wien war das früher so. Da schieden anämische Mütter mitten im Leben dahin. Ihre Töchter ertränkten sich, weil sie ältere adelige Schriftsteller liebten, die sich, da lungenkrank, ihrerseits selber entleibten. Die Söhne hingegen, fesche Leutnants, gingen auf Expeditionen in ferne Länder, nachdem sich verschrammte Alt-Bohemiens als ihre leiblichen Väter entpuppt hatten, und die Gatten besagter Mütter, würdige Akademie-Professoren, blieben alleine zurück.
Das Ganze nannte man dann Belle Epoque, und ein idealtypisches Bild jener guten alten morbiden Zeit zeichnet Arthur Schnitzler in seiner melancholischen Tragödie Der einsame Weg von 1904. Um so erstaunlicher, dass es Jens-Daniel Herzog gelingt, am Münchner Residenztheater aus dem zart patinierten Dekadenz-Drama einen hochkonzentrierten, spannenden Theaterabend zu machen. Vielleicht liegt es ja daran, dass der Regisseur den musealen Charakter dieser Geschichte aus dem etablierten Künstler-Milieu schon im Dreh-Bühnenbild (Ausstattung: Mathis Neidhardt) outet: Da sieht man ein Museum mit Sälen und Nebenkabinetten, Sitzbänken und Feuerlöschern, in dem aber keine Bilder mehr hängen. Nur die Drähte zum Anbringen der Gemälde flattern noch vor den kahlen Wänden.
Um so suggestiver wirken die szenischen Bilder, die Herzog in diese verwinkelten Seelen-Raumfluchten zaubert: Moribunde Dichter husten Blut an die Wand, über Altären für Verstorbene steht der Schriftzug „Et in Arcadia ego“, in Videos sieht man herbstlichen Blätterwirbel oder Frauen unter Wasser, und gleichzeitig rauchen all die fragilen Untergeher eine Zigarette nach der anderen, während sie haarscharf aneinander vorbeireden.
Weil die Akteure zudem durch Klamotten von heute als Gegenwartspersonal erkennbar sind, aber gleichzeitig Schnitzlers leicht antiquierte Sprache geradezu zelebrieren („Mit schicksalhafter Notwendigkeit glitten wir in Sünde“), entsteht ein hinreißender Verfremdungseffekt, der Komik und Wehmut unauflöslich verschmilzt.
Gesteigert wird die atmosphärische Magie, indem alle Schauspieler ihre Figuren feinfühlig zwischen Klischee und Individualität einpendeln: Götz Schubert etwa gibt das abgewrackte Maler-Genie mit Pferdeschwanz als nonkonformistisch getarnten Egoisten, Barbara Melzl changiert als ausrangierte Diva zwischen Selbstbetrug und Hysterie, und Rainer Bock ist der biedere „Kunstbeamte“, der sich in der ganzen Exzentriker-Gemeinde als eigentlicher Held der Humanität erweist.
Da merkt man plötzlich, dass diese Fin-de-Siècle-Krämpfe doch eine Menge mit uns zu tun haben. Weil in Schnitzlers Gefühlsgewittern die Krankhaftigkeit einer Gesellschaft aufflackert, die zwischen Konvention und Sehnsucht nach Authentizität zerrieben wird.
Wenn das alte Illusionstheater aber so erhellend wetterleuchtet wie bei Jens-Daniel Herzog, sorgt es immer noch für echte Bühnenwunder. (Alexander Altmann)

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