Kultur

Die mit beeindruckenden visuellen Effekten ausgestattete Inszenierung von Jean Renshaw mag trotz schauspielerischer und gesanglicher Glanzleistungen nicht so recht zünden. (Foto: Thomas Langer)

18.10.2015

Gelungene Inszenierung trotz unerträglicher Plattitüden

Musical "Der Tunnel" feierte im Stadttheater Fürth eine umjubelte Premiere

Wenn einer einen 5000 Kilometer langen Tunnel von Europa nach Amerika graben will, um dann mit Expresszügen den alten mit dem neuen Kontinent zu verbinden, ist das schon eine reichlich utopische Idee. Genauso utopisch war die Idee, diesen Stoff als Musical auf die Bühne zu bringen. Im Stadttheater Fürth feierte jetzt „Der Tunnel“ umjubelte Premiere und Uraufführung. Nach dem gleichnamigen Roman des gebürtigen Fürthers Bernhard Kellermann haben Thilo Wolf (Musik) und Ewald Arenz (Text) ein Sechs-Personen-Musical geschaffen.

Wohl inspiriert vom damaligen Bestseller-Effekt, dachten die beiden, das muss uns doch auch gelingen – als Bühnenstück. In der Tat waren die Voraussetzungen nicht schlecht: Der 1913 erschienene Roman von Kellermann entwickelte sich innerhalb eines halben Jahres zu einem wahren Hit. Die Auflage erreichte in dieser kurzen Zeit die 100.000-Marke.

Beeindruckende visuelle Effekte

Doch die mit beeindruckenden visuellen Effekten (Bühnenbild Marc Jungreithmeier) ausgestattete Inszenierung von Jean Renshaw mag trotz schauspielerischer und gesanglicher Glanzleistungen nicht so recht zünden. Der erste Teil schleppt sich angesichts von Textlängen und Dialogplattitüden quälend dahin. Immerhin nimmt anhand der Dramatik des Stoffs (das Tunnelprojekt fordert wegen einer gigantischen Explosion 8000 Tote) der zweite Teil mehr Fahrt auf. In ihm wird auch die Gesellschaftskritik deutlich. Ein blinder Technikglaube gepaart mit skrupelloser Geldgier in Form von Aktienspekulationen offenbaren die wahre Triebfeder für das Wahnsinnnsbauwerk. Hieraus speist sich auch die Aktualität der Inszenierung. Der unreflektierte Glaube an die Segnungen der Digitalisierung entfalten derzeit den gleichen Effekt.

Sinnbild für das Machbare des scheinbar Unmachbaren sind der Ingenieur Mac Allen, der Großunternehmer Charles Horace Lloyd und Bankerin Samantha Woolf. Alen Hodzovic verleiht dem selbstverliebten Ingenieur die nötige Portion Besessenheit, Ansgar Schäfer dem Großindustriellen die nötige Portion Geldgier und Bettina Meske der Bankiersfrau die nötige Portion Skrupellosigkeit. Sie sorgen mit Werbemaßnahmen und Überzeugungskraft für das Gelingen ihres rein Gewinn-getriebenen Plans. Dass Frau und Tochter des Ingenieurs den Tod finden und Lloyds Tochter Ethel einer unerfüllten Liebe hinterherläuft, zeigt sich zwar in der Fürther Produktion, aber die psychologische Entwicklung der Figuren ist leider genauso blas wie der Text im ersten Teil der Inszenierung. Es stellt sich die Frage, ob dieser Stoff überhaupt Musical-tauglich ist? Wenn dann noch Oliver Fobe als „Spielverderber“ M. mal den Moralapostel, mal den Klassenkämpfer, mal den Teufel und mal die Schwuchtel gibt, ist die Absichtsvielfalt sicher groß, die Klarheit für den Zuschauer aber perdü.
(Ralph Schweinfurth)

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